Magersucht: „So nah möchtest du dem Tod nie wieder kommen“

dzErfahrungsbericht

Zwei magersüchtige 16-Jährige erzählen von ihren Erlebnissen in psychiatrischen Kliniken. Ein Gespräch über Fixierungen, Drohungen und einen Suizidversuch.

Dortmund

, 06.10.2020, 05:00 Uhr / Lesedauer: 4 min

Psychotherapie: Laut Bundesgesundheitsministerium und der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung spielt diese Behandlungsform bei der Betreuung von Menschen mit Essstörungen eine zentrale Rolle.

Die Erkrankung sei lebensgefährlich und es bedürfe intensiver Psychotherapie, um gesund zu werden, sagt auch die Therapeutin Sandra Kettner: „Doch leider wird gerade dieser Therapieform oft zu wenig Beachtung geschenkt.“

20 Jahre lang litt die 51-Jährige selbst an Magersucht, besiegte die Krankheit aber vor 16 Jahren. Und kümmert sich heute in ihrer Brackeler Praxis als Heilpraktikerin für Psychotherapie um Menschen mit Essstörungen. Dazu gehören auch die 16-jährige Luisa und die gleichaltrige Emily (Namen von der Redaktion geändert), die beide an Magersucht leiden und deshalb Monate in Kliniken verbrachten.

„Wie ein Schwerverbrecher“

„Ich fühlte mich wie ein Schwerverbrecher“, erinnert sich Luisa an diese Aufenthalte. Die junge Frau wurde 2018 als 14-Jährige gleich zweimal stationär aufgenommen – zunächst für zwei, später für acht Monate. Heute, anderthalb Jahre später, erzählt sie von Fixierungen, von Drohungen, von fehlender Privatsphäre.

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Im Anschluss an den ersten Klinikaufenthalt habe sie zu Hause alle Mahlzeiten wieder erbrochen und an Gewicht verloren, sagt die 16-Jährige. Die Folge: ein neuerlicher stationärer Aufenthalt in der Psychiatrie.

Als sie sich auch dort übergeben habe, sei sie umgehend auf die geschlossene Station verlegt worden. „Und wer dort keine 500 Gramm pro Woche zunahm, wurde bestraft“, sagt Luisa. „Man durfte nicht mehr telefonieren und musste allein auf dem Zimmer essen.“

Sonde zur künstlichen Ernährung

Da sich aber auch dort weder ihr körperlicher, geschweige denn ihr seelischer Zustand verbesserten, habe man ihr eine Magensonde zur künstlichen Ernährung gelegt.

„Ich hatte ein Zimmer mit einem großen Fenster, damit ich immer beobachtet werden konnte. Und nachts durfte ich mich im Bett nicht zur Wand drehen, da ich mir ja sonst die Sonde hätte ziehen können.“

Aufgrund der Sondierung habe sie selbst keinerlei Einfluss mehr darauf gehabt, wieviel sie überhaupt zunahm: „Ständig wurde die Kalorienzahl erhöht. Das ging so weit, dass ich nicht mehr leben wollte, Nagellack und Drähte geschluckt habe.“ Und einmal habe sie die Sonde dann wirklich herausgezogen: „Daraufhin hat ein Pfleger zu mir gesagt: ‚Wie krank kann man nur sein?‘“

An keiner Therapie teilgenommen

Doch trotz des langen Aufenthalts habe sie in all den Wochen und Monaten an keiner Therapie teilgenommen, fährt die Schülerin fort: „Man sagte mir: ‚Ab einem bestimmten Gewicht bekommst du eine Therapie.‘ Aber das Gewicht habe ich ja nie erreicht.“

Sandra Kettner im Gespräch. Die Heilpraktikerin für Psychotherapie findet, dass es in der Öffentlichkeit viel zu wenig Aufklärung über Essstörungen gebe.

Sandra Kettner im Gespräch. Die Heilpraktikerin für Psychotherapie findet, dass es in der Öffentlichkeit zu wenig Aufklärung über Essstörungen gebe. © Michael Schuh

„Wichtiger wäre es, wenn man nicht nur am Symptom des Essens arbeitet, sondern sich intensiv mit dem auseinandersetzt, warum der Mensch erkrankt ist“, sagt Sandra Kettner. „Druck ist bei diesen hochsensiblen Menschen kontraproduktiv, daran zerbrechen sie.“

Verlegung in Privatklinik

Eine Sichtweise, die Luisas Mutter bestätigen kann. Als ihre Tochter nach Monaten wieder zu Hause war, habe Luisa sehr durcheinander gewirkt. Daraufhin sei bei ihr die Entscheidung gereift, ihr Kind in eine Privatklinik verlegen zu lassen: „Dafür musste ich mir viel Geld bei Verwandten borgen.“

Geändert habe sich jedoch nichts, sagt Luisa. In der neuen Umgebung sei sie nach kurzer Zeit durch eine Nasensonde ernährt worden: „Ich konnte die Kalorienzahl auf dem Beutel lesen und fühlte mich total überfüllt.“

Sie habe sich wiederum erbrochen, die Sonde selbst abgeschnitten und sei daraufhin mit Riemen „und bösen Worten der Pfleger“ am Bett fixiert worden. Als sie sich wehrte, habe ein Arzt gemeint: „Wenn du nicht still bist, fixieren wir auch deinen Kopf.“

Nur aus Angst gegessen

Nach anderthalb Wochen hätte sie erstmals ihre Tochter besuchen dürfen, berichtet die Mutter. Und sofort sei ihr eine Veränderung bei Luisa aufgefallen: „Innerhalb von ein paar Tagen hat sie wieder gegessen. Heute weiß ich: Nur aus Angst, weil sie nicht mehr fixiert werden wollte.“

Zwar durfte sie nach vier Monaten wieder nach Hause, doch von einer nachhaltigen Behandlung konnte keine Rede sein, findet die 16-Jährige heute: „Laut Gewicht war ich gesund, aber im Kopf fühlte ich mich noch schlimmer als vorher.“ Sie unternahm einen Suizidversuch – und kam erneut ins Krankenhaus.

Erst, als Luisa danach wieder daheim war, habe sich ihre Tochter zum Positiven entwickelt, erinnert sich die Mutter: „Da hatte ich das Gefühl, Luisa ist wieder da.“ Mittlerweile befindet sich die 16-Jährige in ambulanter Behandlung und fühlt sich viel besser: „Ich habe mir selbst gesagt: So nah möchtest du dem Tod nie wieder kommen.“

Emily machte ähnliche Erfahrungen

Wenn die ebenfalls 16-jährige Emily über ihren Klinikaufenthalt wegen Magersucht spricht, könnte man meinen, sie sei im selben Haus wie Luisa gewesen. Doch dem ist nicht so. Emily verbrachte vier Monate in einer anderen auf Essstörungen spezialisierten Klinik, von denen es etliche in Deutschland gibt.

Dort sei ihr direkt nach der Ankunft mitgeteilt worden, dass sie ab sofort täglich eine hochkalorische Trinknahrung zu sich nehmen sollte, denkt Emily zurück. „Als ich das nicht wollte, hat mir die Betreuerin gesagt: ‚Es gibt auch andere Maßnahmen.‘“ Und tatsächlich habe man ihr noch am ersten Tag eine Magensonde durch die Nase gelegt.

Auch auf der Toilette beobachtet

Es folgten Monate, die für Emily schrecklich waren. Auch sie berichtet von Fixierungen, von fehlendem Ausgang und von ständiger Beobachtung, die selbst die Toilette einschloss: „Deshalb traute ich mich oft gar nichts aufs Klo.“ Außerdem sollte sie sich eine Stunde nach der „Mahlzeit“ nicht bewegen, um so möglichst wenig Kalorien zu verbrennen.

„Ich wollte aber nicht eine Stunde sitzen bleiben“, sagt die Dortmunderin, „also bekam ich eine Glocke ans Bein gebunden, damit man hörte, wenn ich aufstand“. Als sie dann wegen „Emotionslosigkeit“ und „fehlender Aufnahmefähigkeit“ nicht an der Gruppentherapie teilnehmen durfte, habe sie sich schließlich freiwillig sondieren lassen: „Ich konnte nicht mehr.“

Und letztlich sei sie auch auf die anderen Forderungen eingegangen: „Ich habe selbst gegessen und durfte nach vier Monaten wieder nach Hause.“

Als Sandra Kettner, damals selbst noch an Magersucht erkrankt, Peggy Claude-Pierres Buch über diese Krankheit las, wurde ihr klar: "Das, was da drin steht, denke ich auch." Bei der kanadischen Psychologin holt sich Kettner Hilfe - und ist heute geheilt.

Als Sandra Kettner, damals selbst noch an Magersucht erkrankt, Peggy Claude-Pierres Buch über diese Krankheit las, wurde ihr klar: "Das, was da drin steht, denke ich auch." Bei der kanadischen Psychologin holt sich Kettner Hilfe - und ist heute geheilt. © Michael Schuh

Die Medikamente nehme sie seither weiter und sie esse auch von sich aus, sagt Emily. Aber gut? Nein, gut gehe es ihr nicht. „Ich schlafe auf dem Boden, weil ich im Bett an die Fixierung erinnert werde und Panik bekomme. Und so bin ich in der Schule oft extrem müde.“

„Auf die Menschen eingehen“

Dass beide Jugendliche nach den Klinikaufenthalten mit großen Problemen zu kämpfen hatten, kommt für die Heilpraktikerin für Psychotherapie nicht überraschend. „Viele Experten glauben immer noch, Essstörungen seien nicht heilbar - und das ist fatal.

Ich selbst bin der beste Beweis dafür, dass man sie sehr wohl heilen kann. Doch dafür muss man auf diese hochsensiblen Menschen eingehen.“

Bewusstsein bei Eltern schaffen

Luisas Mutter hat ihre Schlüsse aus der Odyssee ihrer Tochter gezogen; sie möchte nun bei anderen Eltern ein Bewusstsein dafür schaffen, welche repressiven Maßnahmen zumindest in einigen Kliniken getroffen werden, denen Eltern aus Verzweiflung zustimmen.

„Ich denke, die Ärzte und Betreuer glauben sogar an ihr Konzept. Möglicherweise hilft es auch einigen anderen Betroffenen. Doch aus Luisa wurde dort erst recht ein psychisch kranker Mensch gemacht.“

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