Atelier „Doctore Minutera“ erstellt Fotos auf Glas wie zu Zeiten der Pferdegespanne

dzHistorische Fotografie

Was wäre, wenn man für ein Foto bis zu 60 Sekunden stillhalten muss? Und der Prozess bis zum fertigen Bild zwei Stunden dauert? Bei „Doctore Minutera“ im Klinikviertel gibt es das Ergebnis.

Klinikviertel

, 20.04.2019 / Lesedauer: 3 min

„Entschleunigung war meine erste Motivation“, sagt Fotograf und Grafikdesigner Thaisen Stärke, der seit kurzem sein Atelier „Doctore Minutera“ im Klinikviertel eröffnet hat. Betritt man dieses, fühlt man sich zurückversetzt in die Zeit von Dampfmaschinen und Pferdegespannen. Inmitten des Raums steht der Fotograf mit Lederschürze, umgeben von Holzregalen, zahllosen Fotografien auf Glasscheiben, einigen Holzkästchen und einer großformatigen Holzkamera.

Es war das Jahr 1850, als die beiden Tüftler Frederick Scott Archer und Gustave Le Gray ein Verfahren erfanden, das die Fotografie revolutionierte: eine fotografische Nassplatte, die durch einen chemischen Prozess Bilder entstehen lässt. „Grundsätzlich benutze ich dasselbe Verfahren wie 1850 und arbeite mit denselben Rezepturen“, erklärt Stärke. Die Schwarz-Weiß Fotografien auf den kleinen 18 x 24 cm-Platten aus handelsüblichem Glas sind dabei für die Ewigkeit gemacht und sehen heute noch genauso aus wie vor über 150 Jahren.

Am Anfang stand der Wunsch nach Entschleunigung

Die Idee zu diesem außergewöhnlichen Verfahren und der damit einhergehenden, historischen Fotografie kam ihm während seiner Arbeit als Porträtfotograf. „Mir ist oft gesagt worden, ich soll einfach 50 mal den Auslöser drücken und dann wird schon ein brauchbares Foto dabei sein“, erinnert er sich. Er wollte diese Hektik nicht und der Wunsch nach Entschleunigung und alternativer Fotografie war geboren. So baute er sich anfänglich selber eine Lochkamera und wurde vor gut zwei Jahren auf das Verfahren mit der Nassplatte aufmerksam.

Nach der Aneignung der theoretischen Grundlagen dieses Verfahrens besorgte er sich die entsprechenden Utensilien sowie Zutaten und eine Kamera. Das heutige Modell kommt aus der Ukraine. „Die ersten Bilder waren komplett schwarz und es war etwas frustrierend“, sagt Stärke schmunzelnd. Doch dieses motivierte ihn, sich nach und nach dem optimalen Foto zu nähern.

Atelier „Doctore Minutera“ erstellt Fotos auf Glas wie zu Zeiten der Pferdegespanne

So sehen die fertigen Glasfotos bei Dottore Minutera aus. © Didi Stahlschmidt

So entwickelte er für sich die eigene Zusammensetzung der Chemikalien, bis hin zu unterschiedlichen Lösungen bei Temperaturschwankungen im Sommer und Winter. Denn das Verfahren an sich hat es in sich. Bei der Nassplattenfotografie wird das Glas anfänglich gesäubert, dann mit Kreide poliert, sodass es angeraut ist und danach mit Collodium, einer Flüssigkeit mit gelöster Baumwolle und Salzen, behandelt. Nach einem Silberbad entsteht die Lichtempfindlichkeit der Platte, die dann in die Filmkassette kommt. Nach der Belichtungszeit werden die Silbersalze im Entwicklerbad reduziert - durch den chemischen Prozess entsteht das Foto.

„Es ist tatsächlich reines Silber auf der Glasscheibe“, erklärt Thaisen Stärke. Die Fotos in Schwarz-Weiß sind ausdrucksstark, atmosphärisch, detailliert und vermitteln einem das Gefühl, dass die Person sowie die Aufnahme aus dem 19. Jahrhundert stammen. Denselben Eindruck macht auch das Studio, das liebevoll eingerichtet Arbeits- und Ausstellungsraum zugleich ist. Anfänglich war Thaisen Stärke mit seinem Studio im Speicher 100 am Hafen. Im Januar 2019 bezog er die Räumlichkeiten im Tätoostudio „Ewig und drei Tage Tätowierungen“.

Künftig mit einem mobilen Labor auch bei Festivals im Einsatz

Nebenbei arbeitet Stärke als Grafikdesigner, mit seiner speziellen Art der Fotografie in Dortmund ein Alleinstellungsmerkmal. Mit einem mobilen Labor möchte er künftig bei Festivals oder anderen Veranstaltungen vor Ort fotografieren und entwickeln.

Das Atelier „Doctore Minutera“, Kleine Beurhausstraße 22, ist mittwochs und freitags von 12 bis 18 Uhr, samstags von 11 bis 16 Uhr und nach Absprache geöffnet. Kontakt möglich unter Tel.: 0152-274 211 56, E-Mail: doctore-minutera@gmx.de und www.facebook.com/DoctoreMinutera.

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