Melanie Volkert würde gerne Kinderkrankentage beantragen. Aber wie? © Schaper
Schul-Lockdown

Alleinerziehende bekommt keinen Schein für Corona-Kinderkrankengeld

Wenn die Schule im Lockdown ist, können Eltern Kinderkrankengeld bekommen? Eine Alleinerziehende von Zwillingen aus Dortmund hat andere Erfahrungen gemacht. Eine Bescheinigung bekommt sie nicht.

Die Zwillinge sind allein zuhause. Melanie Volkert wäre gerne bei ihnen, aber wie? Homeoffice? Für sie nicht möglich. Volkert ist zahnmedizinische Fachangestellte. Die alleinerziehende Mutter muss neben dem Behandlungsstuhl sitzen und assistieren.

Normalerweise würden die elfjährigen Töchter jetzt die fünfte Klasse einer Gesamtschule besuchen. Im Dezember war das auch noch möglich. Seit dieser Woche aber sind alle Schüler zuhause, die Zwillinge nun im Distanzlernen gemeinsam vor einem Bildschirm.

Abends zu ende arbeiten? Nicht möglich

„Ich habe mich schon gefragt: Wie können wir das hinbekommen? Wie können wir das von der Arbeitszeit kompensieren?“ Doch was in Bürojobs klappen mag – tagsüber weniger zu arbeiten und Kinder zu betreuen und sich dann abends nochmal hinzusetzen – für Volkert geht das nicht.

Klar: Die Chefin komme ihr schon entgegen. Aber die Arbeitszeiten der Praxis ließen sich nun einmal nicht verlegen.

Zwei Kinder, alleinerziehend – 80 Tage möglich

Umso froher war sie, als die Politik Anfang Januar vom Corona-Kinderkrankengeld sprach: Normalerweise kann jeder Elternteil 10 Tage pro Jahr und Kind der Arbeit fernbleiben, wenn das Kind krank ist und betreut werden muss, Alleinerziehende sogar 20 Tage. Dafür gibt es 90 Prozent vom Nettolohn, ausgezahlt von der Krankenkasse.

Die Bezahlung bleibt 2021 gleich, die Kinderkrankentage aber werden verdoppelt. Einzige Bedingung: Der Besuch der Schule oder Kita ist corona-bedingt nicht möglich, und die Einrichtung bestätigt das schriftlich.

Heißt im Fall von Melanie Volkert: Ihr stehen 80 Tage zu, in denen sie ihre Zwillinge zuhause unterstützen darf, rein theoretisch rückwirkend sogar bis 5. Januar.

Bescheinigungen? Gibt es noch nicht

„Es werden aber noch keine Bescheinigungen ausgestellt“, sagt die Dortmunderin, „und zwar solange es keine behördliche Verfügung gibt.“

Die Folge: Ihre Töchter sind auf sich allein gestellt, wenn es Fragen zum Stoff oder zur Technik gibt. Melanie Volkert betont zwar: „Meine Kinder sind sehr selbstständig.“ Gleichzeitig weiß sie aus dem Alltag mit Elfjährigen: „Natürlich fehlt irgendwann die Eigenmotivation.“

„Sichern, dass Familien nicht in Nöte kommen“

„Wir können diese Familien nicht im Stich lassen“, unterstreicht Anke Staar, Dortmunderin und Vorsitzende der Landeselternkonferenz: „Und wir müssen auch sichern, dass die Familien nicht in Existenznöte kommen.“

Das sei eine zentrale Forderung. Das Vorpreschen der Politik nach den Beratungen der Kanzlerin und der Ministerpräsidenten habe aber mehr zur Verunsicherung beigetragen, als dass tatsächlich Hilfe und Unterstützung da seien.

Dass Eltern für die Zeit des Schul-Lockdowns zuhause bleiben könnten, scheitere ja nicht nur an der Bürokratie. „Viele Eltern, vor allem Frauen, auch viele Alleinerziehende sind in Bereichen beschäftigt, die prekäre Bedingungen mit sich bringen – und Angst dahinter.“

Traue sich denn die Verkäuferin oder die Reinigungskraft, dem Chef zu sagen, sie bleibe jetzt zuhause bei den Kindern? Staar ist skeptisch.

Hier, ganz konkret: Braucht man ein zweites Gerät?

Melanie Volkert sorgt sich stattdessen um andere Dinge, um die ganz praktische Umsetzung zuhause nach einem langen Arbeitstag: ein Gerät, zwei Schülerinnen, die ihre Aufgaben getrennt in der Schulplattform hochladen müssen. „Wir wechseln abends den Account und müssen uns jetzt überlegen, ob wir ein zweites Endgerät brauchen.“

Dass das Corona-Kinderkrankengeld als große Hilfe gefeiert werde? Volkert schüttelt den Kopf: „Ich habe heute Morgen noch zu meiner Chefin gesagt: Wenn alle Eltern in Deutschland jetzt nicht mehr zur Arbeit gehen und bei ihren Kindern bleiben, bricht das Land ad hoc zusammen.“

Über den Autor
Redaktion Dortmund
Jahrgang 1977 - wie Punkrock. Gebürtiger Sauerländer. Geborener Dortmunder. Unterm Strich also Westfale.
Zur Autorenseite
Björn Althoff

Der neue Lokalsport-Newsletter für Dorsten

Immer freitags um 18:30 Uhr das Wichtigste aus dem Dorstener Lokalsport direkt in Ihr E-Mail-Postfach.

Informationen zur Datenverarbeitung im Rahmen des Newsletters finden Sie hier.