„Ärger hatten wir nur mit einem deutschen Spender“ - Was Flüchtlingshelfer erlebt haben

dzVier Jahre „Flüchtlingskrise“

Als im September 2015 mehr als 1000 geflüchtete Menschen in nur einer Nacht in Dortmund ankamen, war die Solidarität riesig. Zwei Ehrenamtler blicken zurück - und schildern ihre Erfahrungen.

Dortmund

, 24.09.2019, 05:00 Uhr / Lesedauer: 2 min

Bergeweise türmten sich im Dortmunder Hauptbahnhof Päckchen mit den nötigsten Utensilien, die man nach wochenlanger Flucht gebrauchen könnte. Im September 2015 sind Tausende Menschen von einer Welle der Solidarität in Dortmund empfangen worden.

„Wir haben entschieden, dass wir unbedingt irgend etwas machen wollten“, sagt Laura Kühn vier Jahre danach auf dem Sofa neben ihrem Kumpel Max Goldbach. Übers Internet fand sie damals das „Projekt Ankommen“, das Geflüchteten den Start ins neue Leben erleichtern sollte. Die heute 29-Jährige entschied sich nach einem Infoabend, in der Umzugshilfe mit anzupacken.

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Zusammen mit etwa 20 Mitstreitern waren die beiden Dortmunder in der Stadt unterwegs und haben Möbel und Elektrogeräte von Spendern abgeholt und zu Flüchtlingen gebracht. „Am Anfang war das super anstrengend“, sagt die Juristin: „Da hatten wir noch kein Lager und mussten die Fahrten direkt von A nach B organisieren.“

Viel entspannter sei die Arbeit geworden, als immer mehr Ressourcen zur Verfügung standen. Viele Spender sind auf den Verein aufmerksam geworden, der für seine Arbeit auch mit verschiedenen Geldprämien ausgezeichnet worden ist. Ein Lager bei der Hauptpost durfte genutzt werden, und der Verein bekam einen eigenen Transporter.

„Ärger hatten wir nur mit einem deutschen Spender“ - Was Flüchtlingshelfer erlebt haben

Viele Menschen sind nur mit den Sachen, die sie tragen konnten, in Dortmund angekommen. © dpa

„Ich hab das drei Jahre lang ein bis zwei Tage pro Woche gemacht“, sagt Max Goldbach. Auf mehr als 200 Umzugstermine komme er in dieser Zeit. „Es ging uns darum, die Leute aus den städtischen Sammelunterkünften in private Wohnungen zu kriegen.

In 98 Prozent der Fälle sei Goldbach auf Menschen getroffen, die in vollkommen leere Wohnungen gekommen sind und nicht mal ein Bett hatten. „Die begehrtesten Sachen waren immer Betten und Küchengeräte“, sagt der 29-Jährige.

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„Die Familien waren super dankbar“, blickt Laura Kühn zurück, aus beruflichem Zeitmangel beendete sie später ihre ehrenamtliche Tätigkeit. Etwas unangenehm seien Situationen nur selten geworden, etwa als mehrere Geflüchtete gleichzeitig im Lager waren, um sich Möbel auszusuchen. „Spülmaschinen waren da zum Beispiel sehr begehrt. Ich habe aber nie mitbekommen, dass jemand zum Beispiel einen Fernseher verlangt hat.“

Viele junge Männer wollten dem Verein etwas zurückgeben

Das einzige Mal, dass jemand den Ehrenamtlichen gegenüber aggressiv wurde, das sei ein Spender gewesen, der sauer war, dass die Helfer seinen Sperrmüll nicht mitnehmen wollten, erzählt Goldbach. Der Mann sei der Meinung gewesen, mit etwas Restaurations-Arbeit könne man seine Möbel noch verwenden.

Generell haben beide nur positive Erfahrungen in der Flüchtlingshilfe gemacht. „Nachdem wir ihnen geholfen hatten, wollten vor allem viele junge Männer selbst im Verein mithelfen, um etwas zurückzugeben“, erzählt Kühn, die persönlich „nebenbei“ auch eine syrische Familie betreut hat. Sie half bei Behördenschreiben und hat einfach Zeit mit den Eltern und ihren Kindern verbracht.

Die eindrucksvollste Begegnung hatte Max Goldbach bei einer Familie in Lütgendortmund: „Da hat mir ein etwa zehnjähriges Mädchen gezeigt, wie ihre Brüder im Kampfanzug posieren, weil die in Syrien gegen den IS kämpfen. Die waren vielleicht 18, wenn überhaupt.“

„Von mehr als 200 Einsätzen kann ich unangenehme Storys an einer Hand abzählen“, sagt der Student. Im Kern habe sich das Engagement auch für die persönliche Erfahrung und den Blick auf die Welt auf jeden Fall gelohnt: „Da waren viele Leute, die unsere Hilfe wirklich gut gebrauchen konnten.“

Flüchtlingshelfer werden auch im Jahr 2019 noch von verschiedenen Organisationen gesucht, von der Umzugshilfe bis zu Patenschaften.
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