Spaziergänge am Phoenix-See und weit darüber hinaus stehen bei Ex-OB Gerhard Langemeyer mindestens einmal in der Woche auf dem Programm. © Schaper
Interview mit Ex-OB Langemeyer

10 Jahre Phoenix-See: „Ich hab‘ gewusst, das wird ein Knaller!“

Vor 10 Jahren wurde der Phoenix-See für die Öffentlichkeit freigegeben. Doch fast hätte es ihn nicht gegeben. Wie er ihn doch durchsetzte und ihn heute sieht, fragten wir Ex-OB Gerhard Langemeyer.

„Das ist ja hier wie im Urlaub!“ Die Hörder staunten. Sie waren in Scharen zu Fuß oder per Fahrrad gekommen. Es war der 9. Mai 2011. Der Himmel war blau über Dortmund und die Stadt gab den Phoenix-See frei für die Öffentlichkeit.

Ein kleines Wunder war geschehen, mitten im alten Industriestadtteil Hörde. Aber was heißt hier klein – immerhin größer als die Binnenalster. Heute ist die Seepromenade bei schönem Wetter ebenso dicht bevölkert wie der Westenhellweg außerhalb von Corona-Zeiten. Alle Altersklassen haben den See begeistert erobert.

Aber auch an einem wundersam entstandenen See, wo einst ein Stahlwerk stand, ist kein Licht ohne Schatten. Kritiker stört die dichte Bebauung, sie sehen eine Teilung des Stadtteils in Arm und Reich, Anwohner beklagen zu viel Verkehr und Lärm, Besucher zu wenig Parkplätze.

Zur Person

Der OB des Strukturwandels

Gerhard Langemeyer am Phoenix-See. © Schaper © Schaper
  • Dr. Gerhard Langemeyer (77) war von 1999 bis 2009 Oberbürgermeister von Dortmund und als erster OB auch Chef der Verwaltung.
  • Langemeyer ist Kunsthistoriker. Er war 1982 als Museumsdirektor nach Dortmund gekommen. Wurde Kultur- und Schuldezernent, dann Kämmerer, dann Stadtdirektor und schließlich OB. Er lebt in Hörde mit seiner Ehefrau Annegret.

Nur wenige Gehminuten entfernt, in Hörde-Nord, wohnt der Mann, der den Phoenix-See damals gegen alle Bedenken erfolgreich durchgeboxt hatte: Ex-Oberbürgermeister Dr. Gerhard Langemeyer. Unsere Autorin traf ihn zu einem Interview-Spaziergang an „seinem“ See.

Herr Dr. Langemeyer, wir schauen hier auf die Verwirklichung Ihrer Vision aus dem Jahr 2001. Hatten Sie sich das so vorgestellt?

Ja. Genauso. Ich hab gewusst, das wird ein Knaller.

Sind Sie oft hier?


Mindestens einmal in der Woche. Ich mache lange Spaziergänge mit meiner Frau bis Phoenix-West, auf ein Bergmann-Bier. Oder weit über den See hinaus, bis Haus Rodenberg. Zurück fahren wir dann mit der U-Bahn.

Ihr Lieblingsplatz am See?

Am liebsten sitze ich vor einem der Cafés und trinke einen Espresso. Und dann fühle ich mich auch wie im Urlaub.

Werden Sie erkannt und angesprochen?

Ja, ich bin tatsächlich schon öfter mal von Spaziergängern angesprochen worden, die ich gar nicht kenne. Sie bedanken sich. Das finde ich schön.

Obwohl Sie ja nicht wirklich der Erfinder des Sees sind.

Das stimmt. Es war 1999 und ich war noch Stadtdirektor, als mein Kollege Karl-Friedrich Ostholt sagte: „Ein Mitarbeiter hat da eine Idee. Sein Chef meint, das kann man nicht machen. Kann der Ihnen mal seinen Plan zeigen?“

Es war Norbert Kelzenberg, ein Stadtplaner. Er hatte alte Ansichten von Hörde durchgesehen, die Hörder Burg war ja eine Wasserburg. Das hat ihn inspiriert zu seiner Idee. Ich hab mir seinen Plan angeschaut und zu Kelzenberg gesagt: Der kommt jetzt ganz schnell in den Giftschrank.

Ach was! Keine Liebe auf den ersten Blick?

Doch! Aber es war der falsche Zeitpunkt. Die IG Metall und Thyssenkrupp verhandelten um Ersatzarbeitsplätze. Es war doch noch lange nicht klar, was auf dem Stahlwerksgelände passieren sollte. Und wir wollten doch nicht schon den Kampf um die Arbeitsplätze verloren geben!

Die Thomasbirne des ehemaligen Stahlwerks erinnert an die industrielle Vergangenheit des Seegeländes und der Stadt. Der Strukturwandel war Langemeyers größte Herausforderung als OB. © Oliver Schaper © Oliver Schaper

Das wäre sicher ein Dolchstoß gewesen. Zu diesem Zeitpunkt brannte ja auch noch die Hörder Fackel. Der See kam also erst später wieder ins Spiel, sozusagen als Happy End eines großen Dramas?

Wir nennen es heute Strukturwandel, aber es war ein gigantischer Kraftakt. Wir haben damals in den 90er Jahren mit den Krisen von Kohle, Stahl und Bier 80.000 Arbeitsplätze in Dortmund verloren, von insgesamt 277.000!

Das Erlöschen der Hörder Fackel war dafür ein Symbol: Für das Ende – aber auch für den Neuanfang. Da ging es aber erstmal nur um Arbeitsplätze, noch lange nicht um den See.

Wann haben Sie ihn aus dem Giftschrank befreit?

Das dauerte noch. Im Oktober 1999 bin ich OB geworden und am 23. April 2001 sollte zum letzten Mal in Hörde Stahl gekocht werden. Als klar wurde, dass auf dem Gelände keine Ersatzarbeitsplätze geschaffen würden, brauchten wir eine Perspektive – nicht nur für die Flächen von Phoenix-Ost und Phoenix-West, sondern vor allem für Arbeitsplätze. Das war die Geburtsstunde des „Dortmund Projektes“.


Da kam dann McKinsey mit ins Boot.

Thyssenkrupp bezahlte damals die Beratung durch McKinsey. Wir brauchten eine klar durchdachte Strategie, um die Beschäftigungslücke innerhalb von 10 Jahren wieder zu schließen. Letztlich haben wir dann doch 12 Jahre gebraucht. Aber heute haben wir sogar mehr als 280.000 Arbeitsplätze.

Gemeinsam mit McKinsey entstand das Konzept und wir haben radikal umgesteuert auf Spitzentechnologie: IT, Mikrosystemtechnik und Logistik. Dass wir Wissenschaftsstandort sind und das Technologiezentrum hatten, waren beste Voraussetzungen. Und tatsächlich sind dann die meisten Arbeitsplätze in den neuen Technologien entstanden.

Wie passten die Pläne für einen See in diese Gesamtstrategie?

Mit Statistik können Sie Menschen nicht begeistern – so wichtig Arbeitsplatz-Zahlen auch sind. Ein Strukturwandel braucht Symbole zum Sehen und Anfassen, etwas, das die Menschen berührt, stolz macht und ihre Lebensqualität spürbar erhöht. Genau das ist der See. Aber auch das Konzerthaus und das Dortmunder U gehören dazu.

Und schließlich: Die Menschen, die die neuen Arbeitsplätze besetzen sollten, das Fachpersonal vom Ingenieur bis zu den Beschäftigten an der Uni, die sollten ja hier wohnen können. Wir mussten den Standort insgesamt entwickeln, die Attraktivität steigern.


Und plötzlich war ein See ideal – wie haben Sie die ersten Reaktionen in Erinnerung, als Sie ihn vorstellten?

In Dortmund ist das bei Großprojekten meistens so: Erst findet man es gut. Dann kommen die Kosten, dann das große Zittern, das Kritisieren und das Sparen. Aber beim See gab es erstmal nur Kritik und Skepsis. Und dann wechselnde Mehrheiten. Aber immer ohne die FDP, die permanent die angeblichen Risiken herausstellte. Es gab auch eine Gruppe bekannter Dortmunder Persönlichkeiten, die sich ausgerechnet Phoenix nannte, aber total gegen den See Front machte.

Interview mit Abstand und Maske auf der Kulturinsel: Der Macher des Phoenix-Projektes im Gespräch mit Autorin Annette Feldmann. © Schaper © Schaper

Hatten Sie selbst nie Zweifel, ob das wirklich funktioniert?

Nein, nie. Wir wussten ja, dass es machbar ist. Und die Stadtwerke, bei denen wir das Projekt verankert hatten, sagten: Über die Grundstücksverkäufe rechnet sich das. Und so war es auch. Nicht nur die Bürger haben profitiert, auch Stadtwerke und Stadt mit jährlich wiederkehrenden Einnahmen aus Grundsteuern und Gewerbesteuern.

Wir haben noch in meiner Amtszeit eine positive Endabrechnung machen können. Darauf bin ich stolz. Und ich bin dem damaligen Stadtwerke-Chef Harald Heinze dankbar dafür, dass er mitgezogen hat, und auch den Ratsmitgliedern von CDU, Grünen und SPD, die die Beschlüsse mitgetragen haben. Ohne Mehrheit im Rat wäre nichts passiert.

Wenn Sie sich jetzt hier so umschauen und die im Einzelnen sicher ansprechenden Häuser sehen – finden Sie die sehr dichte Bebauung nicht auch ziemlich erschlagend?

Wenn ich die Häuser sehe, bedanke ich mich im Geiste bei allen Leuten, die hier Grundstücke gekauft und bebaut haben. Sie haben uns den See finanziert. Nicht ausschließlich, aber ohne diese hohe Grundstücksverwertung wäre der See wirtschaftlich nicht zu rechnen gewesen.

Wie begegnen Sie der Kritik, dass Hörde jetzt geteilt ist in einen armen und einen reichen Stadtteil und dass preiswerter Wohnraum verloren gegangen ist?

Wo der See ist, gab es vorher keinen Wohnraum, da ist niemand verdrängt worden. Es gibt glücklicherweise eine große Modernisierungswelle von Privateigentümern, die Hörde insgesamt aufwertet hat, aber es sind auch gleichzeitig Sozialwohnungen entstanden, auch am See.

Aber Hörde ist ja nicht nur der See.

Es sind schon vorher erhebliche Städtebauförderungsmittel in den Clarenberg geflossen und in den Kern von Hörde und in Begrünungen, zum Beispiel am Steinkühlerweg. Hörde ist insgesamt lebenswerter geworden, für alle Bürger. Und ganz bewusst haben wir ja auch keine Seegrundstücke verkauft, damit alle Menschen um den See gehen können.

In der Stadtentwicklung muss man auch mal etwas gelassen bleiben. Zehn Jahre sind eine kurze Zeit. Und in dieser kurzen Zeit haben die Bürger hier enorm viel Lebens- und Wohnqualität gewonnen. Alle Bürger.

Alle Bürger ist ein gutes Stichwort. Der See lockt ja auch viele rücksichtslose Besucher an. Sie führen lautstark ihr getuntes Auto vor, blockieren Anwohnerstraßen und machen bis in die Nacht Party am See. Was würden Sie heute dagegen tun, wenn Sie der OB wären?

Ich glaube, dass der Freizeitwert erhalten bleiben muss, sonst nimmt die Attraktivität ab. Aber das Parken sollte aus dem Anwohnerbereich herausgehalten werden. Nicht durch ein Parkraumkonzept, sondern indem man möglichst viele Straßen zu Anliegerstraßen erklärt, auch tagsüber. Und ansonsten würde ich die Präsenz des Ordnungsamtes verstärken. Und statt Knöllchen zu schreiben, für Ordnung sorgen.

Was ist am allerwichtigsten, wenn man ein solches Großprojekt wie Phoenix erfolgreich stemmen möchte?

Dass man keine Angst hat vor Leuchttürmen und einfach stur bleibt!

Dorsten am Abend

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