Corona katapultiert Dortmunds Südbad ins digitale Mittelalter

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Wer momentan im Dortmunder Südbad schwimmen möchte, muss einiges an Nerven mitbringen. Beim Reservieren eines Zeitfensters, hört man schon mal: „So mit Internet, das machen wir hier nicht“.

Dortmund

, 14.10.2020, 06:00 Uhr / Lesedauer: 2 min

Klaus Wegener, Präsident der Auslandsgesellschaft in Dortmund, geht gern Schwimmen, um sich fit zu halten. Bevorzugt zieht er seine Bahnen im Südbad. Doch Corona kann ihm das Kraulen vergraulen. Oder eher vergrault es ihm die Reaktion der Stadt auf die virale Herausforderung.

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Seit dem 23. Juni hat das Südbad wieder geöffnet. Doch wer dort schwimmen möchte, erlebt, dass es mit der von Dortmund angestrebten Digitalisierung im Alltag noch nicht weit her ist. „Auf die Frage, ob man in Corona-Zeiten hier auch online buchen und zahlen kann, kommt die Antwort: ,Nein, so mit Internet, das machen wir hier nicht‘“, berichtet Wegener.

Nur übers Telefon

Stattdessen muss man eine städtische Nummer wählen: 50-23503. Wegener: „Mit etwas Glück bekommt man nach vielen Versuchen – entweder es ist besetzt oder es geht niemand dran – einen freundlichen Menschen ans Telefon.“ Der oder die nimmt Name, Anschrift und Mobilnummer handschriftlich auf. Nur für den jeweiligen Folgetag kann man ein Zeitfenster zum Schwimmen buchen.

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Wie Wegener beobachten konnte, werden die Listen allmorgendlich am Eingang zum Südbad ausgelegt. „Zwei freundliche Damen suchen dann in den Listen nach Name und Anschrift und machen einen Haken dahinter“, berichtet er, „Zahlung geht nur bar, und bitte passend, wechseln ist schwierig.“

Klaus Wegener kann nicht fassen, dass in der angeblich digitalsten Stadt Deutschlands man ein Südbad-Ticket nicht online buchen und nicht mit Girocard zahlen kann.

Klaus Wegener kann nicht fassen, dass in der angeblich digitalsten Stadt Deutschlands man ein Südbad-Ticket nicht online buchen und nicht mit Girocard zahlen kann. © Foto: (A)

Dazu will so gar nicht passen, dass Dortmund im Jahr 2018 von der Stiftung „Lebendige Stadt“ zur „digitalsten Stadt Deutschlands“ gekürt wurde. Eine Auszeichnung, die auch den Vorbildcharakter lobt und auf die die Stadtverwaltung durchaus stolz war.

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„Armes Silicon Dortmund“

Allerdings steht Dortmund in einem aktuellen Digital-Ranking auch deutlich schlechter da. Im Smart City Index, dem Digitalranking aller 81 deutschen Großstädte ab 100.000 Einwohner des Branchenverbands Bitkom, ist Dortmund abgestürzt. 2019 lag die Stadt noch auf Platz 9 hinter Städten wie Hamburg Berlin, Stuttgart, München und Köln. Im Index für 2020 schafft es Dortmund nur noch auf Platz 32 zwischen Bielefeld und Braunschweig.

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Gerne zitiere Noch-Oberbürgermeister Ullrich Sierau den früheren US-Botschafter John B. Emerson, sagt Klaus Wegener. In Anlehnung an das Silicon Valley, Heimat von Apple, Facebook und Google, hatte Emerson nach einem Besuch im Sommer 2014 das Dortmunder Technologiezentrum als „Silicon Dortmund“ bezeichnet.

Wegener, der zuletzt telefonisch gar nicht mehr durchkam, um sich fürs Schwimmen anzumelden, fällt dazu nur eines ein: „Armes Silicon Dortmund.“

Kassensysteme werden aufgerüstet

Ihre Auszeichnung als „Digitalste Stadt Deutschlands“ hat die Stadt Dortmund mittlerweile von ihrer Homepage entfernt. Doch es gibt immerhin Hoffnung für das Schwimmerlebnis von Klaus Wegener. Wie Stadtsprecherin Anke Widow am Montag (12.10.) auf Anfrage mitteilte, „befindet sich die Vorbereitung zur Aufrüstung des Kassensystems in den drei städtischen Hallenbädern (Süd, Nord- und Westbad) in vollem Gange“.

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Die Erweiterung auf ein elektronisches Reservierungssystem mit der Möglichkeit zur elektronischen Vorab-Bezahlung des Ticketpreises solle so schnell wie möglich umgesetzt werden, erklärte Widow, ohne einen konkreten Termin zu nennen. Die Hotline für Reservierungen für jedes Hallenbad hätten die Sport- und Freizeitbetriebe nur vorübergehend installiert.

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