Die Vonovia hat in den vergangenen Jahren viel Initiative ergriffen in Westerfilde. „Das ist für die Stabilität des Ortsteils wichtig“, so die örtlichen Quartiersmanager. © Simon Bierwald | INDEED Photogra
Westerfilde

Wohin steuert ein Stadtteil, der 2014 vor der Zerreißprobe stand?

Westerfilde galt als komplett abgehängter Stadtteil. Sozial schwach, mit hohem Ausländeranteil und einer deutlichen Rechtsaußen-Problematik. Wie ist der Stand heute, wollten wir wissen.

Das Jahr 2014 war für Westerfilde vielleicht das Jahr des Tiefpunkts. Hoher Ausländeranteil, Rechte, die ihr Kapital daraus zu schlagen versuchten und eine Wohnsituation, die zum Teil katastrophal war. Nicht alles hat sich seitdem zum Besseren gewendet, wie unser Stadtteilcheck 2018 zeigte, aber die Situation ist nicht mehr vergleichbar.

Hier herrscht noch immer echte Kinderarmut, hier gibt es quasi keine institutionellen Akteure wie einen Gewerbeverein, hier war das soziale Gefüge in teilweise völlig verwahrlosten Wohnsilos so immens ins Ungleichgewicht geraten, dass die Stadt Dortmund gezwungen war, mit großem Aufwand gegenzusteuern.

Quartiersmanagement hat viele Baustellen

Das tun Stefanie Gerszewski vom Amt für Stadterneuerung der Stadt Dortmund und Juliane Hagen sowie Christoph Schedler vom Quartiersmanagement mit ihren Kolleginnen und Kollegen inzwischen seit dem Projektstart 2014 nach Kräften.

Sie versuchen seitdem, sowohl die Wohnungsgesellschaften oder Versorgungsunternehmen und andere Akteure vor Ort für die Probleme zu sensibilisieren, sie versuchen gleichzeitig aber auch, die Menschen vor Ort für ihren Stadtteil in die Verantwortung zu nehmen.

Das führt zu echten Erfolgen, wie Christoph Schedler anhand der aktuell gestarteten „Aktion Frühjahrsputz“ belegen kann. Sogar in der Pandemie hätten sich mehr als 40 Einzelpersonen und Vereine gefunden, „die mit Müllzange und Müllsack in Kleinstgruppe losziehen und ihren Beitrag zur Sauberkeit des Ortsteils beitragen“.

Die E-Jugend von RW Germania: im Alter von 8 bis 10 Jahren hat beim Frühjahrsputz 5 volle Müllsäcke gesammelt. © RW Germania: © RW Germania:

Wenn man weiß, dass sich für die Aktion im Vorjahr, die im März über die Bühne gehen sollte, wegen der ersten Corona-Welle aber kurzfristig gecancelt werden musste, gut 500 Menschen angemeldet hatten, wird aber auch klar, wie sehr Corona die Arbeit vor Ort behindert. Denn die erneute Schaffung einer Ortsteil-Identität, die in Westerfilde auf der Strecke geblieben war, steht und fällt zum großen Teil mit persönlichen Begegnungen.

Angebote müssen möglichst niedrigschwellig sein

Und sie hängt angesichts sozialer und teilweise sprachlicher Barrieren stark vom Art des Angebots ab. Wenn das Quartiersmanagement mit Engagement ehrenamtlich tätiger Westerfilder einen Tag der Nachbarn auf dem Marktplatz veranstaltet oder ein Marktplatz-Open-Air anbietet, sind die Teilnahme-Schwellen eben deutlich niedriger als bei Angeboten, für die man sich coronagerecht erst anmelden muss. „Das ist gerade eins der großen Probleme“, so Stefanie Gerszewski.

Zumal die Organisatoren nie wissen, ob ein geplantes Projekt gerade von neuen Einschränkungen, einer „Bundes-Notbremse“ oder sonstigen Verordnungen nicht kurzfristig gekippt wird. So hatte man im Winter etwa lange gehofft, die 2019 mit riesigem Erfolg angebotene Schlittschuhbahn wieder realisieren zu können, war dann aber vom verhängten Lockdown schmerzvoll ausgebremst worden.

Die Arbeit der Quartiersmanager hat aber zu erheblichen Erfolgen in Sachen Wohnsituation geführt. Wie Juliane Hagen erläutert, habe gerade die Vonovia seit Beginn der Quartiersoffensive etwa in der Speckestraßen-Siedlung oder jetzt aktuell im Bereich Wehrling/Mastbruch viel in die Entwicklung einer intakten Wohnsituation investiert. „Das sorgt für viel Stabilität im Quartier, die wir ohne die Vonovia nicht erreicht hätten“, so die Stadtplanerin.

Auch das ist Realität im Stadtteil: An der Westerfilder Straße, einst blühende Einkaufsstraße mit alteingesessenen Händlern, gibt es einigen Leerstand.
Auch das ist Realität im Stadtteil: An der Westerfilder Straße, einst blühende Einkaufsstraße mit alteingesessenen Händlern, gibt es einigen Leerstand. © Thomas Schroeter © Thomas Schroeter

Stabilität ist dabei auch mit Blick auf die Zukunft ein wichtiges Stichwort. Zwar ist die Quartiersarbeit laut Stefanie Gerszewski erst einmal finanziell bis Mitte 2023 gesichert und soll auch darüber hinaus weitergeführt werden. „Da hängen wir aber immer an Fördertöpfen“, gibt sie zu. Und so sei es auch Ziel des Quartiersmanagements, sich auf Dauer quasi selbst überflüssig zu machen.

Ein sozial eher schwach aufgestelltes Quartier

Großes Ziel der Arbeit sei es nämlich im Kern, vor Ort so viele Menschen auf Dauer für das Engagement im eigenen Ortsteil zu aktivieren, dass ein externes Management eines Tages gar nicht mehr nötig sei. „Das ist in diesem sozial eher schwach aufgestellten Quartier sicher schwierig, mit einzelnen Qualifizierungsmaßnahmen versuchen wir aber, die Entwicklung anzuschieben und sich selbst tragende Strukturen zu entwickeln“, so Stefanie Gerszewski.

Silke Freudenau übergibt ein Dankeschön an Näherinnen, die ehrenamtlich Mund-Nasen-Schutze für Menschen im Quartier genäht haben.
Silke Freudenau übergibt ein Dankeschön an Näherinnen, die ehrenamtlich Mund-Nasen-Schutze für Menschen im Quartier genäht haben. © Benito Barajas/Stadt Dortmund © Benito Barajas/Stadt Dortmund

Seit dem Herbst hat das Team noch eine weitere Aufgabe, nämlich die energetische Situation Westerfildes zu verbessern. Es geht dabei um die Umsetzung des InnovationCity Rollouts, eines Projekts zum klimagerechten Stadtumbau. Diese erst einmal sehr abstrakt klingende Idee mit Leben zu füllen, wird eine echte Herausforderung.

Deutlich konkreter hören sich städtebauliche Impulse an, die Westerfilde zusätzliche Impulse auf dem Weg in einen stabilen Sozialraum ohne massive Integrations- und Rechtsaußen-Problematiken geben sollen. So soll der Spielplatz an der Westerfilder Straße/Wenemarstraße zu einem echten Quartierspark aufgewertet werden und das Freigelände am Odemsloh neben dem Schulgelände soll aus Städtebauförderungsmitteln ebenfalls erneuert werden.

Und irgendwann, so hofft man in Westerfilde, wird man hoffentlich auch wieder ein Sommerfest wie 2019 feiern zu können, als gut 8000 Besucher für viel Leben im westlichen Stadtteil sorgten.

Über den Autor
Castrop-Rauxel und Dortmunder Westen
1961 geboren. Dortmunder. Jetzt in Castrop-Rauxel. Vater von drei Söhnen. Opa. Blogger. Interessiert sich für viele Themen. Mag Zeitung. Mag Online. Aber keine dicken Bohnen.
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Thomas Schroeter
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