Ein Abrissbagger besiegelt das Schicksal einer Traditions-Gaststätte. Sie war in mehrerlei Hinsicht legendär. © Helmut Kaczmarek
Stammkneipe der BVB-Spieler

„Wie eine Kirche“ – Bagger reißt beliebten Gastronomie-Tempel ein

Sie war Stammkneipe von BVB-Profis. Schnitzel begründeten ihren Ruf. Dann zerstörte ein Feuer die Gastronomie. Nun wird das Gebäude abgerissen Nachbarn erinnern an unvergessliche Jahrzehnte.

Frauke und Gernold Linke und Petra und Helmut Feierabend stehen vor einem Bauzaun. Hinter dem Zaun ein Haufen Schutt. Oben auf den Trümmern thront majestätisch und bizarr ein Bagger. In den vergangenen Tagen hat er nicht nur Mauern eingerissen, sondern auch viele Erinnerungen.

Erinnerungen an eine „Kathedrale des gut-bürgerlichen Geschmacks“. Der sakrale Vergleich drängt sich an diesem Abend durchaus auf. „Das Bild der Straßenecke ist jetzt anders“, sagt Petra Feierabend. „Das war ja wie eine Kirche – das gastronomische Wahrzeichen von Bodelschwingh.“

Frauke und Gernold Linke sowie Helmut und Petra Feierabend (v.l.) sind Nachbarn der
Frauke und Gernold Linke sowie Helmut und Petra Feierabend (v.l.) sind Nachbarn der „Tränke“. Sie erinnern sich gern an die legendäre Gaststätte. © Uwe von Schirp © Uwe von Schirp

Ecke Richterstraße/Elberskamp: Das Wahrzeichen war die Gaststätte „Tränke“ – für die vier Anwohner der Richterstraße ein Stück Heimat. Ein Ort für Familienfeiern, für ein kurzentschlossenes Pils, vor allem aber für gute Küche.

Tränke nicht nur Kneipe

Bis zum 25. September 2019: An diesem Mittwochmittag zerstörte ein Brand die Institution. Eine kleine Flamme am Gasherd hatte sich entzündet. Zweimal knallte es, als die Inhaber Rolf und Annegret Oehme beim Mittagstisch nebenan saßen. Drei Stunden wüteten die Flammen.

Monate später war klar: Das Gebäude ist reif für den Abrissbagger. 55 Jahre nach dem Bau ist die „Tränke“ gänzlich Geschichte. Ihren Namen trug sie, weil hier, nicht weit vom Bodelschwingher Ortsausgang, Reiter ihren Pferden Wasser gaben.

Es waren vor allem die 38 Jahre unter der Regie von Rolf und Annegret Oehme, die den legendären Ruf der Gaststätte begründeten. Irgendwann habe der Gastronom das Namensschild um den Zusatz Restaurant erweitert, erzählen die Nachbarn. Die Sorge: „Tränke“ deute zu sehr auf eine reine Kneipe hin.

Aber genau das war sie. „Es gab immer leckeres Bier und vor allem gut gezapft“, sagt Gernold Linke. „Wenn wir nachts um halb eins aus Oestrich vom Kegeln kamen, brannte bei Rolf häufig noch Licht“, erzählt Helmut Feierabend. „Wir sind dann oft noch auf einen Absacker hinein.“ Mehr noch: „Als wir einmal noch Hunger hatten, hat Rolf uns in der Küche noch ein Schnitzel gemacht.“

Süßigkeiten am Schalter

Die Schnitzel – sie sind legendär. „Wenn du vorne gesessen hast, hörtest du, wie er hinten in der Küche die Schnitzel geschlagen hat“, sagt Petra Feierabend. „Die Portionen waren riesig“, sagte Frauke Linke.

„Schlemmerkrüstchen“, schwärmt Ehemann Gernold. „Eine Portion waren zwei Stücke Fleisch, eines mit Sauce Hollandaise, eines mit Champignons. Dazu Pommes oder Bratkartoffeln.“ Er lacht und erzählt von einem Abend mit einem Freund. „Der wollte unbedingt eine Ochsenschwanzsuppe vorab. Das war soviel wie eine Hauptmahlzeit – beides zusammen kaum zu schaffen.“

Nur noch ein Haufen Schutt hinterlässt der Abrissbagger. Er begräbt eine Menge schöner Erinnerungen.
Nur noch ein Haufen Schutt hinterlässt der Abrissbagger. Er begräbt eine Menge schöner Erinnerungen. © Uwe von Schirp © Uwe von Schirp

Die vier Nachbarn stehen an diesem Abend vor einem Haufen der Erinnerung. Und die ranken sich nicht nur um die Schnitzel. „Ob in einem der Container wohl das Schild liegt?“, überlegt Petra Feierabend. Abbruch heißt Trennung von Schutt. In den Containern liegen wohl auch die Reste des Mobiliars, das in mehr als 50 Jahren dasselbe blieb.

Und die schweren Holzbalken, die dem Restaurant zur Richterstraße hin das Ambiente einer Pferdetränke gaben. „Als Kinder haben wir da mit Gurten unsere Fahrräder festgemacht“, erzählt die 57-Jährige. Frauke Linke erinnert an den Schalter zum Elberkamp hin. „Da haben wir Süßigkeiten gekauft.“

Kulinarische Inspirationen im Urlaub

Wie das Interieur sei auch die Speisekarte über all die Jahrzehnte dieselbe geblieben. „Ich glaube Rolf hat 2002 nur mal die Preise von D-Mark in Euro ausgetauscht“, sagt Gernold Linke und lacht. Trotzdem hätten die Inhaber ihre Gäste immer mit Neuigkeiten überrascht: kulinarische Inspirationen von Urlaubsreisen – Paella etwa oder ein Filetzopf.

Der ausgezeichnete Ruf der gut-bürgerlichen Küche reichte weit über die Grenzen von Bodelschwingh hinaus. Das hätten Autokennzeichen aus Castrop-Rauxel, Duisburg oder Gelsenkirchen vor der Tür gezeigt. „Nach dem Brand standen Autos mit offenem Fenster hier auf der Straße“, erzählt Gernold Linke. „Die Leute sagten, jetzt können wir hier ja gar nicht mehr essen gehen.“

Die Flüsterpropaganda des leckeren Essens und der großen Portionen drang bis in die Kabine des BVB. „Die Tränke war zu Hitzfelds Zeiten ja jahrelang Stammkneipe der Borussen“, berichtet Frauke Linke. Die Nachbarn nennen Stefan Reuter, Michael Schulz, Stephane Chapuisat, Jürgen Kohler und Thomas Helmer.

Äußeres Markenzeichen der
Äußeres Markenzeichen der „Tränke“ waren die Holzbalken vor der Tür, wie auf diesem Archiv-Foto zu sehen. Früher banden Reiter hier ihre Pferde an, um ihnen Wasser zu geben. © Hans-Joachim Schroeter (Archiv) © Hans-Joachim Schroeter (Archiv)

„Zwischen 19 und 20 Uhr standen sie am Tresen und haben gewartet, bis sie dran waren“, erzählt Ehemann Gernold. Schon damals war es ein offen gehandeltes Gerücht, dass die Spieler nicht nur zum Essen nach Bodelschwingh kamen. Rolf Oehme massierte die Fußballer auch kräftig durch.

Bauunternehmen plant Mehrfamilienhaus

Bei allen Legenden und aller Bekanntheit war die Tränke Heimat der Bodelschwingher und ihrer Vereine: Der Männergesangverein Frohsinn und der Reit- und Fahrverein hielten ihre Versammlungen an der Richterstraße ab. Geschichte.

Nach dem Brand kaufte das Waltroper Bauunternehmen Gebrüder Lorenz das Grundstück von den Alteigentümern Gisbert und Susanne Westermann. Das Unternehmen will hier ein Mehrfamilienhaus errichten. Rolf und Annegret Oehme haben den wohlverdienten Ruhestand angetreten – ein halbes Jahr vor dem eigentlich geplanten Abschied. Sie leben mittlerweile in Hombruch.

Bei ihren ehemaligen Nachbarn hinterlassen Gaststätte wie Inhaber eine Lücke. „Uns fehlt es, einfach mal abends spontan auf ein Bier nach drüben zu gehen“, sagt Frauke Linke.

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Freier Mitarbeiter
Geboren 1964. Dortmunder. Interessiert an Politik, Sport, Kultur, Lokalgeschichte. Nach Wanderjahren verwurzelt im Nordwesten. Schätzt die Menschen, ihre Geschichten und ihre klare Sprache.
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Uwe von Schirp

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