In vielen Kliniken gilt seit dem dramatischen Anstieg der Infektionszahlen ein striktes Besuchsverbot. Ein Dortmunderin hält die Maßnahme für grausam und unmenschlich. © dpa
Appell in der Corona-Krise

Verstorbener in Klinik vier Wochen ohne Besuch: „Es zerreißt mir das Herz“

Die Seniorin möchte niemanden anklagen. Ihr Appell sei ein „Hilferuf für alle, die zurückbleiben.“ Es geht um Besuchsverbote in Krankenhäusern, einsames Sterben und das Leid der Angehörigen.

Der Anruferin fällt das Sprechen schwer. Vor wenigen Tagen erst ist ihr Schwiegersohn an einer Herzerkrankung gestorben. Vier Wochen lag der Dortmunder (66) in einem Bochumer Krankenhaus, in der gesamten Zeit durften Tochter und Enkeltochter ihn nicht besuchen. „Kurz vor seinem Tod konnten sie dann zu ihm, doch da war er nicht mehr bei Bewusstsein.“

Sie habe die ganze Nacht wachgelegen, sagt die 81-Jährige aus Mengede, und schließlich beschlossen, die Redaktion anzurufen. „Man lässt die Kranken alleine, die Hinterbliebenen können nur tatenlos zusehen. Es ist keine Nähe möglich, das ist grausam und muss geändert werden“, appelliert sie.

Sie wolle niemandem einen Vorwurf machen, alle handelten nach Vorschriften, und die seien zur Pandemiebekämpfung ja auch wichtig. Dennoch: „Es muss Ausnahmen geben. Es muss erlaubt sein, kranke Menschen zu besuchen. Es ist unmenschlich, dass die wenige gemeinsame Zeit, die noch bleibt, ungenutzt verstreicht“, so die Mengederin.

Ihre Tochter hätte alles dafür gegeben, ihrem Mann beizustehen. „Sie hatten so eine wunderbare Ehe. Es zerreißt mir das Herz, sie so leiden zu sehen“, sagt die Anruferin unter Tränen. Doch auch mit einem negativen Corona-Test und Schutzkleidung habe man die Tochter nicht in die Klinik gelassen.

„Es ist ein Hilferuf für alle, die zurückbleiben“

Am 28. Dezember 2020 habe ihre Tochter ihren Mann (bei Bewusstsein) das letzte Mal gesehen. „Sie hatte ihn noch zum Hausarzt begleitet“, erzählt die Dortmunderin. Von dort sei ihr Schwiegersohn mit einem Krankenwagen direkt in die Klinik gebracht worden. „,Du kommst ja nach‘, hat er noch zu meiner Tochter gesagt. Aber er musste vergeblich auf sie warten, dieser Gedanke macht mich fertig.“

Mit ihrem Appell wolle sie alle Kliniken wachrütteln, in denen wegen Corona ein Besuchsverbot gilt. „Es ist ein Hilferuf für alle, die zurückbleiben“, sagt die Trauernde. „Auch wenn wir nichts mehr davon haben.“

Striktes Besuchsverbot auch in Dortmunder Kliniken

Viele Krankenhäuser, auch in Dortmund, halten an einem strikten Besuchsverbot aufgrund der im Herbst/Winter 2020/21 dramatisch gestiegenen Infektionszahlen fest. Entsprechende Hinweise sind auf den Internetseiten zu finden.

„Bedingt durch das Risiko einer möglichen Ansteckung mit dem Coronavirus bleibt das Besuchsverbot in Absprache mit den Dortmunder Krankenhäusern in unseren Kliniken weiterhin bestehen, um Patienten und Mitarbeitende zu schützen“, heißt es zum Beispiel auf der Seite der Katholischen St.-Johannes-Gesellschaft.

„Ich weiß auch nicht, wie man es regeln kann. Aber die Verantwortlichen müssen sich Gedanken darüber machen und eine Lösung finden“, so die 81-Jährige. Bevor sie auflegt, entschuldigt sie sich: „Ich musste das unbedingt loswerden, sonst wäre ich daran erstickt.“

Über die Autorin
Castrop-Rauxel und Dortmunder Westen
1968 geboren und seit über 20 Jahren Redakteurin bei Lensing Media. Zuständig für den Dortmunder Westen mit seinen Stadtbezirken Lütgendortmund, Mengede und Huckarde sowie für die Stadt Castrop-Rauxel.
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Beate Dönnewald

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