Die Gewerbefläche auf dem Gelände der ehemaligen Baufirma Nickel und Eggeling steht erneut in der Kritik. Schon vor eineinhalb Jahren hatten Anwohner ihrem Ärger Luft gemacht. © Stephan Schuetze (A)
Gewerbe-Areal

Tuner, Pinkler, Schlafgäste: Anwohner beklagen quasi rechtsfreien Raum

Ein Findling durchschlägt die Mauer einer Gewerbefläche – ein einzelnes Unglück. Anrainer des Areals beklagen indes seit Jahren Probleme. Sie blicken auf einen gefühlt rechtsfreien Raum.

Genau 18 Monate ist es her: Anwohner machen am 11. September 2019 ihrem Ärger in der Einwohnerfragestunde der Bezirksvertretung (BV) Luft. Der Stein des Anstoßes: Die Zustände auf einem weitläufigen Gewerbeareal.

Das liegt westlich der Dönnstraße in Dortmund-Mengede. Es ist das ehemalige Gelände von Nickel und Eggeling (N+E). Die Baufirma ging Anfang der 90er Jahre Konkurs. Später wurden dort eine Reihe Kleinunternehmen ansässig: Reparaturwerkstätten, Schrott- und Autoteilehändler.

Vor eineinhalb Jahren klagten die Anwohner der Dönnstraße über Müll auf dem Gelände, der Ratten anlocke. Sie beobachteten zudem von ihren Häusern aus Menschen, die auf dem Gelände sichtbar ihre Notdurft verrichten – in Ermangelung sanitärer Einrichtungen.

Situation war der Bezirksvertretung bekannt

Die Zufahrt zum ehemaligen N+E-Betriebshof erfolgt durch ein Tor mit Rollgitter. Die Bewohner der ehemaligen Zechensiedlung klagten vor der BV über Lastwagen vor dem Tor in der Nacht. Bei laufenden Motoren und mit Hupen forderten die LKW ein Öffnen des quietschenden Tors.

Den Bezirksvertretern war all das nicht neu. Der damalige Bezirksbürgermeister Wilhelm Tölch verwies auf vorangegangene Gespräche mit Polizei und Ordnungsamt. In einem Initiativ-Antrag beschlossen die Mengeder Politiker, erneut die Ordnungsbehörden einzuschalten und um Abhilfe zu bitten.

Seit Jahren haben verschiedene Firmen aus dem Kfz-Gewerbe ihren Betrieb auf dem Gelände.
Seit Jahren haben verschiedene Firmen aus dem Kfz-Gewerbe ihren Betrieb auf dem Gelände. © Stephan Schuetze (A) © Stephan Schuetze (A)

So dokumentiert es das Protokoll der Sitzung. Geändert hat sich seitdem offenbar nichts. Am Donnerstag (4.3.) durchschlug ein eineinhalb Meter großer Findling eine Mauer des Areals. Die Trümmer der Wand verletzten einen Zehnjährigen.

Bei Recherchen dieser Redaktion berichten Bewohner der früheren Zechensiedlung, dass sich die Situation keineswegs geändert habe. Eher habe sie sich weiter zugespitzt.

Übernachten LKW-Fahrer auf dem Gelände?

Vor allem im Winter stehe Qualm in der Straße, berichtet eine Eigentümerin. „Teilweise hat man das Gefühl, die verbrennen alte Ledersofas.“ Aus den oberen Etagen ihrer Häuser beobachten die Anwohner täglich Lastwagen, die auf das Gelände fahren. Personen oder Autos verlassen das Gelände nach ihren Aussagen anschließend nicht.

„Es sind LKW mit ausländischen Kennzeichen“, sagt die Anwohnerin. „Ich hab den Eindruck, die Fahrer schlafen da. Dann sollte man dort aber auch Toiletten und Waschgelegenheiten schaffen.“

Das Gewerbeareal der ehemaligen Baufirma Nickel und Eggeling liegt zwischen der Dönnstraße (u.), der Köln-Mindener-Eisenbahnlinie (r.) und den Bahngleisen der S-Bahn (o.).
Das Gewerbeareal der ehemaligen Baufirma Nickel und Eggeling liegt zwischen der Dönnstraße (u.), der Köln-Mindener-Eisenbahnlinie (r.) und den Bahngleisen der S-Bahn (o.). © RVR 2020 / aerowest © RVR 2020 / aerowest

Seit kurzem stünden auf dem Gelände rote Baucontainer. Abends brenne vor den Containern eine Feuertonne. „Wir gehen davon aus, dass da Leute wohnen“, berichtet die Hauseigentümerin der Dönnstraße. Und sie macht sich sogar Sorgen um womöglich unbedarfte Container-Schlafgäste.

„Das ist doch verseuchtes Gelände.“ Der Boden gilt im westlichen Teil in der Tat als kontaminiert. Dieser Bereich grenzt an die frühere Benzolanlage der Zeche Hansemann. Das ehemalige Säureharzbecken wurde zwar zurückgebaut. Chemische Relikte aus der Bergbauzeit sollen trotzdem noch im Boden lauern.

Unbekannter will Schrott-Auto zurückgeben

Zuletzt 2018 teilte die Stadtverwaltung den Mengeder Bezirksvertretern mit: „Nach Erörterung mit dem Umweltamt der Stadt Dortmund wird die Entwicklung von Bauflächen nur auf Grundlage eines Sanierungsplanes nach Bundesbodenschutzgesetz möglich sein.“

Die Anwohner fragen indes: „Was ist eigentlich aus den Plänen der Wohnbebauung geworden?“ Derweil erleben sie stattdessen eine ihren Schilderungen nach nicht mehr hinnehmbare Gewerbetätigkeit.

„Bei uns schellen sonntagmorgens während des Frühstücks Käufer, die Autoteile abholen wollen“, erzählt eine Eigentümerin genervt. Auto- und Teileverkäufe würden auf der Straße abgewickelt. „Dieser Tage kam jemand sogar zurück, weil sein gekauftes Auto Schrott war. Er hatte den Eindruck, das Auto von privat gekauft zu haben.“ Offenbar unter der Adresse der nichtsahnenden und unbeteiligten Anrainer.

Anwohner erleben eine Dauer-Belastung

Regelmäßig stünden abgemeldete Autos auf dem Parkstreifen an der Straße. Daher gebe es zu wenige reguläre Parkplätze. Die Folge: Im vergangenen Frühjahr bekamen viele Anwohner Knöllchen.

Parkplätze in der Dönnstraße zu finden, ist schwierig. Offenbar gibt es auch da einen Zusammenhang mit teilweise unrechtmäßig abgestellten, abgemeldeten Autos, erklären Anwohner.
Parkplätze in der Dönnstraße zu finden, ist schwierig. Offenbar gibt es auch da einen Zusammenhang mit teilweise unrechtmäßig abgestellten, abgemeldeten Autos, erklären Anwohner. © Uwe von Schirp © Uwe von Schirp

Kaum aber habe das Ordnungsamt die abgemeldeten Autos mit einem Aufkleber versehen, verschwänden diese vom Parkstreifen. Wenig später stünden dann andere Autos ohne Plakette da.

Die Anwohner schildern eine Dauerbelastung: 24 Stunden am Tag, sieben Tage die Woche. „Ich bin eigentlich davon ausgegangen, in einem Gewerbegebiet ist am Samstagnachmittag Schluss“, sagt eine Hauseigentümerin. „Da geht‘s bei uns aber erst los.“ Sie berichtet von getunten Fahrzeugen, die mit hoher Geschwindigkeit über die Dönnstraße und auf das Gewerbeareal fahren.

„Es kann doch nicht normal sein, dass da Samstagsabends zehn bis 15 Schlitten hochfahren“, kritisiert sie. „Das geht bis nachts um elf, halb zwölf.“ Im Sommer sei es besonders schlimm. „Wenn wir die Fenster offen haben, hören wir das Aufheulen der Motoren.“

Soziale Kontrolle findet nicht statt

Den Nachbarn reicht es. Sie fühlen sich, als lebten sie gegenüber einem rechtsfreien Raum. Das Areal liegt hinter einen hohen Mauer, mehr als drei Meter über Straßenniveau. Öffentliche Straßen oder Wege führen nicht darüber. Eine Form sozialer Kontrolle finde quasi nicht statt.

Nach dem Findlings-Unglück haben sich die Anwohner erneut ans Ordnungsamt gewandt. Das Ergebnis: noch offen. Geheuer ist den Anrainern das Treiben auf der anderen Straßenseite absolut nicht. Deswegen möchten sie ihre Namen auch in diesem Bericht nicht lesen. Sie haben Angst.

Über den Autor
Freier Mitarbeiter
Geboren 1964. Dortmunder. Interessiert an Politik, Sport, Kultur, Lokalgeschichte. Nach Wanderjahren verwurzelt im Nordwesten. Schätzt die Menschen, ihre Geschichten und ihre klare Sprache.
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Uwe von Schirp
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