Auf das Silvesterfeuerwerk müssen die Dortmunder auch in der Corona-Krise wider Erwarten nicht verzichten. "Scheidings Lagerverkauf" verzichtet trotzdem auf einen Mitternachtsverkauf von Raketen & Co. © Rüdiger Barz
Coronavirus

Kein Feuerwerksverbot – aber Scheiding sagt den Mitternachtsverkauf ab

Die Politik hat angesichts der Corona-Pandemie kein Verbot des Silvesterfeuerwerks beschlossen. Trotzdem verzichtet Christoph Scheiding auf seinen überlaufenen Mitternachtsverkauf in Dortmund.

Zahlreiche Dortmunder fiebern alljährlich einem ganz besonderes Happening entgegen: dem Feuerwerks-Mitternachtsverkauf in der Nacht auf den 28. Dezember bei „Scheidings Lagerverkauf“ im Dortmunder Stadtteil Oestrich. Hunderte Menschen stehen lange in einer langen Schlange an, um für ihr Weihnachtsgeld bei Christoph Scheiding Kracher, Böller und Raketen zu kaufen.

In diesem Jahr wird sich nächtlich keine Seele vor das Lager am Kammerstück 35 verirren. Denn das Spektakel vor dem Spektakel fällt aus, wie Christoph Scheiding auf Anfrage unserer Redaktion erklärt. „Einen Nachtverkauf unter AHA-Regeln zu veranstalten, wäre organisatorisch kaum möglich“, sagt der Großhändler.

Im Februar keine Ware bestellt

Dass hätte sich schon im Februar des Jahres abgezeichnet, als er in großen Mengen Atemschutzmasken nach China verkauft habe. Zu jener Zeit habe er sich entscheiden müssen, ob und wie viel er an Feuerwerkskörpern für den Silvesterverkauf 2020 einkaufe.

„Ich habe da nach Bauchgefühl entschieden und beschlossen, nichts einzukaufen“, erklärt Scheiding. Gut zwei Tonnen Feuerwerk habe er noch im Lager gehabt und entschieden, dass das reichen müsse. Für gewöhnlich würde beim Silvesterverkauf bei ihm gut die fünffache Menge umgesetzt.

„Aus jetziger Sicht würde ich sagen, dass mich die Entscheidung vor einer Insolvenz gerettet hat. Hätte ich im Februar Feuerwerk bestellt, dann könnte ich womöglich im Januar 2021 das Geschäft aufgeben.“

300.000 Euro Verlust

Durch den jetzt abgesagten Nachtverkauf erwartet Christoph Scheiding Umsatzeinbußen von etwa 300.000 Euro. Nicht nur auf den Nachtverkauf, sondern auch auf offensive Werbung verzichtet Scheiding in diesem Jahr. Regulär will er Feuerwerkskörper nur in seiner Dortmunder Filiale ab dem 29. Dezember anbieten.

Eigentlich hatte der Unternehmer gehofft, dass er über die Verkaufssonntage die Verluste hätte wieder reinholen können. Seit Dienstag (24.11.) hat er aber die Gewissheit, dass das nichts wird – das Oberverwaltungsgericht Münster hat für NRW Verkaufssonntage im Advent verboten.

27.12.2019: Vor dem Lagerverkauf stehen viele Menschen und warten auf die Öffnung. Das wird es 2020 nicht geben.
27.12.2019: Vor dem Lagerverkauf stehen viele Menschen und warten auf die Öffnung. Das wird es 2020 nicht geben. © Schaper © Schaper

Christoph Scheiding meint, dass er momentan kaum wisse, wo ihm der Kopf stehe: „Dieses Jahr ist völlig verrückt. Mal hü, mal hott – man weiß kaum mehr, wohin es gehen soll, wenn die Politik wieder mal mitteilt, wie es in Sachen Corona weitergeht.“

Keine Planungssicherheit

Für seine Firma bedeute dies, dass absolut keine Planungssicherheit mehr gegeben wäre. „Beim ersten Lockdown brauchte man weniger Personal, ab Sommer hatte sich das dann so entwickelt, dass auf einmal mehr Mitarbeiter notwendig wurden. Anders wären die Maßnahmen nicht umsetzbar, die vorgegeben sind, um den Betrieb weiterführen zu können“, sagt Scheiding.

Die Corona-Krise hätte für die Verbraucher aber dennoch auch Vorteile gehabt: Scheiding konnte viele Waren ins Sortiment aufnehmen, die er sonst nicht anbieten würde. „Wir haben zum Beispiel Lagerbestände von Duty-free-Shops aufgekauft, die leider Insolvenz anmelden mussten“, erzählt der Unternehmer.

Andererseits würde sich durch die Corona-Krise ein längerfristiger Lieferengpass für Waren ergeben, die aus Asien oder den USA eingekauft würden. „Artikel wie Instant-Nudeln aus Asien sind seit Beginn des Jahres überhaupt nicht lieferbar.“

Schlechtes Jahr für den Betrieb

Unterm Strich bewertet der Unternehmer 2020 als schlechtes Wirtschaftsjahr für sich: „ Die Schließung der Ladenlokale in Recklinghausen und Schwerte während des Lockdowns waren das Eine, aber dadurch, dass jetzt die Verkaufssonntage abgesagt wurden, muss ich neu überlegen, wie die entstandenen Verluste während der Pandemie ausgeglichen werden können“, so Christoph Scheiding.

Der erklärte Feuerwerks-Fan hatte fest damit gerechnet, dass die diesjährige Silvester-Böllerei gänzlich untersagt werden würde. „Tatsächlich hätte ich das gut gefunden, denn wer Silvester feiert, der wird wohl kaum seine Kontakte so beschränken, wie es die Situation derzeit erfordert“, sagt Scheiding.

Viele in der Branche mussten aufgeben

Seiner Meinung nach müssten Regeln zur Eindämmung der Pandemie her, die ohne Wenn und Aber durchgesetzt werden sollten. „Statt dem ewigen Hin und Her sollten die Maßnahmen konsequent und ohne Unterbrechungen umgesetzt werden, damit wir so schnell wie nur möglich zur Normalität zurückkehren können”, sagt der Chef von Scheidings Lagerverkauf.

So, wie sich die Situation in den vergangenen Monaten entwickelt habe, könne und müsse Scheiding sich tagtäglich neu darauf einstellen, seinen Betrieb sicher durch die Corona-Krise zu lenken. Viele andere in seiner Branche hätten schon das Handtuch schmeißen müssen.

Über den Autor
Freier Mitarbeiter
Fabian Paffendorf, Jahrgang 1978, kam 2003 zum Journalismus. Ursprünglich als Berichterstatter im Bereich Film und Fernsehen unterwegs, drehte er kleinere Dokumentationen und Making-Of-Berichte für DVD-Firmen. In diesem Zusammenhang erschienen seine Kritiken, Interviews und Berichte in verschiedenen Fachmagazinen und bei Online-Filmseiten. Seit 2004 ist der gebürtige Sauerländer im Lokaljournalismus unterwegs. Für die Ruhr Nachrichten schreibt er seit Herbst 2013.
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