Vorboten der Bebauung: Bäume, die für den Lebensmittelladen auf der Frerichwiese weichen müssen, sind bereits gefällt. © RN
Ärger um Discounter

Edeka zieht zurück – jetzt soll ein Discounter auf die grüne Wiese

Vom lange geplanten Edeka-Markt im Zentrum von Dorstfeld ist nichts zu sehen. Das wird auch so bleiben: Stattdessen rückt nun ein Discounter nach. Bezirksvertreter ballen die Faust in der Tasche.

Einige Vor-Ort-Politiker waren bereits im Bilde. Für andere hingegen war die Nachricht neu, die Planungsdezernent Ludger Wilde in der Sitzung der Bezirksvertretung Innenstadt-West am Mittwoch (3.3.) verkündete: Den seit Jahren geplanten Edeka-Markt auf der Frerichwiese an der Kreuzung Dorstfelder Hellweg/Arminiusstraße wird es nicht geben. Der potenzielle Betreiber ist abgesprungen.

Ein Lebensmittelladen soll aber trotzdem gebaut werden. Pächter indes wird nicht Edeka sein, sondern Netto.

Und es wird auch kein Vollversorger. Stattdessen kommt nun ein Discounter – genau das, was die Bezirksvertreter immer verhindern wollten. Zwar gab sich Planungsdezernent Wilde hinter verschlossenen Türen im Beisein von Netto-Vertretern alle Mühe, seinen Zuhörern die überraschende Wendung schmackhaft zu machen.

Doch das unterschwellige Grummeln der Politiker war mit Händen zu greifen. Am deutlichsten drückte das CDU-Sprecher Jörg Tigges aus: „Man hat uns in eine falsche Richtung gelenkt“, sagte Tigges mit Blick auf die Verwaltung. „Wir haben immer wieder ausdrücklich darauf hingewiesen, dass wir in Dorstfeld einen Vollversorger haben wollen.“

Politiker sind ernüchtert – und sauer auf die Verwaltung

2019 hat der Rat der Stadt den Bebauungsplan verabschiedet. Auch die Bezirksvertreter hatten dazu im Vorfeld ihren Segen geben. Aber schon damals war eine gewisse Skepsis aufgekommen, ob es denn wirklich ein „Vollsortimenter“ würde. Grund: Im Beschlussvorschlag der Verwaltung war von einem „Supermarkt“ bzw. „Lebensmittelladen“ die Rede – nicht aber von einem „Vollsortimenter“.

Ganz geheuer war die Sache auch SPD-Fraktionssprecher Olaf Meyer nicht: „Wir teilen die Ängste nicht“, gab er damals zu Protokoll – regte aber vorsichtshalber an, dem Rat der Stadt die Bedenken aus Dorstfeld schriftlich mitzuteilen.

Viel genutzt hat es offenbar nicht, wie sich nun zeigt. Zu ihrem Erstaunen mussten die Bezirksvertreter jetzt zur Kenntnis nehmen, dass der Begriff „Vollsortimenter“ zwar umgangssprachlich genutzt wird – aber rechtlich nicht zu definieren ist. Heißt: In der Baugenehmigung, die inzwischen vorliegt, taucht der Begriff „Vollsortimenter“ deshalb gar nicht auf.

Das sorgte bei den Vor-Ort-Politikern für erhebliche Verstimmung: „Die Information hätte ich von der Verwaltung gern früher gehabt“, kritisiert Tigges. Man habe ja nicht umsonst auf einen „Vollsortimenter“ beharrt: „Discounter“, sagt Tigges, „gibt es im Umfeld genug. Wir wollten verhindern, dass es zu einer Kannibalisierung kommt.“

Planungsdezernent Wilde spricht von „Netto plus“

Dabei mussten die Bezirksvertreter während der Sitzung eine weitere Kröte schlucken: „Wir hatten geglaubt, wir könnten aufgrund der veränderten Sachlage über den Bebauungsplan jetzt noch einmal entscheiden“, sagt Bezirksbürgermeister Friedrich Fuß (Grüne). Die Linken brachten bereits den Vorschlag ins Spiel, die Sachlage in der Sitzung am 28. April neu zu bewerten.

Aber auch daraus wird nichts: Ernüchtert mussten die Politiker zur Kenntnis nehmen, dass es für sie nichts mehr zu entscheiden gibt. Grund: Am geplanten Baukörper, der von einem privaten Investor hochgezogen wird, soll sich angeblich kein Jota ändern.

Netto, so hörten die Bezirksvertreter, wolle die Pläne genauso übernehmen, wie sie ursprünglich für Edeka vorgesehen waren. „Wir fühlen uns ein bisschen vorgeführt“, grummelt Fuß.

Am Ende blieb den Bezirksvertretern nicht viel mehr, als gute Miene zu machen – und, obwohl rechtlich bedeutungslos, dem Projekt pro forma doch noch zuzustimmen. „Mit erheblichen Bauschmerzen“, wie die Fraktionen unisono betonten. Dabei hatte sich Planungsdezernent Wilde alle Mühe gegeben, die Verärgerung nicht noch größer werden zu lassen: Der geplante Netto solle keiner der üblichen Discounter werden, signalisierte Wilde – und setzte kurzerhand den Begriff „Netto Plus“ in die Welt.

Keine Bedientheke, aber mit Cafe und Bäcker

Soll heißen: Während „normale“ Discounter rund 2000 Artikel in den Regalen hätten, sollen es beim Netto in Dorstfeld rund 5000 sein. Zudem werde es ein Café und einen Bäcker geben. Auch die Inneneinrichtung, teilweise mit Holz vertäfelt, soll sich deutlich vom Innenleben üblicher Discounter unterscheiden. Rund 1400 Qudratmeter Verkaufsfläche soll es geben.

Was es definitiv nicht geben wird, ist eine Bedientheke für Fleisch und Wurst – genau das, worauf die Politiker mit ihren Rufen nach dem „Vollsortimenter“ gehofft hatten. Was blieb, war ein kleines Trostpflaster: An den rund 70 Stellplätzen soll nicht gerüttelt werden. Und sie sollen, wie auch mit Edeka geplant, von Einkäufern während des Besuchs in anderen Läden genutzt werden können.

Einen konkreten Zeitplan für den Baustart des Netto-Ladens erfuhren die Politiker nicht. „Zeitnah“ solle begonnen werden, hieß es. Bäume, die dem Bauvorhaben auf der Frerichwiese gegenüber dem Schulte-Witten-Haus im Wege stehen, sind bereits gefällt.

Ob die Interessenemeinschaft „IG Dorstfeld Aktiv“ im Schulterschluss mit dem BUND (Bund für Umwelt- und Naturschutz) nun tatsächlich gegen das Bauvorhaben klagt, bleibt weiterhin offen. Bereits 2014 war es ihr vor Gericht gelungen, den geplanten Bau auf der Frerichwiese zu kippen. Damals sollte es noch ein Rewe-Markt werden.

Über den Autor
Freier Mitarbeiter
Jahrgang 1961, Dortmunder. Nach dem Jura-Studium an der Bochumer Ruhr-Uni fliegender Wechsel in den Journalismus. Berichtet seit mehr als 20 Jahren über das Geschehen in Dortmunds Politik, Verwaltung und Kommunalwirtschaft.
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