In dem Awo-Seniorenheim in Dortmund-Kirchlinde ist es zu einem Corona-Ausbruch gekommen. © Freddy Schneider
Coronavirus

Coronakranke Bewohner eines Altenheims bekommen keine 2. Impfung

Das Gesundheitsamt „verweigere“ seiner 94-jährigen Mutter die zweite Impfung gegen das Coronavirus. Das berichtet ein Dortmunder. Ihn stört das. Die Stadt aber hat eine einfache Erklärung.

Die Nachricht beginnt mit einem Dankeschön an die Pflegekräfte. „Meine 94-jährige Mutter hat den Corona-Ausbruch im Awo-Seniorenzentrum Kirchlinde zum Glück überlebt. Danke an die verbleibenden Pflegekräfte“, schreibt ein Dortmunder an unsere Redaktion.

Er möchte seinen Namen nicht veröffentlicht sehen – aus Angst, dass das Konsequenzen für seine Mutter haben könnte. Sein Name ist der Redaktion aber bekannt.

Im Awo-Seniorenzentrum an der Bockenfelder Straße in Kirchlinde ist es zu einem Corona-Ausbruch gekommen.
Im Awo-Seniorenzentrum an der Bockenfelder Straße in Kirchlinde ist es zu einem Corona-Ausbruch gekommen. © Tobias Weckenbrock © Tobias Weckenbrock

„Jetzt wird ihr vom Gesundheitsamt aber die zweite Impfung verweigert“, schreibt der Mann, der am Telefon erklärt: „Für mich als Angehörigen heißt das, dass weiter die große Gefahr besteht, dass meine Mutter alleingelassen und isoliert sterben muss.“ Was ist der Grund dafür?

100 Menschen galten als infiziert

Im Kirchlinder Awo-Seniorenheim ist es zu einem Corona-Ausbruch gekommen. Zwischenzeitlich galten mehr als 100 Bewohner und Mitarbeiter als mit dem Coronavirus infiziert. Mittlerweile sind 18 Bewohner des Seniorenheims am Coronavirus gestorben. Das ist der Stand vom vergangenen Freitag (12. Februar).

Auf Anfrage der Redaktion bestätigt die Pressesprecherin der Stadt Dortmund, Anke Widow, dass Menschen, die positiv getestet wurden, nach Entscheidung des Gesundheitsamtes nicht die zweite Impfung gegen das Coronavirus bekommen.

Anfang Januar haben sich die ersten Bewohner gegen Sars-CoV-2 impfen lassen. Danach kam es zum Ausbruch in der Einrichtung. Hintergrund: Die erste Impfung allein schützt noch nicht gegen das ansteckende Virus, schon gar nicht sofort, sondern frühestens zwei bis drei Wochen nach dem Pieks.

Daraufhin wurden „alle Bewohner und das Personal danach zum Teil mehrfach getestet“, sagt die Sprecherin. Das bestätigte auch die Sprecherin der Arbeiterwohlfahrt seinerzeit.

Körper bildet nach Erkrankung Antikörper

Laut Anke Widow ist es nicht ungewöhnlich, dass an Corona erkrankte Bewohner zunächst nicht die zweite Impfung bekommen. „Wenn ein Mensch eine Infektion mit Sars-CoV-2 entwickelt, werden vom Immunsystem Antikörper gegen das Virus gebildet. Daher haben Infizierte für einen längeren Zeitraum einen Schutz gegen eine erneute Infektion mit dem Virus“, sagt Widow.

Es sei nicht zu erwarten, dass die zweite Impfung zur weiteren „Verbesserung der Immunität des Menschen“ beitrage. Sie sei somit „nicht erforderlich“. Alle negativ getesteten Bewohner, die gesund sind und dem Impfangebot zugestimmt haben, erhielten die zweite Impfdosis, sagt Awo-Sprecherin, Katrin Mormann, auf Anfrage.

Der Impfstoffmangel trage dazu bei, dass die zweite Impfung zunächst denjenigen vorbehalten wird, die bislang noch nicht an dem Coronavirus erkrankt sind, so Widow. Der vorhandene Impfstoff müsse so effizient wie möglich genutzt werden. „Dies entspricht auch der Angabe des Impfstoffherstellers BionTech“, so Widow.

RKI: erstmal keine Impfung

Das Robert-Koch-Institut (RKI) rät zu diesem Vorgehen: „Nach überwiegender ExpertInnenmeinung sollten Personen, die eine labordiagnostisch gesicherte Infektion mit Sars-CoV-2 durchgemacht haben, zunächst nicht geimpft werden“, heißt es in der entsprechenden Empfehlung.

Ob Bewohner, die am Coronavirus erkrankt sind, jemals eine zweite Impfung bekommen werden, sagt die Stadt-Sprecherin nicht. „Dazu bedarf es weiterer Informationen des Impfstoffherstellers. Diese zweite Impfung würde einer Auffrischungsimpfung entsprechen“, so Widow.

Angehörige können sich verabschieden

Die Angst, dass Bewohner allein sterben könnten, wollte Awo-Sprecherin Mormann dem Dortmunder nehmen: Es sei „natürlich“ möglich, infizierte Menschen zu besuchen, die im Sterben liegen. „Angehörige werden dann mit Kitteln, Hauben, Handschuhen und FFP-Masken etc. ausgestattet“, so die Sprecherin.

Über die Autorin
Castrop-Rauxel und Dortmunder Westen
Freddy Schneider, Jahrgang 1993, Dortmunderin. Gelernte Medienkauffrau Digital/Print und Redakteurin. Seit 2012 arbeitet sie bei den Ruhr Nachrichten.
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Frederike Schneider

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