Kerstin Schweitzer vor dem Eingangstor zur ehemaligen Gehörlosenschule und Erstaufnahmeeinrichtung für Flüchtlinge in Hacheney: Der Anblick des verwahrlosten Geländes tut ihr, die hier lange zuhause war, weh. © Britta Linnhoff
Ehemalige Flüchtlingsunterkunft

„Warum bewacht ein Sicherheitsdienst etwas, das eh abgerissen wird?“

Wieso wird etwas mit viel Aufwand geschützt, was eh abgerissen wird? Das fragt sich Kerstin Schweitzer. Sie war früher auf dem Gelände der Gehörlosenschule und Flüchtlingsunterkunft zuhause.

Kerstin Schweitzer kennt Gelände und Gebäude gut. Schließlich hat sie hier 35 Jahre unterrichtet – und 28 Jahre auch gewohnt. Das war zu jener Zeit, als das Gelände zwischen B54, Glückaufsegenstraße und Hüttenbruchweg noch eine Gehörlosenschule war – und keine Unterkunft für Flüchtlinge.

Die Fläche von ehemaliger Gehörlosenschule und Erstaufnahme für Flüchtlinge liegt zwischen der B 54 (rechts im Bild) und Hüttenbruchweg (links). Hier fährt parallel die U 49. Der Zugang zum Gelände erfolgte von der Glückaufsegenstraße aus (Bildvordergrund). © sreenshot google maps © sreenshot google maps

Seit 2004 gibt es die Schule hier nicht mehr und seit 2016 auch keine Flüchtlinge. Die Gebäude sind verwaist. Es gibt aber einen Sicherheitsdienst. Kerstin Schweitzer fragt sich: „Warum bewacht man verfallene Gebäude so aufwändig, wenn die eh abgerissen werden sollen? Schweitzer geht es vor allem auch um teure Zäune, die auf dem ohnehin eingezäunten Gelände einzelne Bereiche absperren.

Die heute 76-Jährige hat gemeinsam mit ihrem Mann an der Schule unterrichtet und gewohnt. „Hacheney war mein Zuhause“, sagt sie. Heute lebt sie in Benninghofen. Aber sie hängt an diesem Fleckchen Hacheney. Also fährt sie vor vier Wochen mal wieder hin. Der Security-Mann sei so nett gewesen, sie kurz auf das Gelände zu lassen, „weil ich noch einmal meine alte Schule sehen wollte“.

„Das eigentlich Wertvolle hier ist der Zaun“

Das, was sie sieht, ist ernüchternd: Alles sei total verkommen. Sie habe, sagt sie, den Wachmann gefragt, was er hier eigentlich bewache. Der habe gesagt: Das eigentlich Wertvolle hier sei der Zaun. Und da hat Kerstin Schweitzer dann gleich noch eine Frage: Das Goethe-Gymnasium wolle doch einen Zaun um das Schulgelände: Warum könne man den nicht einfach dafür nutzen? Dann müsse man auch keinen Wachdienst mehr bezahlen, um das alles zu bewachen.

Die Natur hat sich in den letzten vier Jahren schon viel zurückerobert.
Die Natur hat sich in den letzten vier Jahren schon viel zurückerobert. © Britta Linnhoff © Britta Linnhoff

Die Frage, ob und warum das Gelände bewacht wird, beantwortete die Stadt im Dezember 2019 seinerzeit so: „Die Erstaufnahmeeinrichtung wird von einem Wachmann bewacht. Die Entscheidung resultiert aus dem Krisenstab. Die Kosten sind Vertragsinhalt und dürfen dementsprechend nicht mitgeteilt werden.“ Eine Antwort, die Fragen offen lässt.

Im Sommer 2020, vier Jahre nachdem die Flüchtlinge weg sind, ergibt eine Anfrage unserer Redaktion bei der Stadt zu den grundsätzlichen Plänen für das gesamte Gelände nichts Neues: Perspektivisch sei die Entwicklung eines neuen Wohnquartiers angedacht, heißt es. Dazu müsse der Bebauungsplan geändert werden. Wann, könne man nicht sagen.

Dabei war schon im Dezember 2019 von Wohnbebauung und von der erforderlichen Veränderung des Bebauungsplans die Rede. Und weiter: „Vor Einleitung eines Bebauungsplanänderungsverfahrens ist zunächst ein städtebauliches Konzept für die Bebauung der Fläche zu erarbeiten. Erste Ideen hierzu sollen von der Verwaltung in 2019 / 2020 entwickelt werden.“ Öffentlich geworden ist davon im September 2020 noch nichts.

Ein solches städtebauliches Konzept würde nicht nur Kerstin Schweitzer interessieren, sondern auch alle Hacheneyer. Denn was immer ein solches Konzept bringen mag, es hätte Auswirkungen auf den gesamten Stadtteil.

Und hier haben schon jetzt viele so ihre Sorgen mit den Gegebenheiten: Es geht zum Beispiel um eine vernünftige Verkehrsanbindung des neuen Leichtathletikstadions oder um ein Gesamtverkehrskonzept für den Stadtteil, der in unmittelbarer Nachbarschaft der ehemaligen Flüchtlingsunterkunft auch eine Abfahrt von der Bundesstraße 54 hat, die eigentlich als Provisorium gedacht war – und doch seit Jahrzehnten so ist, wie sie ist.

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Britta Linnhoff

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