Landrat Adolph Bölling-Overweg mit einem Gutsmitarbeiter auf dem Hof, im Hintergrund ist das Herrenhaus zu sehen. © privat
Verrückte Geschichte

Schweinerennen von Gut Reichsmark ist im „Tollen Bomberg“ verewigt

Zu sehen ist vom Syburger Gut Reichsmark so gut wie nichts mehr. Geschichten gibt es dafür umso mehr. Eine davon ist sogar literarisch verewigt: die vom Schweinerennen nach Brünninghausen.

Das Gut Reichsmark ist seit langem Geschichte, aber ganz vergessen ist es nicht. Das zeigen die zahlreichen Reaktionen, die unser Bericht über das 1964 abgerissene Anwesen hervorgerufen hat.

Viele Zeitzeugen haben sich gemeldet und Menschen, die in irgendeiner Weise mit dem Gut und deren Bewohnern verbunden waren. Der Dortmunder Klaus-Peter Schulte, der bei Recherchen über den Dortmunder Golfplatz einen Faible für das Gut entwickelt hat, hat mit allen Kontakt aufgenommen und so einen neuen, großen Schatz an Geschichten, Bildern und Relikten aufgetan.

Adolph Heinrich Overweg hat sich für das Foto mit seiner Familie und Hofangestellten vor dem Herrenhaus von Gut Reichsmark versammelt, um circa 1900.
Adolph Heinrich Overweg hat sich für das Foto mit seiner Familie und Hofangestellten vor dem Herrenhaus von Gut Reichsmark versammelt, um circa 1900. © privat © privat

Viele Anekdoten sind mit dem schlossähnlichen Herrenhaus, den weiten Ländereien und Wirtschaftsgebäuden verbunden. Einige davon haben sogar Eingang in die Literatur gefunden. Eine 93-jährige Dortmunderin erzählte dem Heimatforscher Schulte die Geschichte vom Schweinerennen, dem in dem Schelmenroman „Der tolle Bomberg“ von Josef Winckler (1881- 1966) eine Episode gewidmet ist. Die Gutsbesitzer-Familie Overweg und das Gut Reichsmark sind dort mehrfach erwähnt.

Roman erschien in den 20er-Jahren

Der Schriftsteller erzählt in seinem 1923 erstmals herausgegebenen Bestseller humorvoll eine Episode über ein außergewöhnliches Rennen, das Baron Bomberg und Rittergutsbesitzer Overweg auf Gut Reichsmark ausgeheckt haben.

Und so geht die Erzählung: Baron Bomberg hat die Idee zu dem Rennen beim Abendessen im Herrenhaus von Gut Reichsmark, das dort nach der Hauptversammlung des Westfälischen Bauernverbands stattfindet.

Im Roman heißt es, der ganze Vorstand sei von „Rittergutsbesitzer Overweg, dem Bruder des Landeshauptmanns, nach Haus Reichsmark bei Hohensyburg zum Abendessen geladen, ebenso auch Bomberg als Gutsnachbar, denn Bröninghausen und Reichsmark liegen beide südlich der Stadt, am Hang und auf dem Kamm des Ardey“.

Klaus-Peter Schulte stieß bei seinen Recherchen über das Gut Reichsmark auf den Schelmenroman
Klaus-Peter Schulte stieß bei seinen Recherchen über das Gut Reichsmark auf den Schelmenroman „Der tolle Bomberg“. Eine Zeitzeugin hatte ihn auf die Reichsmark-Episode hingewiesen und eine Ausgabe von 1924 zur Verfügung gestellt. © Susanne Riese © Susanne Riese

Bei diesem Essen fühlt sich Baron Bomberg von den „übermütigen Ansprachen“ Schorlemers, dem Vorsitzenden des Bauernvereins, zu der kuriosen Wette provoziert. Zuvor hat er diesen brüskiert, indem er zur Ausstellung des neu gezüchteten Rassepferdes „westfälisches Edelblut“ einen Stall voller Schweine präsentierte. „Dies sei seine hochbeinige, beste, in Eichenwäldern aufgezüchtete Edelblutrasse.“

Schwein als „edelstes Produkt Westfalens“

Beim Essen auf dem Gut adelt Bomberg die Tiere, die von der Schau ausgeschlossen wurden: „Das Schwein allein ist seit Jahrtausenden das edelste Produkt Westfalens!“ Und versteigt sich zu dem Kräftemessen: „Mein Edelblut ist auf Rennen gezüchtet, und ich halte jede Wette, daß es gegen Eure Edelblüter gewinnt! Ich will mit meinen Rassetieren Eure Kunstprodukte schlagen.“

Der Baron wettet, dass seine Schweine die 4,3 Kilometer lange Strecke von Gut Reichsmark durch das Bombergsche Holz bis Brünninghausen schneller bewältigen, als das beste Zuchtpferd.

Die Familie Overweg war für ihre prächtigen Reitpferde bekannt.
Die Familie Overweg war für ihre prächtigen Reitpferde bekannt. © privat © privat

Das Rennen sollte im Spätherbst starten, und zwar auf Wunsch des ausgefuchsten Barons gegenüber dem Herrenhaus in „Bombergs Holze“. Vorab ließ der nun seine Schweine jeden Tag zum Startpunkt verfrachten und dann zurück nach „Bröninghausen“ führen, bis sie die Strecke von allein trabten.

Zwei besonders vielversprechende Eber hießen nach ihrem Züchter Moses und Maier II, ein anderes Schwein trug bezeichnenderweise den Namen Schorlemer. Am Renntag ließ Bomberg die Schweine tüchtig hungern, so dass der Drang zum heimischen Trog groß war.

Der siegessichere Freiherr von Schorlemer und Rittergutsbesitzer Overweg setzen den „bekannten Rennreiter Herrn von Nagel“ auf ihr edles Pferd. „Grunzend, quiekend, gurgelnd“ rennen die Schweine den Ardey hinab, so heißt es in der Beschreibung. Über die Wiesen und Felder geht es auf den „Turm von Bröninghausen“ – vermutlich Schloss Brünninghausen – los, wo die Schiedsrichter warten.

Schweine gewinnen das Rennen

„Zuerst sauste Maier II in den Stall, gleich dahinter Bauernstolz und Moses und fahren funkelnden Auges mit dem Rüssel in den Trog. Dann folgen noch drei andere Säue, und jetzt landet endlich Nagel im Ziel mit dampfendem, schweißbedecktem Braunen und beschwert sich noch gekränkt in seiner ,Jockeiehre‘, daß er von der Gegenpartei lebensgefährlich angeritten sei.“

Gegenüber dem Herrenhaus soll das Schweinerennen gestartet sein.
Gegenüber dem Herrenhaus soll das Schweinerennen gestartet sein. © privat © privat

Die Bombergschen Schweine haben das Rennen also überlegen gewonnen. Schelmisch entscheidet der triumphierende Baron: Die „betreffenden Außenseiter werden disqualifiziert und nach Jahresfrist zu Rostbraten hingerichtet“, weil sie den Reiter Nagel angeritten haben.

So endet die Reichsmark-Episode im „Tollen Bomberg“. Wie viel davon sich tatsächlich zugetragen hat, ist schwer zu klären. Namen und Schauplätze jedenfalls lassen sich nachvollziehen.

Als Vorlage der Romanfigur des Tollen Bomberg diente Gisbert von Romberg II. (1839-1897). Erwähnt werden in der Schweinerennen-Episode Gutsbesitzer Adolph Heinrich Overweg, Landeshauptmann August Overweg, Hermann Gustav Freiherr von Nagel und Freiherr Burghard von Schorlemer-Alst.

Roman wurde zwei Mal verfilmt

Winckler hat umfangreiche Recherchen und Quellenstudien betrieben. Manche Exzesse des Barons sollen historisch verbürgt sein, andere wurden als Anekdoten überliefert und von Winckler ausgeschmückt, einige hat der Autor hinzugedichtet.

Der Roman „Der tolle Bomberg“ wurde zweimal verfilmt: 1932 und noch einmal 1957 mit Hans Albers, Harald Junke und Gert Fröbe in den Hauptrollen.

Unabhängig davon, ob tatsächlich jemals ein Schweinerennen von Reichsmark nach Brünninghausen stattgefunden hat und ob die Schweine dabei wirklich siegreich waren, zeigt diese literarische Würdigung, dass das Gut bereits in den 20er-Jahren überregional bekannt war.

Kontakt

Wer kann noch Infos beisteuern?

Klaus-Peter Schulte beschäftigt sich seit etwa fünf Jahren mit dem Gut Reichsmark und seiner Geschichte. Er hat bereits mehr als 12 Aktenordner mit Dokumenten, Fotos und Aufzeichnungen gesammelt. Wer noch etwas beitragen möchte, kann sich mit ihm unter Tel. 0231-5311799 oder per E-Mail klaus-peter.schulte@alice.de in Verbindung setzen.

Über die Autorin
Redaktion Dortmund
Seit 2001 in der Redaktion Dortmund, mit Interesse für Menschen und ihre Geschichten und einem Faible für Kultur und Wissenschaft. Hat einen Magister in Kunstgeschichte und Germanistik und lebt in Dortmund.
Zur Autorenseite
Susanne Riese

Der neue Lokalsport-Newsletter für Dorsten

Immer freitags um 18:30 Uhr das Wichtigste aus dem Dorstener Lokalsport direkt in Ihr E-Mail-Postfach.

Informationen zur Datenverarbeitung im Rahmen des Newsletters finden Sie hier.