Klaus-Peter Schulte hat die Geschichte der Baumallee am Golfplatz recherchiert und stieß auf das Gut Reichsmark. © privat
Syburger Geschichte

Baumallee nach Nirgendwo verweist auf das vergessene Gut Reichsmark

Klaus-Peter Schulte bewundert die Anlage des Dortmunder Golfplatzes und die Natur der Reichsmark. Vor allem aber fasziniert ihn das imposante Gut, das dort 114 Jahre lang gestanden hat.

Eine ins Nichts führende Baumallee am Dortmunder Golfplatz beschäftigte Klaus-Peter Schulte (54) schon lange. Die symmetrische Anlage fiel dem Golfer immer wieder ins Auge, wenn er dort spielte. Vor etwa fünf Jahren begann er, der Sache auf den Grund zu gehen.

Er recherchierte zum Design des Golfplatzes und dessen Architekten Bernhard von Limburger und stieß dabei auf viele Informationen zum Gut Reichsmark, zu dem das gesamte Areal einst gehörte. Die Allee ist einer der wenigen Hinweise auf das Gut, die erhalten sind.

An der Wittbräucker Straße ist noch ein Teil der Einfriedung samt schmiedeeisernem Tor zu sehen. Das schlossähnliche Herrenhaus aber ist ebenso wie die Kornbrennerei, Mühle, Ställe und andere Wirtschaftsgebäude längst verschwunden.

Das Gut Reichsmark glänzte einst mit eindrucksvollen Giebeln, Erkern und aufwendigen Details.
Das Gut Reichsmark glänzte einst mit eindrucksvollen Giebeln, Erkern und aufwendigen Details. © Stadtarchiv © Stadtarchiv

Das stattliche Gut, von dem nur wenige Fotos existieren, geriet in Vergessenheit. Klaus-Peter Schulte aber grub seine Geschichte wieder aus, sprach mit Zeitzeugen und fand Bilder. Die Platanenallee hatte ihn zu einem reichen Schatz an Geschichten und Relikten geführt.

Allee soll Naturdenkmal werden

All das hat ihn derartig fasziniert, dass er jetzt beantragte, die Allee in das „Verzeichnis der Naturdenkmäler der Stadt Dortmund“ aufzunehmen. „Die Allee hatte eine Orientierungsfunktion und war […] ein Aushängeschild für das herrschaftliche Gut“, schreibt er in seinem Antrag.

Auch sollen die Lücken in den Baumreihen geschlossen werden. Schulte bietet an, dafür selbst die Mittel zu spenden. Die Allee misst heute noch 156 Meter, einst waren es mehr als 200.

Die Baumallee führt von der Toreinfahrt an der Wittbräucker Straße Richtung Wannebachtal.
Die Baumallee führt von der Toreinfahrt an der Wittbräucker Straße Richtung Wannebachtal. © Klaus-Peter Schulte © Klaus-Peter Schulte

„Meine Recherche begann im Dezember 2016 bei einem Revierförster der Umgebung, erstreckte sich in viele Teile Deutschlands, aber auch ins Ausland nach England, Schottland, Argentinien“, erzählt Klaus-Peter Schulte. „In Südamerika schlummerten viele interessante Informationen über die Overwegs und Gut Reichsmark auf dem Dachboden einer 93-jährigen Deutschen, die 1937 ausgewandert war.“

Seither habe er viele Privatarchive durchforstet, Bewohner der Reichsmark und Zeitzeugen interviewt oder mit ihnen korrespondiert. Inzwischen füllen seine Unterlagen eine lange Reihe an Ordnern.

Seltene Fotos zeigen das einstige Gut

Zum Wirtschaftsteil des Guts gehörte auch eine Kornbrennerei mit 30 Meter hohem Schornstein (hinten rechts).
Zum Wirtschaftsteil des Guts gehörte auch eine Kornbrennerei mit 30 Meter hohem Schornstein (hinten rechts). © Archiv Schulte © Archiv Schulte

Darin befinden sich Fotos, die zeigen, wie prächtig und architektonisch einzigartig die Gutsgebäude einst ausgesehen haben, bevor die Stadt Dortmund 1964 alles abreißen ließ. Das gehört wohl zu den traurigsten Kapiteln. „Das Gut hätte erhalten bleiben können“, ist sich Klaus-Peter Schulte sicher.

Er verweist auf Unterlagen, in denen der damalige Stadtoberbaurat die notwendigen Instandsetzungsmaßnahmen beschreibt. Er stuft den Aufwand als sehr hoch ein und schreibt, dass Abriss und „Neubau unter teilweiser Ausnutzung des alten Mauerwerks auf die Dauer wahrscheinlich wirtschaftlicher“ sein werden. „Das war das Todesurteil“, sagt Klaus-Peter Schulte. 1964 begann der Abriss. „1965 war alles weg.“

Die Stadt Dortmund hatte das gesamte Anwesen mitsamt der großzügigen Ländereien 1960 von der damaligen Besitzerin Jutta Overweg erworben. Nur ein kleiner Teil blieb noch eine Zeitlang im Besitz der Gutserbin.

Jutta Overwegs Halbschwester Freya, laut Schulte eine bekannte Pazifistin und Umweltschützerin, erbte keine der Immobilien.

Vermutlich ist es die junge Freya, die hier im Eingang des Haupthauses zu sehen ist.
Vermutlich ist es die junge Freya, die hier im Eingang des Haupthauses zu sehen ist. © Privat © Privat

Gelände wurde zunächst verpachtet

Jutta Overweg verpachtete das Gelände 1957 zunächst, verkaufte es schließlich und wanderte nach Südamerika aus. In Argentinien betrieb sie als schillernde Persönlichkeit eine Pferdezucht und baute dort „Gut Reichsmark II.“ auf.

Fast vier Jahrzehnte lang arbeitete die Dortmunderin als Künstlerberaterin und Projektmanagerin für das angesehene Teatro Colón in Buenos Aires. Prominente Musiker und Künstler wie Placido Domingo und José Carreras gehörten zu ihrem Bekanntenkreis. Jutta Overweg-Ohlsson starb 2015 mit 85 Jahren.

Jutta Overweg-Ohlsson mit Yehudi Menuhin
Das Bild zeigt die Gutserbin Jutta Overweg-Ohlsson mit Yehudi Menuhin. © privat © privat

Welche Pracht die Abrissbagger auf dem Areal neben dem Golfplatz 1964 vernichtet haben, beschreibt Hobby-Historiker Schulte so: „Das historische Tor war die Einfahrt zum stattlichen Gut mit einem großen, baumgesäumten Vorplatz. Das efeubedeckte Herrenhaus lag östlich der Allee, hatte imposante Stufengiebel an beiden Seiten des Daches, eine Turmuhr und eine herrliche Freitreppe mit Rundsäulen an den Seiten.“

Eine Zeitzeugin, Gründungsmitglied des Dortmunder Golfclubs, hatte ihm das Herrenhaus mit seiner bunten Bleiverglasung im Treppenhaus, mächtigen Kellergewölben und mehrgeschossigen Erkern detailliert beschrieben.

Die lichtdurchflutete Loggia an der östlichen Seite erlaubte den Blick in den großzügigen Park. Noch heute zeugen schützenswerte Eichen, Buchen und andere Gehölze von seiner Schönheit.

Dampfmaschine und Kronleuchter blieben übrig

Bei seiner Recherche stieß der Dortmunder auf etliche Relikte aus der Blütezeit der Familie Overweg: neben der für das Freilichtmuseum Hagen gesicherten Mühle und Dampfmaschine ein Böhmischer Kronleuchter, der heute im Dortmunder Museum für Kunst und Kulturgeschichte zu bewundern ist.

Das Ölgemälde, das Klaus-Peter Schulte hier in Kopie zeigt, bildet die Ansicht von genau diesem Standpunkt aus ab, wo sich ehemals das Gut befand. Der Blick führt ins Wannebachtal bis zum Vincketurm und zur Syburg.
Das Ölgemälde, das Klaus-Peter Schulte hier in Kopie zeigt, bildet die Ansicht von genau diesem Standpunkt aus ab, wo sich ehemals das Gut befand. Der Blick führt ins Wannebachtal bis zum Vincketurm und zur Syburg. © privat © privat

Zu den schönsten Objekten gehört für ihn ein Ölgemälde, das bis 1953 im Herrenhaus hing und von dem ihm eine Vertraute von Freya Overweg Fotos zur Verfügung stellte. Es zeigt das Reichsmarkgelände bis zum Wannebachtal aus der Zeit zwischen 1857 bis 1893. „Ein kulturhistorisches Zeugnis, das zeigt, wie das Gelände des heutigen Golfplatzes vor 130 bis 160 Jahren ausgesehen hat.“

Klaus-Peter Schulte hat 12 Aktenordner mit Fotos und Dokumenten zusammengetragen.
Klaus-Peter Schulte hat 12 Aktenordner mit Fotos und Dokumenten zusammengetragen. © Susanne Riese © Susanne Riese

Klaus-Peter Schulte plant, eine Broschüre zu erstellen: „Gut Reichsmark, der architektonisch einzigartige Golfplatz und sein Platzarchitekt Dr. Bernhard von Limburger“. Angesichts seiner Begeisterung und seines Eifers wird das aber wohl eher ein stattlicher Wälzer werden.

Über die Autorin
Redaktion Dortmund
Seit 2001 in der Redaktion Dortmund, mit Interesse für Menschen und ihre Geschichten und einem Faible für Kultur und Wissenschaft. Hat einen Magister in Kunstgeschichte und Germanistik und lebt in Dortmund.
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Susanne Riese

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