Seit 2011 bei Westfalia Wickede: Vereinstreue Spieler wie den Dortmunder Anil Konya gibt es heute nur noch selten. © Stephan Schuetze
Meinung

Mit Abstimmung: Ist es charakterlich schwach, des Geldes wegen den Verein zu verlassen?

Nach den Aussagen der Bezirksligisten FC Roj und Mengede 08/20 haben wir eine ganz klare Meinung: Es ist nicht charakterlich schwach, des Geldes wegen den Verein zu verlassen. Was haltet ihr davon?

Die Aufregung um den FC Roj hat aktuell für Aufsehen im Dortmunder Amateurfußball gesorgt. Mehmet Celik, Geschäftsführer des Bezirksligisten, hatte erklärt, dass er es charakterlich fragwürdig fände, dass Mengede-Spieler den Verein verlassen hätten nachdem dem Klub das Geld ausging. Mengede Trainer Thomas Gerner hatte daraufhin erklärt, dass der Charakter für ihn keine Frage des Geldes sei, sondern sich durch Eigenschaften wie Zuverlässigkeit und Selbstständigkeit definiere.

Unabhängig von der Situation zwischen dem FC Roj und Mengede 08/20 haben wir die Aussagen zum Anlass genommen, das prekäre Thema Geld im Amateurfußball mal genauer unter die Lupe zu nehmen. Ist es charakterlich schwach, einen Verein wegen des Geldes zu verlassen? Wir sind der Meinung, dass es das nicht ist. Warum, erklären wir euch hier.

Umfrage

Ist es charakterlich schwach, einen Amateurfußball-Verein wegen des Geldes zu verlassen?
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Zunächst einmal ist es wichtig, den Rahmen dieses prekären Themas abzustecken. Wir sprechen hier nicht vom Profifußball – die Rede ist vom Amateurfußball. Von der Kreisliga bis hoch in die Oberliga. Und bevor es zu den Argumenten geht, noch ein kleiner Denkanstoß. Etwas, dass sich Amateurfußballer beim Thema Geld ab und an mal in Erinnerung rufen sollten: Teilweise schon in den untersten Spielklassen in Form von „Aufwandsentschädigungen“ Geld zu verdienen, ist ein Privileg in der Sportwelt und liegt keinesfalls daran, dass die Kicker ihre Sportart so überdurchschnittlich gut beherrschen. Selbst in mittlerweile ordentlich vermarkteten Sportarten wie Handball verdienen Spieler in den höchsten Amateurklassen teilweise keinen Cent.

Für einen Vereinswechsel gibt es fast nie nur einen einzigen Grund

Mit diesem Gedanken im Hinterkopf zurück zum Thema: Zunächst einmal gibt es für den Vereinswechsel eines Amateurkickers in der Regel nicht nur einen einzigen Grund. Weshalb man die zahlreichen und individuellen Situationen, die zu einem Wechsel führen, auch nicht pauschal bewerten und in einen Topf werfen kann.

Und sollte ein Kicker – auch das soll schon vorgekommen sein – ausschließlich und allein wegen 10 Euro mehr im Monat den Verein wechseln, ist das, was der Spieler hinterfragen muss, sicher nicht sein Charakter.

Grundsätzlich hat ein Vereinswechsel, bei dem Geld eine Rolle spielt, aber nichts mit dem Charakter eines Spielers zu tun. Zunächst einmal werden im Amateurfußball mittlerweile teilweise so hohe Summen gezahlt, dass die „Aufwandsentschädigung“ der Kicker einen wichtigen Teil des Einkommens darstellt – vor allem bei jungen Spielern, die beispielsweise noch studieren oder in der Ausbildung stecken. Oder auch bei älteren Spielern, für die das Geld, das sie beim Fußballspielen verdienen, einen hohen Anteil ihres gesamten Einkommens darstellt. Kann ein Verein plötzlich viel weniger zahlen, müssen sich die Spieler zwangsläufig eine Alternative suchen.

Teilweise entstehen hohe Fahrt- und Zeitkosten

Wir bleiben in den höheren Ligen. Die Spieler unterschreiben bei den Vereinen Verträge, in denen der Geldfluss genauso geregelt ist, wie die Laufzeit des Vertrages. Mit Vereinsliebe und Heimatgefühl hat so etwas heutzutage von vornherein nur noch wenig zu tun. Kann ein Verein einen Vertrag nicht erfüllen oder verlängern, ist es für beide Seiten völlig normal, dass Spieler den Verein wechseln.

Dazu kommt, dass viele Spieler heute hart arbeiten, um so hoch wie möglich zu spielen. Vereinsliebe ist sicher etwas Tolles, aber wenn man leistungsbezogen Sport treiben will, dann kann es in der Regel – wenn man das Fußballspielen nicht gerade bei den Mini-Kickern eines Bundesligisten gelernt hat – nunmal nicht immer der Heimatverein bleiben. Bei weiten Fahrten entstehen dann auch noch hohe fahrt- und Zeitkosten. Und hat ein Verein mehr Geld zur Verfügung ist das ja auch ein Äquivalent für mehr Möglichkeiten in den Bereichen Ausrüstung, Trainingsbedingungen und Infrastruktur.

Mit dem Charakter haben solche Entscheidungen wenig zu tun. Selbst, wenn ein Spieler tatsächlich nur deshalb wechselt, weil er eine Menge mehr Geld bei einem anderen Verein verdienen kann, ist das auch in Ordnung – solange er sich vorher nicht bei jedem Tor mit der Faust aufs Vereinswappen geklopft und von seinem „Herzensverein“ gesprochen hat. Denn charakterlich stark ist es, immer offen und ehrlich zu sein – egal, ob jemand anderem das gefällt oder nicht. Aber grundsätzlich zu sagen, dass es charakterlich schwach ist, einen Verein des Geldes wegen zu verlassen, ist falsch.

Über die Autorin
Redakteurin
Jahrgang 1993, geboren und aufgewachsen in Dortmund. Liebt den Sport und die Emotionen dabei privat und beruflich, vor allem den Handball. Seit 2014 bei Lensingmedia - nach Praktikum, freier Mitarbeit und Volontariat jetzt Sportredakteurin.
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Nina Bargel

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