Der Dirigent beim TSV Steinbach-Haiger: Adrian Alipour. © imago images/Jan Huebner
Adrian Alipour

Dortmunder Trainer Alipour ist auf dem Weg, einen Dorfklub in den Profi-Fußball zu führen

Adrian Alipour hat seine Heimat bei einem Regionalligisten gefunden. Dort wirkt er überglücklich und kann seiner Passion nachgehen. Die Bedingungen haben sich geändert, seine Art nicht.

Schnurstracks sprang Matthias Georg von seinem Sitz auf. Ringsherum war alles um Georg frei, doch er eilte schnell die Treppen im leeren Stadion des TSV Steinbach-Haiger herunter. Der Geschäftsführer des Regionalliga-Klubs fing an selbst mitanzupacken. Beim Stand von 4:0 seiner Mannschaft gegen die Kickers Offenbach begann ein brachiales Unwetter auf das kleine Dörfchen in Hessen zu zimmern.

Die Kunststoff-Banden, die rund um das Grün der Steinbach-Anlage verteilt waren, flogen auf den Platz und sorgten für eine Unterbrechung der Partie. Georg gab Anweisungen an Ordner, packte selbst mit an und durfte sich die letzten zwei Minuten der Partie vom Spielfeldrand angucken, ehe es den Abpfiff gab.

Werbebanden auf dem Platz, Spielunterbrechung im Anschluss. © imago images/Jan Huebner © imago images/Jan Huebner

Spitzenspiel gewonnen, den Tabellenzweiten geschlagen und einen Schritt in Richtung Dritte Liga getan. Verantwortlich für diese aufopferungsvolle Arbeit: Adrian Alipour. Dortmunder, ehemaliger Trainer des ASC 09 und des Kirchhörder SC. Er hat im beschaulichen Haiger, mit knapp 20.000 Einwohnern, vor fast zwei Jahren seine Arbeit aufgenommen und aus dem Dörfchen ein Spitzenteam der Regionalliga Südwest geformt.

„Er ist ja vor zwei Jahren hier hingekommen, wo wir einen neuen Impuls setzen wollten, wo wir fußballerisch was anders machen wollten“, erklärt Georg. Alipour sei aufgefallen. Durch seine Erfolgsgeschichte in Aplerbeck, wo er aus dem Abstiegskandidaten der Oberliga ein gestandenes Team kreierte, welches unter seiner Regie zum Aufstiegsaspiranten mutierte.

TSV Steinbach-Haiger und Alipour – es passt einfach

Auch sein Intermezzo in Wuppertal habe man wahrgenommen. Als die Steinbach-Verantwortlichen Alipour selbst unter die Lupe nahmen, waren sie überzeugt. „Wir hatten ihn da schon länger auf der Uhr, haben ihn selbst erlebt im Trainingslager in der Türkei in einem Spiel gegen Wuppertal“, erklärt Georg. „Wie er coacht, wie er auftritt“, schwärmt Georg, es hat einfach gepasst.

„Wir haben halt zusätzlich gesagt, wir sind ein Verein, der von unten kommt. Wir haben uns das alles erarbeitet, das hat er auch. Er kommt nicht aus dem Profi-Fußball, er hat sich das wirklich von unten aufgebaut.“ Und das hat Alipour. Anfang der 2010er Jahre fing seine Reise im Trainer-Geschäft erst an.

Er übernahm den taumelnden Bezirksligisten Kirchhörder SC und führte den Klub in die Westfalenliga. Im Anschluss die Oberliga-Reise in Aplerbeck, ehe es zum Wuppertaler SV ging. Alipour hat sich dies Stück für Stück selbst erarbeitet und trainiert nun unter Profi-Bedingungen einen Aufstiegsanwärter in der Regionalliga Südwest mit dem TSV Steinbach-Haiger, der selbst noch 2009 in der untersten Liga Deutschlands spielte, ehe es von Aufstieg zu Aufstieg eilte. Roland Kring, Unternehmer aus Steinbach, unterstützt den Verein seit 2007 finanziell. Laut der „Frankfurter Rundschau“ hatte der Klub Ende 2018 einen Etat von rund zwei Millionen Euro. Ein Großteil soll von Kring kommen, der mit seiner Firma „Sibre“ die Trikots des Klubs ziert und auch dem Stadion seinen Namen gegeben hat.

Das Topspiel am vergangenen Samstag wurde siegreich bestritten, der Platz des Tabellenzweiten Offenbach deutlich eingenommen mit dem 4:0-Erfolg. Und obwohl Alipour nun im Profi-Bereich arbeitet, hat sich seine grundlegende Art nicht verändert.

Er grüßt alle Mitarbeiter, alle ehrenamtlichen Helfer vor Ort persönlich, nimmt sich nach dem Spiel noch 30 Minuten Zeit, um mit beinah jedem Pressevertreter zu sprechen.

„Ich bin hier heimisch geworden“, sagt Alipour. Für jemanden wie ihn, der sich immer stets das nächst höhere Ziel setzt, der sportlich immer nach dem Großen greift, eine ungewöhnliche Aussage, doch Alipour begründet: „Ich habe mich auch mit meiner Frau dafür entschieden, hier alt zu werden, deswegen haben wir uns hier ein Häuschen gekauft.“ Ihm gefällt das Dorf-Leben, die familiäre Art, das persönliche Miteinander. Natürlich, Alipour macht sich nichts vor. Er weiß, „das ich einen Nomaden-Job habe und da rumreisen werden“, sagt er selbst. Sein Vertrag wurde erst vor wenigen Wochen um zwei weitere Jahre bis zum Sommer 2023 verlängert.

Ein Zeichen der Wertschätzung des Vereins für seine Arbeit. Ganz gleich, wie diese am Ende der aktuellen Spielzeit ausgeht. Denn das Wort Aufstieg wird von den Verantwortlichen selbst nur ungern benutzt. „Es geht die Welt auch nicht unter, wenn es nicht klappt“, sagt TSV-Geschäftsführer Georg. Ein Mammut-Programm aus 42 Spieltagen sorgt dafür, dass Prognosen schwierig sind. 16 Duelle sind noch offen, Steinbach liegt vier Punkte hinter der Reserve des SC Freiburg, hat aber auch noch ein Spiel weniger.

„Wir haben uns in der Spitzengruppe etabliert, das ist kein Zufall, das ist Fakt. Der Verein wird 100 Jahre und hier ist alles drauf ausgelegt, das wir mittelfristig in die 3. Liga kommen“, macht Alipour klar, schränkt aber gleich ein: „Über den Aufstieg zu reden macht überhaupt keinen Sinn, weil die Konkurrenz einfach viel zu stark ist, alles viel zu ausgeglichen ist.“

Leidenschaftlich an der Seitenlinie

Er ist jemand, der versucht, auf alle Unwägbarkeiten vorbereitet zu sein, der eingreift, wenn ihm etwas auffällt. Die Akribie des 42-Jährigen bei seiner Arbeit hat sich nicht verändert, nur die Umstände. Statt bei einem Amateurklub trainiert er jetzt unter Profi-Bedingungen. An seiner Art hat sich dadurch aber auch nichts getan.

Beginnend damit, dass Red-Bull-Energydrinks vor einer Partie dazugehören, genau so wie die Currywurst-Pommes danach. „Mein Red Bull vor dem Spiel habe ich tatsächlich immer noch. Ich habe immer noch meine Copa an. Es gibt so ein paar Sachen, die werden sich mit Sicherheit nicht ändern“, sagt er. Und mit seinen Copa Mundial, dem Klassiker-Modell des Sportherstellers Adidas, steht Alipour an der Seitenlinie während der Partie gegen Offenbach. Breitbeinig, die Arme leicht angehoben, sein Gewicht auf die Fußspitzen verlagernd.

Es wirkt so, als wäre er jeden Moment dabei, selbst auf den Platz zu rennen und in die Partie einzugreifen. Und in manchen Augenblicken gibt es diese kurze Situation, wo Alipour bei einem Konter seines Teams selbst anfängt loszulaufen. Nur wenige Meter, die Seitenlinie entlang, so als ob er sich selbst positionieren würde, um den nächsten Ball in Empfang zu nehmen.

„Ich lebe das einfach, ich kann definitiv nicht auf dem Stuhl sitzen oder auf der Bank“, sagt er. „Ich bin ja auch beim 4:0 komplett mit einer hohen Halsschlagader hin- und hergelaufen. Ruhepuls 180“, beschreibt er es in der Journalisten-Runde nach dem Spiel. Alipour schaltet nicht ab, auch nicht bei einer 4:0-Führung zwei Minuten vor Schluss. Denn die Unwägbarkeiten lassen sich nicht abschätzen und herumfliegende Werbebanden auf dem Rasen nicht aufhalten. Doch eine Sache hat sich für ihn geändert. Gab es zu seinen Zeiten in Aplerbeck nach den Partien stets die Currywurst-Pommes, um herunterzukommen, muss er sich – zumindest am vergangenen Samstag – umstellen.

„Eine Currywurst kriege ich heute leider nicht, aber ich werde mit Sicherheit etwas anderes leckeres kriegen“, ehe er sich auf dem Weg in Richtung Kabine macht.

Über den Autor
Journalismus ist meine Passion. Seit 2017 im Einsatz für Lensing Media. Immer auf der Suche nach Hintergründen, spannenden Themen und Geschichten von Menschen.
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David Nicolas Döring

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