Gesperrter Fußballplatz: Seit Anfang November gilt der Lockdwon im Amateursport. © dpa
Fußball

Dortmunder Jugend-Boss: „Die Politik sieht nicht, was wir den Kindern gerade antun“

Seit Anfang November gilt der Lockdown für den Amateursport. Der Jugend-Boss des Dortmunder Fußballkreises schlägt Alarm - und macht sich nicht nur um die heimischen Vereine große Sorgen.

Deutschland befindet sich zum zweiten Mal innerhalb eines Jahres im Corona-Lockdown. Seit Anfang November steht die Amateursportszene in NRW still. Zudem sind die Schulen dicht und die Kontaktbeschränkungen so hart wie nie. Das alles gibt Anlass zur Sorge. So hatte Christoph Breuer, Professor für Sportökonmie an der Sporthochschule Köln, erst kürzlich im Interview mit dieser Redaktion gesagt, dass der zweite Lockdown die Vereine härter treffen werde als der erste – und gefordert, dass der Vereinssport geöffnet werden solle, wenn auch die Schulen wieder geöffnet werden.

„Ich glaube, wir werden uns noch umgucken“

Auch Andreas Edelstein, stellvertretender Vorsitzender des Fußballkreises Dortmund, treibt die aktuelle Entwicklung die Sorgenfalten auf die Stirn. Er merke die Auswirkungen als Vereinsvorsitzender des SC Husen-Kurl sowohl auf dem eigenen Vereinskonto als auch durch das Wehklagen anderer Vereine in seiner Funktion beim Fußballkreis. „Manch einer denkt vielleicht noch: Wenn wir wieder dürfen, machen wir die Tore einfach wieder auf und alle kommen zu uns wie früher. Aber ich glaube, wir werden uns noch umgucken. Ich weiß nicht, wie viele dann noch da sind“, malt Edelstein ein düsteres Szenario.

Denn einigen Vereinsmitgliedern mit „null Bindung zum Verein“ werde gerade in dieser Zeit bewusst, dass man das Geld für die Mitgliedsbeiträge vielleicht an anderer Stelle besser gebrauchen könne. Gleichzeitig haben viele Ehrenamtler weniger bis gar nichts zu tun, man habe immer weniger Kontakt, verliere die Bindung untereinander. „Da stellt sich nach am Ende vielleicht sechs Monaten ohne Sport die Frage: Inwieweit kann man sich wieder einsammeln?“, so Edelstein.

Größere Folgen als nach dem ersten Lockdown

Als Vorsitzender des Kreisjugendausschusses macht er sich aber vor allem Sorgen um die Kinder und Jugendlichen: „Wir verlangen den Jüngsten unserer Gesellschaft gerade ganz schön viel ab.“ Es werde immerzu davon geredet, die älteren Leute zu schützen. Das sei auch richtig und wichtig. Aber: „Den Kindern und Jugendlichen wird dabei die soziale Grundlage entzogen. Im Bereich Bildung nehmen wir noch wahr, was wir den Kindern gerade antun. Doch der Bereich Sport kommt in der öffentlichen Wahrnehmung kaum vor“, beklagt Edelstein. Zudem sei kein Licht am Ende des Tunnels in Sicht. „Dieser Lockdown wird mit uns mehr machen, als der erste im Frühjahr. Einfach, weil kein Ende in Sicht ist“, so Edelstein.

Im Fußballkreis Dortmund gibt es für die Juniorenfußballer einige Änderungen. Das bestätigte der KJA-Vorsitzende Andreas Edelstein. © Folty © Folty

Rund zehn Prozent der deutschen Bevölkerung – und somit etwa acht Millionen Menschen – seien allein in Fußballvereinen aktiv, 25 bis 30 Prozent im deutschen Vereinssport insgesamt, rechnet Edelstein vor, um die Tragweite deutlich zu machen. „Denen wird einfach das Licht ausgeknipst. Und das hat in der Politik keinen Stellenwert. Da bin ich manchmal richtig verärgert“, schimpft er. Zwar stehe der FLVW intern im Kontakt mit den politischen Entscheidungsträgern. Doch nach außen werde das Thema Sport in der Pandemie von der Politik stiefmütterlich behandelt: „Ich vermisse den klaren Aufschrei.“

Sport ist nicht gleich Wettkampf

Dabei macht Edelstein deutlich, dass es ihm nicht um die Fortsetzung des Ligenbetriebs geht. „Der Sport wird mit Wettkampf gleichgesetzt. Das ist ein Fehler“, sagt Edelstein. Und ob die Hinrunde nun noch zu Ende gespielt werden könne oder nicht sei für ihn erstmal zweitrangig. Es gäbe schließlich für alles eine Lösung.

Wichtiger wäre es ihm, wenn man zumindest für Kinder und Jugendliche wieder ein kontaktloses Training anbieten können dürfte. Denn: „Ich bleibe dabei: Wir waren kein Treiber der Pandemie. An Wochenenden, an Spieltagen ist das natürlich problematisch. Aber ich Rede vom Trainingsbetrieb für Kinder und Jugendliche. Das kann man verantworten, finde ich.“ Was den Seniorenbereich angeht kann Edelstein die Bedenken hingegen sogar verstehen: „Die Geselligkeit, das Bierchen danach, die gemeinsamen Fotos in Dusche – das hat zuletzt Bilder abgegeben, die es nicht gebraucht hat.“

Familien mangelt es an Entlastung, den Kindern an Reflexion

Im Jugendbereich sieht Edelstein derweil ganz andere Gefahren. „Die Kinder sehen fast nur noch ihre Eltern. Es fehlt der Austausch untereinander, die Reflexion des eigenen Verhaltens in Schule und Verein. Den Familien mangelt es an Entlastung, die Bindung zu den Trainern, die für viele Kids Vorbilder sind, geht verloren. Woher sollen die Kinder denn noch ein ordentliches Sozialverhalten bekommen?“, fragt sich der Vorsitzende des Kreisjugendausschusses.

Gerade in sozialen Brennpunkten könne das massive Auswirkungen haben. Weil Langeweile und Frust im Lockdown irgendwo hinmüssten, würden sich die Kinder andere Ablenkungen suchen – etwa die Playstation. Und dem Sport unter Umständen dauerhaft fernbleiben. „Es wird eine Riesenaufgabe der Gesellschaft, den Kindern klarzumachen, dass sie willkommen sind“, sagt Edelstein.

Erhebliche Auswirkungen auf künftige Jahrgänge

Auch für die heimischen Vereine fürchtet Edelstein erhebliche „Folgeerkrankungen“. Die Zusammenarbeit mit Schulen und Kitas sei derzeit nicht möglich. Ein Heranführen der Jüngsten an Sportarten und -vereine bleibt so aus, der Nachwuchs fehlt. Das könne sich erheblich auf künftige Jahrgänge auswirken.

Im Vergleich zu anderen Sportarten habe es der Fußball aber sogar noch gut. Denn zum einen finde der Sport nicht in geschlossenen Räumen statt – was eine Lockerung der Auflagen wahrscheinlicher mache als etwa im Volleyball oder Handball. Und zum anderen laufe ja wenigstens noch der Betrieb in den Profi-Ligen. Der Sport sei somit immer noch gegenwärtig. Viele andere Sportarten hätten es da schwerer, so Edelstein: „Warum läuft denn jetzt gerade trotz aller Widerstände die Handball-WM? Na, damit überhaupt noch ein Bezug zum Sport gegeben ist.“

Über den Autor
2014 als Praktikant in der Sportredaktion erstmals für Lensing Media aufgelaufen – und als Redaktionsassistent Spielpraxis gesammelt. Im Oktober 2017 ablösefrei ins Volontariat gewechselt und im Anschluss als Stammspieler in die Mantel-Redaktion transferiert. 2021 dann das Comeback im Sport, bespielt hauptsächlich den Kreis Unna.
Zur Autorenseite
Marc-André Landsiedel

Dorsten am Abend

Täglich um 19:00 Uhr berichten unsere Redakteure für Sie im Newsletter über die wichtigsten Ereignisse des Tages.

Informationen zur Datenverarbeitung im Rahmen des Newsletters finden Sie hier.