Ein Dortmunder Fußballverein stand erst vor der Auflösung und startet jetzt durch. © picture alliance/dpa
Fußball

Dortmunder Fußballverein stand erst vor der Auflösung und startet jetzt durch

Ein Amateurfußballverein aus Dortmund hatte eine Zeit lang mit sich zu kämpfen, stand sogar vor der Auflösung. Nun aber die Kehrtwende: Der Klub hat sich gefangen und startet jetzt durch.

Von dieser Auferstehung profitieren ganz viele Menschen. Ein Verein inmitten eines sozialen Brennpunktes stand kurz vor der Auflösung. Dann nahm er Anlauf und startete durch. In der Tabelle – und was viel wichtiger ist – in die Herzen der Menschen.

Der Vergleich spricht Bände: Gerd Martinschledde, der in nunmehr 50 Jahren ehrenamtlicher Arbeit so ziemlich alle Höhen und Tiefen seines VfL Hörde miterlebt hat, ist normalerweise ein Musterbeispiel an Bescheidenheit. Jetzt nennt er Borsigplatz, Schalker Markt und Clarenberg in einem Kontext: „Nur an diesen Orten gibt es Trinkhallen, die das Logo ihres Herzensvereins direkt neben ihren Namen auf Leuchttafeln zeigen.“

Der Kiosk um die Ecke präsentiert das schwarz-rote Wappen und signalisiert, dass ein Verein seinen Platz im Viertel hat. Und längst auch in den sozialen Medien: Wo vor ein paar Monaten noch Mannschaftsfotos von 2011 „aktuell“ waren, stehen jetzt zahlreiche Aktionen, die den Verein zu einem gesellschaftlichen Anker für viele Menschen machen, denen das Leben nicht so gut mitgespielt hat – unverschuldet und manchmal auch mit eigenem Zutun.

Integration durch Sport

Integration durch Sport, Stadtsportbund, Landessportbund, DFB-Stützpunkt, Familienfest, Graffiti, Seminare zur Gewaltprävention, Spendobel, Sozialarbeit, Kooperation mit Schule und Jugendtreff sowie Blauem Haus der LWL, Corona-Aktionen und eine Bücherei – keine Überraschung, dass nicht mehr der Verein die Nähe zur Politik suchen muss, sondern sich Partei-Prominenz aus Bund, Land und Stadt gerne im Goy zeigt. Martinschledde aber fügt gleich hinzu, dass „die Politiker nicht nur reden, sondern viel für uns tun und uns fördern“. Politikverdrossenheit steht hier im Vielvölker-Klub auf der Fremdwörterliste.

Letztendlich aber sind es die Menschen, die den VfL zum Exempel für vorbildliche Integrationsarbeit machen. „Ich habe hier Dinge erlebt, von denen ich gar nicht wusste, dass es sie gibt“, sagt Lukas Lakoma (42), der längst zu einer Vereinsikone geworden ist.

Erst Co-Trainer, dann Trainer, dann auch Vorstandsmitglied – Lakomas eigene Vita steht sinnbildlich für die vielen Schicksale, die zum Teil noch deutlich härter sind als sein eigenes war. „Ich war 15, als ich aus Polen nach Dortmund kam. Der Fußball, und damals der TuS Körne, waren mein erster Kontakt. Ich lernte Deutsch und fand durch die Leute im Verein Anschluss. Der Fußball ist so wichtig.“

Gerd Martinschledde (v.l.), Skhodran Bajrami und Lukas Lakoma stehen da, wo nach Corona wieder das Leben pulsiert. Im Hintergrund ist das Plakat, auf dem die Hörder ihre Werte und Aktionen aufschrieben. © Foto: Nähle © Foto: Nähle

Skhodran Bajrami (38), seit wenigen Tagen als Sportlicher Leiter in der Verantwortung, nickt eifrig mit dem Kopf. Seine Geschichte ist denjenigen, die 2015 im Jahr der vielen Flüchtlinge hier ankamen und Anschluss fanden, noch näher: „Ich helfe Flüchtlingen, weil ich selbst einer war.“ Bajrami kam als junger Mann aus der Krisenregion Kosovo. Und plötzlich ist das alles wieder präsent: „Sehen Sie, ich bekomme jetzt noch Gänsehaut, wenn ich an damals denke. Das habe ich in dieser Form auch nur beim VfL erlebt.“

Bajrami holt aus: „Wir waren alle Fußballer, woher wir kamen, wie wir aussahen, wie schlau wir waren, interessierte nicht. Ja, ich war auch nicht immer einfach, mitunter aggressiv. Aber der Verein hat immer zu mir gestanden. Gerd war ja immer schon da. Auch er hat sich um eine Arbeitserlaubnis für mich bemüht. All das will ich zurückgeben. Darum sitze ich hier.“

Jetzt schaltet sich wieder der Grandseigneur der Wohltäter ein. Auch er gestikuliert. Martinschledde zeigt auf das Tor zum ruhmreichen Goystadion. „Wer durch dieses Tor kommt, ist Fußballer. Probleme, Glaube, Nationalität, Körper spielen dann mal keine Rolle. Das regeln wir so.“ Das heißt, auch nicht immer ganz saubere Jungs, die auf den rechten Weg zurückwollen, finden Unterstützung durch den Verein.

Und das spielt den Ball des hilfsbereiten Führungsdreiecks dann wieder zurück zum Lakoma-Satz, der sich gar nicht ausgemalt hatte, welche Schwierigkeiten einige haben. „Wir hatten Leute, die hatten ohne Krankenversicherung gespielt. Andere hatten überhaupt keine Sportklamotten, andere Probleme mit dem Gesetz. Wir haben ihnen Anwälte vermittelt und bezahlt.“

„Online kommunizieren und trainieren wir regelmäßig“

Auch in den schwierigen Zeiten der Kontaktbeschränkungen halten die Hörder Kontakt – besonders zu den Kindern, die nicht im Garten oder in großen Häusern toben können. Was früher fast undenkbar schien, ist auch beim VfL Alltag. „Online kommunizieren und trainieren wir regelmäßig“, sagt IT-Spezialist Lakoma. „Und wenn jemand Probleme mit oder gar keine Hardware hat, finden wir auch eine Lösung. Wir nehmen jeden mit.“

Worte, die jedem Zuhörer nahegehen, weil der VfL sie auch lebt. Technische und noch mehr emotionale Verbindungen funktionieren weiterhin störungsfrei. Lakoma ist wie Martinschledde eher bescheidener Natur. Dem Sport gebühre die Ehre: „Der Fußball macht diese Verbindungen möglich.“

Dass dieser mittlerweile auch wieder sehr erfolgreich ist, rundet den vorbildlichen Eindruck ab. Unter Lakoma und Mittrainer Aziz Darssi (Bajrami: „Auch ein VfL-Urgestein, das so viel für den Verein getan hat“) führen die Hörder die Kreisliga A nach tristen sportlichen und organisatorischen Jahren an. Dass Martinschledde vor ein paar Jahren händeringend Vorstandsmitglieder suchte, nur noch ein paar ältere Herren Vereinsarbeit betrieben und das Team in der B-Liga kickte, ist plötzlich ganz weit entfernt.

Das ist auch am Goy sichtbar, sowohl innerhalb des Vereinsheims als auch davor. Wo lange nur eine weiße Wand war, hängt nun ein selbst gestaltetes Plakat mit den Werten und den Aktionen, die den neuen und während des Tiefpunktes kaum für möglich gehaltenen VfL ausmachen. Und unten, wo der Vereinskiosk, nicht der um die Ecke, ewig brachlag, pulsiert in Nicht-Corona-Zeiten das Leben.

„Hier tauschen sich unsere Freunde aus. Auch wenn die wieder zahlreich im Verein kickenden Kinder spielen, stehen hier Eltern“, sagt Martinschledde. Gut möglich, dass dann auch vom Landgericht zu Sozialstunden verdonnerte Menschen aufpassen oder aufräumen. Jeder erhält hier seine Chance, nicht nur die zweite, vielleicht auch die dritte oder vierte.

Der VfL Hörde will weiter Ehemalige einbinden

Der VfL ist Halt, macht aber nicht Halt. „Der Verein lebt, die Leute kommen wieder gerne, auch sympathische Kleinsponsoren“, sagen Martinschledde, Lakoma und Bajrami. „Unser Ziel ist es, weitere Ehemalige einzubinden. Denn es lohnt sich. Wir kriegen auch soviel zurück.“ Fast wirken sie nun selbst gerührt. „Das hier ist so beeindruckend“, fasst Bajrami bewegt zusammen. Auch in Sachen Herz und Hingabe hält der VfL mit den Vereinen vom Borsigplatz und Schalker Markt mit.

Über sich und sein Engagement informiert der Verein auf der Homepage: www.vfl-hoerde.de. Hier besteht auch die Möglichkeit, Bücherspenden für integrationswillige Kinder anzumelden.

Über den Autor
Freier Mitarbeiter
Dortmunder Jung! Seit 1995 im Dortmunder Sport als Berichterstatter im Einsatz. Wo Bälle rollen oder fliegen, fühlt er sich wohl und entwickelt ein Mitteilungsbedürfnis. Wichtig ist ihm, dass Menschen diese Sportarten betreiben. Und die sind oft spannender als der Spielverlauf.
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Alexander Nähle

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