Reinhard Raschke (r.) und Swetlana Berg bringen warme Getränke zu den Wohnungslosen, die sich im Hauptbahnhof aufhalten. © Lydia Heuser
Ehrenamt in der Bahnhofsmission

Wie aus einem Eisenbahn-Fan der „blaue Engel“ vom Hauptbahnhof wurde

Ein Wambeler entschied sich nach dem Lehrerberuf für ein Ehrenamt. Wir haben ihn begleitet und gefragt, warum er sich ausgerechnet für die Bahnhofsmission entschieden hat.

Der Begriff Ruhestand sagt es schon – wer nach Jahrzehnten Erwerbstätigkeit nicht mehr arbeiten muss, der geht seinen Alltag als Rentner ruhiger an. Nicht so Reinhard Raschke. Der Wambeler hatte sich für seine Zeit als pensionierter Lehrer vorgenommen, weiterhin zu arbeiten, jedoch ehrenamtlich.

Als Eisenbahn-Fan zur Bahnhofsmission

„Ich bin dann ins Rathaus und habe mich beraten lassen“, erzählt Reinhard Raschke. „Ich habe viel Zeit und bin gesund“, sagt er pragmatisch. „Am liebsten wollte ich was am Vormittag machen.“

Beinahe jeder Fünfte geht laut dem Institut für Demoskopie Allensbach (IfD) im Deutschland einem Ehrenamt nach. Rund 20 Prozent der Ehrenamtler sind 70 Jahre und älter.

Reinhard Raschke gibt während seiner ehrenamtlichen Arbeit unter anderem Kaffee aus.
Reinhard Raschke gibt während seiner ehrenamtlichen Arbeit unter anderem Kaffee aus. © Lydia Heuser © Lydia Heuser

Reinhard Raschke entschied sich für die Bahnhofsmission am Dortmunder Hauptbahnhof. Als passionierter Eisenbahn-Liebhaber dachte Reinhard Raschke, er könne sein Hobby mit dem Ehrenamt verbinden.

„Meine Kamera habe ich immer dabei“, sagt er bei einem Ortstermin am Ende von Gleis 2 bis 5, wo die Bahnhofsmission ihre Räumlichkeiten hat. So könne er immer, wenn eine besondere Museumsbahn im Bahnhof halte, ein Foto schießen.

Öffnungszeiten „auf Sparflamme“, trotzdem mehr Kontakte

Seit über vier Jahren hilft der pensionierte Lehrer nun schon wöchentlich aus. „Im Normalbetrieb haben wir auch viele Umsteigehilfen“, sagt Reinhard Raschke. Die Bahnhofsmission unterstützt beispielsweise allein reisende Kinder dabei, dass sie sicher ans Ziel kommen. Seit Corona sei das aber kein Thema mehr.

Swetlana Berg leitet die Dortmunder Bahnhofsmission. Dreizehn neue Helfer konnte sie in den vergangenen sechs Monaten für das Ehrenamt begeistern.
Swetlana Berg leitet die Dortmunder Bahnhofsmission. Dreizehn neue Helfer konnte sie in den vergangenen sechs Monaten für das Ehrenamt begeistern. © Lydia Heuser © Lydia Heuser

Stattdessen stünden die Wohnungslosen jetzt im Fokus. Obwohl die Öffnungszeiten „auf Sparflamme“ laufen, wie die Leiterin der Bahnhofsmission in Dortmund, Swetlana Berg, sich ausdrückt, seien die täglichen Kontakte gestiegen. Vor Corona hatte die Bahnhofsmission zwölf Stunden täglich geöffnet und im Schnitt gab es 80 Kontakte am Tag. Jetzt seien es im Schnitt 120 Kontakte täglich, bei einem sechs Stunden Tag.

Warme Kleidung, Telefon und Kaffee

„Unser Motto ist es, Hilfe zur Selbsthilfe zu leisten“, erklärt Swetlana Berg. Im zusätzlichen Aufenthaltsraum, den die Bahn der Bahnhofsmission zur Verfügung gestellt hat, können Besucher einen Kaffee trinken, quatschen, sich aufwärmen.

Reinhard Raschke führt durch die Anmelderoutine: Fieber messen, Hände waschen, Hände desinfizieren, in die Besucherliste eintragen, Tisch auswählen.

Eine Stunde dürfen sich die Besucher dann im Warmen aufhalten.

„Kann ich telefonieren?“, fragt ein junger Mann. „Klar“, antwortet Raschke, der gerade Kaffee in einen Pappbecher füllt.

„Habt Ihr eigentlich auch Socken?“, fragt der Besucher weiter. Im Winter hat die Bahnhofsmission angefangen, Kleiderspenden anzunehmen. „Wir machen sowas eigentlich nicht“, sagt Swetlana Berg. Aber durch die Winterhilfe sei die Idee entstanden und sie komme gut an.

Winterjacken und Socken sind am Tag des Ortsbesuchs sehr nachgefragt. Durch das Fenster neben der Eingangstür können Besucher, die nicht in den Aufenthaltsraum wollen, Kleidung, Kaffee und Brötchen entgegennehmen.

Mit dem Bedienwagen, der eigentlich in Bahnen genutzt wird, fahren die „blauen Engel“ der Bahnhofsmission regelmäßig durch den Hauptbahnhof und versorgen Obdachlose mit warmen Getränken und Fünf-Minuten-Terrinen.

Vierzig Ehrenamtler helfen in der Bahnhofsmission mit. Im vergangenen halben Jahr sind dreizehn neue Helfer dazu gekommen. „Es sind viele Studierende dabei“, sagt Swetlana Berg. „Und die brauchen wir auch.“ Denn gleichzeitig haben vierzehn Helfer ihr Ehrenamt niedergelegt.

Die Einsatzzeiten sind flexibel: Mindestens zwei Einsätze je 3 Stunden je Monat und maximal zwei Einsätze in der Woche sind möglich.

Über die Autorin
Volontärin
Geboren und aufgewachsen im Bergischen Land, fürs Studium ins Rheinland gezogen und schließlich das Ruhrgebiet lieben gelernt. Meine ersten journalistischen Schritte ging ich beim Remscheider General-Anzeiger als junge Studentin. Meine Wahlheimat Ruhrgebiet habe ich als freie Mitarbeiterin der WAZ schätzen gelernt. Das Ruhrgebiet erkunde ich am liebsten mit dem Rennrad oder als Reporterin.
Zur Autorenseite
Avatar

Der neue Lokalsport-Newsletter für Dorsten

Immer freitags um 18:30 Uhr das Wichtigste aus dem Dorstener Lokalsport direkt in Ihr E-Mail-Postfach.

Informationen zur Datenverarbeitung im Rahmen des Newsletters finden Sie hier.