Kurz vor dem Ende seiner Amtszeit steht der scheidende Bezirksbürgermeister Karl-Heinz Czierpka auf der Treppe der Bezirksverwaltungsstelle in Brackel. Er wünscht sich einen barrierefreien Neubau als künftige Verwaltungsstelle. © Andreas Schröter
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Karl-Heinz Czierpka: Der „König von Brackel“ verabschiedet sich

Als Gebot der Menschlichkeit habe er die Unterbringung von Flüchtlingen gesehen. Das ist eine der Aussagen im Interview zum Ende von Karl-Heinz Czierpka als Bezirksbürgermeister.

Zum 1. November endet nach 26 Jahren die Amtszeit von Karl-Heinz Czierpka (70 – SPD) als Brackeler Bezirksbürgermeister. 29 Jahre lang war er Mitglied in der Bezirksvertretung. Zum Abschluss seiner politischen Karriere sprachen wir mit ihm:

Hallo, Herr Czierpka, können Sie sich noch an die Anfänge erinnern?

Na klar, aber die Bezirksvertretung war nie mein Ziel. In einer Sitzung des Ortsvereins habe ich einmal nicht aufgepasst und rutschte als Nachrücker auf die Liste. Als sich jemand beruflich veränderte, saß ich 1991 in der Bezirksvertretung. Mein erstes Thema war das Einfahrverbot in den Rübenkamp. Da habe ich gelernt, wie lange die Umsetzung einfacher Beschlüsse dauern kann, aber es hat Spaß gemacht, etwas zu verändern.

Moment, es dauert alles immer unheimlich lange und Sie haben trotzdem Spaß daran?

Ja, weil die Menschen dankbar sind, wenn man etwas für sie erreicht hat. In der Zeitung tauchen ja immer nur die auf, die dagegen waren. Ich bin oft gefragt worden: „Mensch, Kalli, warum tust du dir das an?“ Ein gutes Beispiel dafür ist der Weiterbau der L663n. Die Gegner beschweren sich lautstark, aber viele Menschen etwa am Küsterkamp oder Hellweg hoffen sehr auf den Weiterbau.

1994, drei Jahre später, wurden Sie dann Bezirksvorsteher. Nennen Sie doch mal ein paar Höhepunkte Ihrer Amtszeit.

Die Umgestaltung des Wickeder Ortskerns in den 90er-Jahren mit dem Levi-Cohen-Platz ist so ein Beispiel. Das hat viele Jahre gedauert, weil wir eine vernünftige Lösung haben wollten. Von der CDU wurde ich damals als „Bremser von Wickede“ bezeichnet. Am Ende ist dann ein gutes Ergebnis dabei herausgekommen. Ein weiterer Höhepunkt war 2016 die Errichtung der beiden Flüchtlingsdörfer, als wir ganz schnell Unterkünfte für die Geflüchteten erstellen mussten. Damals gab es eine unglaubliche Hilfsbereitschaft in der Bevölkerung. Wir hätten fast eine 1:1-Betreuung realisieren können und einige waren enttäuscht, dass sie nicht zum Zuge kamen. Kerstin Edler, die Leiterin der Einrichtungen, hat immer gesagt: „Die haben die ganze Flucht alleine bewältigt, die müssen jetzt nicht 24 Stunden am Tag an die Hand genommen werden.“ Natürlich bin ich damals auch stark angefeindet worden.

Sie wirkten in dieser Situation auch persönlich sehr engagiert.

Ich empfand das ganz einfach als ein Gebot der Menschlichkeit. Und ich war froh, dass Angela Merkel Bundeskanzlerin war, sie hat das sehr gut durchgesetzt.

Was ist weniger gut gelaufen?

Ich hätte gerne noch die Neugestaltung des Brackeler Marktplatzes und den Neubau einer barrierefreien Verwaltungsstelle als Bezirksbürgermeister erlebt. Um den Marktplatz wird sich jetzt die nächste Bezirksvertretung kümmern müssen. Für die neue Verwaltungsstelle ist auf jeden Fall das Geld schon im Haushalt eingeplant.

Oberbürgermeister Sierau hat in seiner Abschiedsrede zu Beginn der letzten Bezirksvertretungs-Sitzung auch Ihren Spitznamen als „König von Brackel“ erwähnt …

Von der CDU wurde ich manchmal sogar wütend „Sonnenkönig“ genannt. Das war zu Zeiten, als es in den Sitzungen oft hoch her ging, die sind zum Glück lange vorbei. In den letzten 15 Jahren sind wir ja fast freundschaftlich miteinander umgegangen. Dadurch haben wir für den Bezirk viel mehr erreichen können. Ich wurde einmal sogar einstimmig zum Bezirksbürgermeister gewählt, ein absolutes Novum für Dortmund.

Ich habe dieses „König von Brackel“ manchmal so verstanden, dass Ihnen eine gewisse Arroganz vorgeworfen wurde.

Man muss in diesem Amt selbstbewusst auftreten. Wenn eine Bürgerinformationsveranstaltung zu leiten ist und die Emotionen schon im Vorfeld hochkochen, dann muss man mit breiter Brust auftreten und von Beginn an klar machen, wer die Sitzung leitet und wer das Wort erteilt. Sonst wird nur dazwischen geschrien und es gibt keine sinnvolle Diskussion. Was dabei aber immer wieder vergessen wird: Ich vertrete als Bezirksbürgermeister immer die Meinung des Gremiums, und da war die Beschlusslage oft einstimmig. Bei Entscheidungen muss man klar „Ja“ oder „Nein“ sagen und da hat man dann natürlich immer gleich eine ganze Interessengruppe gegen sich. Sich bei strittigen Fragen einfach der Stimme enthalten, so wie manche es gerne tun, bringt niemanden weiter. So kann man nicht gestalten.

Wie geht‘s Ihnen jetzt? War Ihr Abschied von der Bezirksvertretung emotional?

Wenn man etwas 29 Jahre lang mit viel Herzblut macht, ist das Ende immer emotional. Ich bekomme viele Dankesbriefe, manche handschriftlich. Bei einer Veranstaltung des Gewerbevereins hat sich der Vorsitzende Thomas Tan in seiner Rede ausdrücklich bei mir für die Unterstützung von Handel und Gewerbe bedankt. Ehrlich: Ich wusste gar nicht, dass ich so beliebt bin. Ich habe mir jetzt vorgenommen, den Menschen immer mal wieder zwischendurch „Danke“ zu sagen, nicht nur beim Abschied.

Werden Sie weiter als Berater für Ihre Nachfolger fungieren?

Ich werde sicher nicht als grantelnder Opa von der Seitenlinie mit guten Ratschlägen und kritischen Leserbriefen nerven. Aber wenn ich gefragt werde, helfe ich gern. Und die Verkehrswende werde ich bestimmt weiterhin begleiten.

Was fangen Sie künftig mit Ihrer zusätzlichen Freizeit an? Noch mehr Touren mit Ihrem Boot „Tremonia 2.0“?

Auch das wird irgendwann zu Ende gehen, weil es körperlich oft anstrengend ist. Auf jeden Fall freue ich mich darauf, künftig mehr Zeit für meine Enkelkinder zu haben. „Oppa hat einen Termin“ – der Satz wird selten werden.

Über den Autor
Redaktion Dortmund
Ich fahre täglich durch den Dortmunder Nordosten und besuche Menschen, die etwas Interessantes zu erzählen haben. Ich bin seit 1991 bei den RN. Vorher habe ich Publizistik, Germanistik und Politik studiert. Ich bin verheiratet und habe drei Töchter.
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Andreas Schröter

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