Der Brackeler Flughafen im Jahr 1927. © Archiv Stangl
Es war einmal in Brackel

Holpriger Start für die Luftfahrt in Dortmund vor 100 Jahren

Die Landebahn zu kurz, der Boden matschig: Die Bedingungen auf dem Brackeler Flugfeld waren nicht besonders gut. Trotzdem sorgte der Flughafen zum Beginn des 20. Jahrhunderts für Begeisterung.

Unzählige Brackeler zieht es eines Sonntags im Jahre 1911 gen Norden: Der Hellweg und die heutige Flughafenstraße, damals hieß sie noch „Manfred-von-Richthofen-Straße“, sind mit Fahnen und Girlanden geschmückt. Die Straßenbahn, von den Bürgern „die Elektrische“ genannt, rattert zwischen den Menschenmengen über den Hellweg, während die Dampflok laut schnaufend auf der Strecke zwischen Dortmund und Welver den Brackeler Bahnhof ansteuert. Es sind jedoch nicht die Züge, die die Bewohner des beschaulichen Dorfes vor die Tür locken, sondern der Traum vom Fliegen.

Über die Weiden und Wiesen der Bauern, vorbei an den grasenden Schafen, wandern die Bürger zum Flugfeld – dort, mitten im Grünen, findet der erste Dortmunder Flugtag mit fünf kleinen Flugzeugen statt. Piloten der kleinen einmotorigen Maschinen zeigen in der Luft ihre Kunststücke und versetzen die Menschen in helle Begeisterung.

Schwierige Start- und Landebedingungen

Wann die ersten Fluggeräte in Brackel gestartet und gelandet sind, lässt sich heute nicht mehr nachvollziehen – es muss jedoch vor dem Ersten Weltkrieg gewesen sein, denn das Datum des ersten Flugtages im Jahre 1911 ist gesichert. Nun war es aber kein Flugtag, wie wir ihn heute kennen.

Dieses Flugzeug ist nicht etwa abgestürzt, sondern es hatte sich beim Landen auf dem holprigen Flugfeld überschlagen, da es von einer Böe erfasst wurde.
Dieses Flugzeug ist nicht etwa abgestürzt, sondern es hatte sich beim Landen auf dem holprigen Flugfeld überschlagen, da es von einer Böe erfasst wurde. © Archiv Stangl © Archiv Stangl

Der Boden war matschig, sodass die Planierraupen bei schlechtem Wetter ackerten, um überhaupt eine benutzbare Start- und Landebahn zu schaffen. Das gelang aber auch nicht immer – es konnte passieren, dass die Maschinen beim Landen auf dem holprigen Boden von einer Windböe erfasst wurden und sich überschlugen.

Eingemeindung stellt Weichen für den Dortmunder Flughafen

Das sollte sich ab 1918 ändern: Der damalige Dortmunder Oberbürgermeister Dr. Ernst Eichhoff setzte sich beim Kriegsministerium in Berlin für den Bau eines Militärflughafens auf der Fläche des bisherigen eher notdürftigen Brackeler Flugplatzes ein.

Mit dem Ende des Ersten Weltkrieges wurde der Bau eines Militärflughafens obsolet – trotzdem flogen im „Luftverkehr der Deutschen Luftreederei“ ab 1921 ausgemusterte Militärmaschinen in Dortmund in Richtung Berlin ab.

Die Planungen für einen „richtigen“ Flughafen kamen aber 1923 zur Zeit der Ruhrbesetzung durch die Franzosen wieder ins Stocken. Erst nach der Räumung im Herbst 1924 ging es weiter – ein Militärflughafen war nicht mehr im Gespräch, stattdessen sollte der Flughafen der zivilen Bevölkerung dienen und in das internationale Flugnetz eingegliedert werden.

Bach musste verlegt werden

Im Jahr 1924 verloren mehrere Landwirte ihre Weideflächen: Die Stadt Dortmund kaufte die Wiesen auf, zum Teil wurden sie auch enteignet. Das Gelände wurde innerhalb weniger Wochen gerodet, vollständig planiert und mit Drainagen versehen. Besondere Schwierigkeiten bereitete die Fertigstellung des östlichen Areals, weil durch dieses Gebiet die Aalbecke floss.

Auf einer Strecke von 200 Metern führte man den Bach durch große Bodenröhren unterhalb des späteren Rollfeldes hindurch. Nur so konnte die Rollpiste in Ost-West-Richtung entstehen. Bereits am 18. April 1925 war der 62 Hektar große Flugplatz fertig.

Eine Aufnahme aus der frühen Zeit des Flughafens.
Eine Aufnahme aus der frühen Zeit des Flughafens. © Archiv Stangl © Archiv Stangl

Der kostete rund 900.000 Reichsmark. Die Reichsmark von 1924 ist laut Umrechnungen der Deutschen Bundesbank heute vergleichbar mit 3,60 Euro, also hätte der Flughafen heute etwa 3.780.000 Euro gekostet. Am 24. Mai 1925 wurde er offiziell im strömenden Regen eröffnet. Das erste Flugzeug aus Bremen, ein Dornier Ganzmetallflugzeug, kam mit einstündiger Verspätung in Brackel an. Sechs Passagiere passten in die Maschine, bis Bremen brauchte sie etwa zwei Stunden.

Konkurrenzkampf mit anderen Flughäfen

Von da an wuchs der Flughafen rasant. Es gab Flüge nach Leipzig, Halle, Hannover und Berlin, aber auch nach Rotterdam, Amsterdam und London. Innerhalb eines halben Jahres entwickelte sich der Dortmunder Flughafen zum führenden Flughafen in Westfalen.

Mit den anderen Flughäfen, vor allem dem Flughafen in Münster, entstand ein regelrechter Konkurrenzkampf – jeder wollte schöner und moderner sein. Waren es 1925 noch 1486 Starts vom Dortmunder Flughafen, waren es 1928 schon 3424. Nach zwei Flughallen wurde in kürzester Zeit 1927 das Abfertigungs- und Verwaltungsgebäude hochgezogen.

Dortmund als Vorbild für Berlin

Die Dachterrasse zog Schaulustige an und Gäste aus der Ferne konnten im Hotel übernachten. Im Restaurant mitsamt eigener Konditorei gab es feine Speisen. Es gab einen Sitzungssaal, Räume für den Funk- und Wetterdienst und die Post, eine Werkstatt, Garagen und eine Kantine für Beschäftigte und eine unterirdische Tankstelle. Zu dieser Zeit rangierte der Flughafen noch vor dem Düsseldorfer Flughafen und wurde gar als Vorbild für das Berliner Flugfeld Tempelhof bezeichnet.

Zum Rollfeld kamen die Fluggäste mit der Pferdedroschke – die fuhr ab der Straßenbahn-Haltestelle Brackel Kirche bis zum Rollfeld. Die Straßenbahn, damals noch Linie 12, fuhr von Dortmund über Brackel bis nach Unna.

Zwischenstopps bei schlechtem Wetter

Um den Anforderungen des damaligen Luftverkehrs gerecht zu werden, errichtete man zwischen Brackel und Aplerbeck eine Funksende- und Peilstation. Diese Antennenanlage diente der Flugsicherung und bestand aus zwei 45 Meter hohen Stahltürmen, zwischen denen ein Antennendraht gespannt war. Damit wurden zeitweise auch Wetterdaten abgelesen. An die Sendestation erinnert noch heute der Straßenname „Am Funkturm“.

Das Flughafengebäude war ein beliebtes Ausflugsziel - dort waren unter anderem ein Restaurant und ein Hotel untergebracht.
Das Flughafengebäude war ein beliebtes Ausflugsziel – dort waren unter anderem ein Restaurant und ein Hotel untergebracht. © Archiv Stangl © Archiv Stangl

Doch so fortschrittlich der Flughafen zu jener Zeit auch war, das Fliegen war keineswegs komfortabel. In den Maschinen zog es oft erbärmlich und die Navigationshilfen waren so bescheiden, dass man bei schlechtem Wetter zwischenlanden musste, weil die Piloten schlicht nicht wussten, wo sie sich gerade befanden. Ein Flug nach Frankfurt dauerte 90 Minuten und kostete 35 Reichsmark, nach Zürich flog man über 5 Stunden – heute braucht man von Düsseldorf nach Zürich etwa eine Stunde.

Doch noch ein Militärflughafen

Mit dem Einsatz größerer Maschinen konnten dann in den 30ern noch weitere Ziele wie Wien, Budapest, Paris, München und Malmö angeflogen werden. Nach der Machtübernahme durch die Nazis wurde 1935 doch noch ein Militärflughafen im östlichen Bereich gebaut, der über einen eigenen Gleisanschluss verfügte.

Ab Kriegsbeginn wurde auch der zivile Teil des Flughafens für das Militär genutzt, man nannte den Standort nun „Fliegerhorst Dortmund“. Mit dem Ende des Krieges wurde der Flughafen von der Royal Air Force übernommen und jeglicher deutscher Luftverkehr, sogar die Entwicklung und Produktion von Flugzeugen verboten.

Deutsche sprengten den Flughafen selbst

Um den Stützpunkt für die britischen Alliierten unbrauchbar zu machen, sprengten die Deutschen gegen Kriegsende selbst die Startbahn, das Flugfeld und einige Gebäude – der Flugplatz wurde während des Krieges nie bombardiert. Benutzt wurde das Gelände aber wenig später dennoch wieder: 1953, nachdem die 600 Bombentrichter mit Schutt aufgefüllt wurden, starteten dort die ersten Segelflugzeuge der „Aero Club e.V.“ von Theo und Hans Hengsbach.

Ab 1955 durften die Deutschen wieder am Luftverkehr teilnehmen, doch der Platz war inzwischen für die modernen Maschinen zu klein. 1959 errichtete das britische Militär dort einen Stützpunkt, der bis 1995 besetzt wer. Das ehemalige Empfangsgebäude wurde zum Treffpunkt für Landstreicher und wurde 1972 abgerissen.

Heute befindet sich am alten Flugplatz ein Golfplatz, das Trainingsgelände BVB sowie ein Neubaugebiet An die glorreichen Fliegerzeiten erinnert nur noch der Name „Flughafenstraße“.

In unserer Serie „Es war einmal in Brackel“ beschäftigen wir uns mit der Geschichte des Stadtteils. Anneliese Stangl, keine studierte Historikerin, aber schon fast ihr ganzes Leben geschichtsinteressiert und gebürtige Brackelerin, lässt uns dafür in ihr Archiv blicken. In regelmäßigen Abständen veröffentlichen wir historische Beiträge aus und rund um Brackel.

Über die Autorin
Volontärin
Geboren in Hamm, dann ausgezogen in die weite Welt: Nach ausgiebigen Europa-Reisen bin ich in meine Heimat zurückgekehrt und berichte nun über alles, was die Menschen in der Gegend gerade bewegt.
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Sylva Witzig

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