Anja Dickscheidt hat vor ihrem Haus im Dortmunder Nordosten eine „Fairteiler-Box“ aufgebaut, aus der jeder, der will, kostenlos Lebensmittel entnehmen darf. © Andreas Schröter
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Dortmunderin verschenkt Lebensmittel vor ihrer Haustür

Warum sollte man eine Gurke wegschmeißen, nur weil sie vielleicht etwas krumm gewachsen ist? Eine Dortmunderin rettet Lebensmittel vor dem Müll und bietet sie kostenlos an.

Jedes Jahr werden weltweit 4 Milliarden Tonnen Lebensmittel produziert. Davon wandern 1,3 Milliarden Tonnen in den Müll – und das, obwohl gleichzeitig täglich 57.000 Menschen den Hungertod sterben. Diese Zahlen nennt Anja Dickscheidt (43) aus Lanstrop, die zu den 1200 „Foodsavern“ in Dortmund gehört.

Foodsaver sind Menschen, die Lebensmittel, die nicht mehr verkauft werden, bei Händlern und Produzenten abholen – zumindest, wenn die Dortmunder Tafel sie nicht möchte, die dabei das Vorrecht hat.

Manche Lebensmittel verbrauchen die Foodsaver selbst, aber einige bieten sie in sogenannten „Fairteilern“ an, an denen sich jeder bedienen kann. Fairteiler gibt es nach Dickscheidts Angaben 21 in Dortmund. Hinter dem Projekt steckt die Organisation „Foodsharing“.

Anja Dickscheidts Fairteiler ist eine große Kiste, die vor ihrem Haus, Am Burhag 14, steht. Diese Kiste befüllt sie mehrmals monatlich – beziehungsweise je nach Abholterminen bei den Händlern und der Menge, die dabei zusammenkommt. Auch Kollegen helfen dabei.

In die Box kommen natürlich nur Lebensmittel, die nicht gekühlt werden müssen. Obst, Gemüse, Konserven, Toastbrot und vieles mehr. Sogar Tiernahrung ist dabei.

So sieht Anja Dickscheidts gefüllte Fairteiler-Box aus. in ihr befinden sich unter aderem Obst, Gemüse oder Konserven
So sieht Anja Dickscheidts gefüllte Fairteiler-Box aus. in ihr befinden sich unter aderem Obst, Gemüse oder Konserven. © Andreas Schröter © Andreas Schröter

Manchmal sei es einfach nur so, dass zum Beispiel eine Gurke etwas krumm gewachsen sei oder eine Banane nicht das erforderliche Mindestgewicht habe und deswegen von den Erstanbietern aussortiert worden sei. Bei anderen Produkten ist das Mindesthaltbarkeitsdatum abgelaufen, berichtet Anja Dickscheidt.

Aber das heiße ja nicht, dass solche Lebensmittel von heute auf morgen ungenießbar geworden seien. Lediglich Fisch oder Fleisch dürfe nach Ablauf des Verbrauchsdatums nicht mehr angeboten werden. Auch sie selbst und ihre beiden Söhne konsumieren solche Lebensmittel. Das spare Geld.

Mittlerweile hat Anja Dickscheidt für die Lebensmittel, die gekühlt werden müssen – wie Joghurt, Butter oder Milch -, auch einen Kühlschrank angeschafft. Sie stellt ihn vor die Garage, sobald er gefüllt ist.

Auch einen Kühlschrank, der in der Garage steht, hat Anja Dickscheidt mittlerweile angeschafft
Auch einen Kühlschrank, der in der Garage steht, hat Anja Dickscheidt mittlerweile angeschafft. © Andreas Schröter © Andreas Schröter

Die Menschen, die den Lanstroper Fairteiler nutzen, seien ganz unterschiedlich, sagt sie. Natürlich seien einige dabei, die wenig Geld haben. Diese Personengruppe komme meistens nachts, weil sie sich offenbar schäme, so etwas in Anspruch zu nehmen. Anja Dickscheidt: „Ich höre aus dem Bett immer, wie der Deckel von der Truhe klappert.“

Aber es gebe auch Paare, bei denen beide Partner gut verdienen, die diese Art der Lebensmittelbeschaffung allein aus weltanschaulichen Gründen vorziehen. Wieder andere verbinden das mit einem Spaziergang und freuen sich auf einen kleinen Plausch mit Anja Dickscheidt – besonderes Ältere, die die Lebensmittelknappheit noch aus der Nachkriegszeit kennen und deswegen möglicherweise eine andere Beziehung zu diesen Produkten haben als Jüngere.

Meist ist die Box bereits nach kurzer Zeit leergeräumt. „Neulich habe ich zehn Klio Spargel in den Fairteiler gelegt – der war nach wenigen Stunden weg“, sagt Anja Dickscheidt. Natürlich sei jeder angehalten, nur so viel zu nehmen, wie er verbrauchen kann.

Anja Dickscheidt wünscht sich, dass noch mehr Menschen am Foodsharing-Programm teilnehmen. Es wird komplett ehrenamtlich betrieben. Der Verkauf von solchen Lebensmitteln ist streng untersagt. Der Fodsharing-Grundsatz basiert auf der Rettung von Lebensmitteln und darauf, auf Lebensmittelverschwendung aufmerksam zu machen.

Über den Autor
Redaktion Dortmund
Ich fahre täglich durch den Dortmunder Nordosten und besuche Menschen, die etwas Interessantes zu erzählen haben. Ich bin seit 1991 bei den RN. Vorher habe ich Publizistik, Germanistik und Politik studiert. Ich bin verheiratet und habe drei Töchter.
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Andreas Schröter
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