Dieses Foto ist eines der vorerst letzten, die Alexandra Breitenstein mit langen Haaren zeigen. © Oliver Schaper
Unionviertel

Schonungslos offen: Dortmunder Künstlerin spricht über ihre Erkrankung

Künstlerin Alexandra Breitenstein ist im Unionviertel bekannt. Im vergangenen Jahr wurden bei ihr zwei Krankheiten festgestellt, von denen schon jede für sich schlimm ist.

Alexandra Breitenstein ist ein bekanntes Gesicht im Dortmunder Unionviertel. Hier ist die gebürtige Castrop-Rauxelerin seit vielen Jahren zuhause. Dass die Illustratorin und Diplom-Designerin aber vor eine Kamera tritt, passiert eher selten. Doch wenn, dann geht es zumeist weniger um sie als Person, als viel mehr um ihre künstlerischen Arbeiten.

In den vergangenen Jahren war das zum Beispiel der Fall, als Breitenstein ihre Fotoarbeiten zur Serie „Home Stories – unsere neuen Nachbarn“ vorstellte, bei denen sie geflüchtete Menschen porträtiert hatte. Oder als sie im Kaiserviertel ihre Istanbul-Fotografien in der Ausstellung zu „Insanlar People“ zeigte.

Schonungslos offen

Sie setzt eher andere Menschen und deren Geschichten in Szene, als sich selbst. Seit einigen Monaten ist das anders.

Am 1. Januar hat Alexandra Breitenstein auf ihrem Youtube-Kanal ein Video veröffentlicht. In dem erzählt sie von ihrer aktuellen Arbeit „Always a Lady“ und blickt zurück auf 2020.

Es ist keiner dieser persönlichen Jahresrückblicke, wie sie hundertfach auf der Online-Plattform zu sehen sind. Denn die Mutter einer 18-Jährigen spricht offen und schonungslos über ein Jahr, das sich für sie zwischen Krankenhausaufenthalten, Operationen und Schockdiagnosen abgespielt hat.

Ungewöhnlich starke Beschwerden

„Seit 2019 ging’s bei mir total bergab – also, das geht gar nicht. Ich habe eine Speiseröhrenentzündung entwickelt und eine chronische Magenschleimhautentzündung“, erklärt Breitenstein in dem Video. Immer wieder hätten sich Symptome gezeigt, 2020 seien diese Erkrankungen „vollends ausgebrochen“.

Im April 2020 hätten die Ärzte dann während einer Folgeuntersuchung bei der Dortmunderin Endometriose diagnostiziert. „Eine absolut elende Krankheit“, bei der sich Gebärmutterzellen in anderen Teilen des Körpers absetzen und vermehren, in denen sie zu Wucherungen und Tumoren führten.

Die Diagnose erklärte laut Alexandra Breitenstein auch, warum sie in den vergangenen Jahren unter so ungewöhnlich starken Beschwerden während der Regelblutungen litt. „Ich hatte jeden Monat bis zu drei Wochen lang damit zu kämpfen. Zeitweise waren die Schmerzen so stark, dass sie an Geburtsschmerzen erinnerten“, sagt die Dortmunderin.

Unverständnis und Unwissen

Wenn sie anderen Menschen ihre Beschwerden schilderte, sei sie zumeist auf taube Ohren und Unverständnis gestoßen, erklärt sie im Gespräch mit unserer Redaktion. „Verwandte sprachen da immer von ‘unserem Familienfluch’, alle Frauen aus unserer Familie hätten ja immer schon besonders unter starken Regelbeschwerden gelitten. Dass da eine Erkrankung hinter stecken könnte, war nie Thema“, erzählt Breitenstein.

Eine Untersuchung im Hörder Josefs-Hospital infolge der Diagnose habe dann das wahre Ausmaß ihrer Erkrankung offengelegt: „Es wurde ein Tumor entdeckt, der sich aus dem unteren Bereich des Beckens in den Enddarm bewegt hatte und den Darm perforierte”, sagt die 42-Jährige.

Es folgte eine mehrstündige Operation, um den Tumor zu entfernen und einen lebensbedrohlichen Darmverschluss zu verhindern. Zehn Zentimeter des Darms sowie die Gebärmutter mussten entfernt werden, wie Alexandra Breitenstein sagt.

Erkrankung in Kunst thematisiert

Die Erfahrungen mit der Krankheit motivierten Alexandra Breitenstein dazu, sich auch künstlerisch mit Endometriose auseinanderzusetzen. Entstanden sind in den vergangenen Monaten Bilder wie “Always a lady”, eine Fotografie in der die Künstlerin das Thema Körperbehaarung bei Frauen und die Sicht der Konsensgesellschaft auf das Thema Weiblichkeit in den Fokus setzt.

Das Bild aus Alexandra Breitensteins aktuellem Projekt trägt den Titel
Das Bild aus Alexandra Breitensteins aktuellem Projekt trägt den Titel “Always a lady”. © Alexandra Breitenstein © Alexandra Breitenstein

Auch eine Installation hat Alexandra Breitenstein konzipiert, doch wann und wo die zu sehen sein wird, ist nicht nur durch die Corona-Pandemie derzeit ungewiss.

Zweite Diagnose im Herbst

Im Spätherbst wurde bei der Künstlerin dann ein Schatten auf dem Röntgenbild der Lunge festgestellt. “Anfangs dachte ich selber noch, dass der etwas mit der Endometriose zu tun haben könnte, aber es stellte sich heraus, dass ich Lungenkrebs habe”, so Breitenstein.

Seither kann sie ihren Nebenjob im Marketing nicht mehr ausüben, ist krankgeschrieben. Die erste Chemotherapie hat Alexandra Breitenstein im Dezember hinter sich gebracht.

Für die Bebilderung dieses Textes trifft sich Alexandra Breitenstein mit Fotograf Oliver Schaper direkt vor ihrer Haustür. Die Fotos, die er von der Dortmunderin macht, sind etwas Besonderes, wie sie sagt.

„Es sind die vorerst letzten Bilder, auf denen ich mit langen Haaren zu sehen bin“, meint Alexandra Breitenstein. Am Tag darauf sollen sie abrasiert werden. „Durch die Chemotherapie sind sie in den vergangenen Tagen büschelweise ausgefallen“.

Über den Autor
Freier Mitarbeiter
Fabian Paffendorf, Jahrgang 1978, kam 2003 zum Journalismus. Ursprünglich als Berichterstatter im Bereich Film und Fernsehen unterwegs, drehte er kleinere Dokumentationen und Making-Of-Berichte für DVD-Firmen. In diesem Zusammenhang erschienen seine Kritiken, Interviews und Berichte in verschiedenen Fachmagazinen und bei Online-Filmseiten. Seit 2004 ist der gebürtige Sauerländer im Lokaljournalismus unterwegs. Für die Ruhr Nachrichten schreibt er seit Herbst 2013.
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