Für die Kleingarten-Anlage Nordost in Körne gibt es noch Hinweise zum Grünkohl-Verzehr wegen möglicher PCB-Belastungen. © Schaper
Verzehr-Empfehlung für Kleingärtner

PCB-Verdacht: Keine komplette Entwarnung für Kleingärtner

Für Unruhe sorgten erhöhte PCB-Belastungen im Umfeld eines Silikon-Herstellers. Nach Untersuchungen gibt es jetzt zwar weitgehend Entwarnung für betroffene Kleingärtner - allerdings mit einer Einschränkung.

Vor allem Anwohner und Gartenfreunde im Norden von Körne schreckte die Nachricht im Juni vergangenen Jahres auf. Im Umfeld der Firma M+S Silicon an der Hannöverschen Straße wurde eine erhöhte Belastung mit möglicherweise gesundheitsschädlichem PCB festgestellt.

Besonders betroffen waren vier Kleingarten-Vereine mit rund 550 Gärten im Umfeld der Firma. Das Umweltamt der Stadt empfahl den Gärtnern, auf den Verzehr von bestimmten Gemüse- und Salatsorten vorerst zu verzichten. Zugleich starteten weitere umfangreiche Untersuchungen von Luft, Boden und Pflanzen.

Und auch an der Quelle wurde angesetzt, die in diesem Fall klar war. Bei M+S Silicon an der Hannöverschen Straße werden aus Silikonkautschuk unter anderem Formteile und Bauelemente etwa für Busse und Bahnen, aber auch für medizinische Geräte hergestellt. Dabei werden chlorhaltige „Vernetzer“ eingesetzt – sie sind Quelle für bestimmte PCB-Verbindungen, die über die Abluft freigesetzt wurden.

Im Umfeld der Firma M+S Silicon an der Hannöverschen Straße wurde eine erhöhte Konzentration von PCB gemessen.
Im Umfeld der Firma M+S Silicon an der Hannöverschen Straße wurde eine erhöhte Konzentration von PCB gemessen. © Oliver Volmerich © Oliver Volmerich

Die Firma kündigte eine Umstellung der Produktion mit einem Verzicht auf den kritischen Vernetzer und den Einsatz eines Elektrofilters an, um mögliche PCB-Belastungen aufzufangen. Aktuell stellt das Unternehmen bereits 96,2 % seiner Produkte chlorfrei und damit PCB-frei her, teilt die Stadt mit. Die langwierigen Zulassungs- und Zertifizierungsverfahren für die noch fehlenden Silikonprodukte laufen noch.

Erste Entwarnung im November

Und die Maßnahmen scheinen gewirkt zu haben. Schon im November 2020 konnte die Stadt teilweise Entwarnung geben. In keiner Bodenproben fanden sich die produktionstypischen PCB-Verbindungen. Das galt auch für Spielflächen für Kinder, für die besondere Grenzwerte gelten.

Was noch ausstand, waren die Untersuchungen von Grünkohl, den das Landesamt für Natur, Umwelt und Verbraucherschutz (LANUV) in speziellen Pflanzcontainern in verschiedenen Gärten der Kleingarten-Anlagen angebaut und Anfang November geerntet hatte. Grünkohl ist aufgrund der krausen und großen Oberfläche besonders für die Aufnahme von Schadstoffen geeignet und gilt deshalb als Indikatorpflanze für Belastungen.

Grünkohl-Proben wurden analysiert

Die aufbereiteten Grünkohl-Proben wurden im Labor untersucht. Das Ergebnis, das auch online unter www.pcb-koerne.dortmund.de nachzulesen ist: In allen untersuchten Proben lagen die Gehalte an Dioxinen und Furanen unterhalb der natürlichen Belastung, die Experten sprechen von „Hintergrundbelastung“ und dem sogenannten „EU-Auslösewert“.

Der PCB-Gesamtgehalt lag mit zwei Ausnahmen ebenfalls unterhalb der Hintergrundbelastung. An zwei Messstellen in der Kleingartenanlage Nord-Ost, die in der Hauptwindrichtung der Silicon-Produktion liegen, wurden Restanteile an Silicon-PCB nachgewiesen. Sie seien aber niedriger als bei Löwenzahn-Proben vom März 2020, heißt es.

„Die Werte der im November geernteten Gemüseproben spiegeln die Bemühungen des Unternehmens wider, den PCB-verursachenden Zuschlagsstoff sukzessive zu ersetzen“, erklären die Experten. Allerdings gab es an einer Messstelle in der Gartenanlage einen geringfügig erhöhter Anteil einer PCB-Verbindung, die womöglich eine andere Quelle als die Silikon-Produktion hat.

Angepasste Empfehlung für Gärtner

Die aktuelle Empfehlung des LANUV: „Bei täglichem Verzehr könnte nach jetzigem Kenntnisstand eine gesundheitliche Beeinträchtigung bei Verzehr von Grünkohl aus den Nutzgärten der Anlage Nord-Ost nicht ausgeschlossen werden.“ Dort angebautes Blattgemüse sollte nicht häufiger als einmal pro Woche in einer Portionsgröße von 250 Gramm gegessen werden.

Die bisherige Verzehr-Warnung für die Kleingartenanlagen Zur Lenteninsel, Schwarzer Kamp und Frohes Schaffen und für private Nutzgärten im Umfeld sind aufgehoben werden.

Um der noch unbekannten PCB-Belastung an einem Messpunkt nachzugehen, haben das LANUV und das städtische Umweltamt schon weitere Messungen des Staubniederschlages und der Luft veranlasst. Im Auftrag der Stadt sind seit Januar vier Messstellen zur Erfassung der Staubdeposition in Betrieb. Außerdem will das LANUV auch im Herbst 2021 wieder eine „Grünkohl-Messstelle“ in der Anlage Nord-Ost einrichten.

Gartenfreunde sind gelassen

Die Gartenfreunde von Nordost, mit rund 200 Gärten die zweitgrößte Kleingarten-Anlage in Dortmund, dürften das Ergebnis mit Erleichterung aufnehmen. Möglicherweise werde es noch einige Fragen dazu geben, vermutet der Gartenvereins-Vorsitzende Günter Lepenies. Generell gehe man gelassen mit den Untersuchungen um.

„Wir wissen, dass die Umgebung hier durch Industrie geprägt ist“, sagt Lepenies. „Und viele Gartenfreunde haben seit 50 Jahren Grünkohl ohne Probleme gegessen.“

Über den Autor
Redaktion Dortmund
Oliver Volmerich, Jahrgang 1966, Ur-Dortmunder, Bergmannssohn, Diplom-Journalist, Buchautor und seit 1994 Redakteur in der Stadtredaktion Dortmund der Ruhr Nachrichten. Hier kümmert er sich vor allem um Kommunalpolitik, Stadtplanung, Stadtgeschichte und vieles andere, was die Stadt bewegt.
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Oliver Volmerich

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