Sven und Manuela Raseberg und Sarah Breker (v.l.) leben für Fahrräder. Sie hauchen alten Drahteseln neues Leben ein. © Lydia Heuser
Fahrrad-Bau

„Hirngespinste“ auf der Straße: Dortmunder baut alte Räder neu auf

Die Lieferzeiten für neue Räder sind lang, Ersatzteile kaum zu bekommen. Eine Dortmunder Radwerksatt profitiert trotzdem von der Krise. Der Grund: ein besonderes Konzept.

Die Fahrradbranche gehört definitiv zu den Gewinnern der Corona-Krise. Wie der Zweirad-Industrie-Verband (ZIV) mitteilt, lag der Absatz (in Stück) an Fahrrädern und E-Bikes 2020 mit 5,04 Millionen Einheiten um plus 16,9 Prozent über dem Vorjahr.

Längst werden lange Lieferzeiten für neue Räder ausgerufen und auch Ersatzteile sind schwer zu bekommen.

Alt und repariert statt neu

Zweiradmechaniker Sven Raseberg profitiert von dieser Lage. Zu ihm kommen Kunden, die auf ein neues Fahrrad nicht bis Herbst 2022 warten wollen, vorausgesetzt sie bestellen jetzt.

„Dank der Krise holen die Leute jetzt ihre Räder aus dem Keller, kommen her und sagen, ich soll das mal reparieren“, sagt Sven Raseberg. Vor sechs Jahren starteten er und seine Frau Manuela in einer kleinen Blechgarage mit einer Idee: alte Räder mit neuer Technik wieder auf die Straße bringen.

„Ich lebe Fahrrad“

„Dass das solche Ausmaße annimmt, hätte ich damals nicht gedacht“, sagt er. Die Ausmaße bekommt zu sehen, wer die „2 Wheel Garage“ an der Schützenstraße betritt. Im Untergeschoss lagern die Schätze: alte Hollandräder, Klappräder, Reiseräder, Fitnessbikes.

Ein Blick in die Schatzkiste der „2 Wheel Garage“. Einigen Fahrrädern wird Sven Raseberg wieder auf die Straße bringen. © Lydia Heuser © Lydia Heuser

„Ich lebe Fahrrad, deshalb sieht es hier auch so aus“, sagt Sven Raseberg. Für das orange Klapprad, das oben auf einem Turm aus Rädern rausschaut, hat er schon konkrete Pläne: Es soll eine breite Stollenbereifung bekommen, eine frische Lackierung und ganz anders aussehen, als man es von einem Klapprad erwarten würde.

Alte Rahmen im neuen Gewand

„Frank’N’Stein“-Räder nennt Sven Raseberg seine in die Tat umgesetzten „Hirngespinste“. Oben in der Werkstatt steht momentan ein Rad, das er gemeinsam mit einem Kunden entworfen hat. Ein Auto ist dem schwarzen Herrenrad, das auf den ersten Blick wie ein Single-Speed-Bike aussieht, hinten reingefahren.

Sven Raseberg muss eine neue Felge besorgen, damit er das Hinterrad neu einspeichen kann. Doch selbst die sei momentan schwer zu bekommen.

Das
Das „Frank’N’Stein“-Rad sieht aus, wie ein Single-Speed-Bike, aber im Hinterrad versteckt sich eine Zweigang-Schaltung. © Lydia Heuser © Lydia Heuser

Die Schaltung versteckt sich in der hinteren Nabe und wird durch Zurücktreten aktiviert. „Kickshift“ nennt sich das Prinzip.

„Wir haben mit Absicht die alte Lackierung draufgelassen, darunter ist das Rad eigentlich rot, aber der Kunde wollte den alten Stil beibehalten. Irgendwer hat das wohl mal mit einer Sprühdose schwarz lackiert“, sagt der Zweiradmechaniker.

Um den gebrauchten Look abzurunden, hat das Rad einen gebrauchten Lenker und eine „schäbige“ Sattelstütze bekommen.

Mäntel, Züge und Sattel tauschen die „2-Wheel“-Schrauber standardmäßig an den neuen alten Rädern aus.


Vermisste Räder gehen zurück an Besitzer

Übrigens: Die aufgekauften Räder lassen die Rasebergs immer vorher von der Polizei gegenchecken. Wenn ein vermisstes Rad dabei ist, bekommt der Besitzer es selbstverständlich zurück.

Die Räder, die nicht zu retten sind, werden auseinandergenommen und in ihre Einzelteile zerlegt. Einen Standardvorbau bekommt man in der „2 Wheel Garage“ deshalb auch mal für fünf Euro.

„Ich will keinen großen Gewinn machen. Die Pacht ist nicht hoch und Hauptsache, für uns alle springt am Ende des Monats ein bisschen was ab.“

Einen zweiten Job hat er trotzdem. Auf lange Sicht soll jemand die Werkstatt übernehmen, sodass sich Sven ganz auf seine Eigenbauten konzentrieren kann.

Über die Autorin
Volontärin
Geboren und aufgewachsen im Bergischen Land, fürs Studium ins Rheinland gezogen und schließlich das Ruhrgebiet lieben gelernt. Meine ersten journalistischen Schritte ging ich beim Remscheider General-Anzeiger als junge Studentin. Meine Wahlheimat Ruhrgebiet habe ich als freie Mitarbeiterin der WAZ schätzen gelernt. Das Ruhrgebiet erkunde ich am liebsten mit dem Rennrad oder als Reporterin.
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