Eine Million Euro hat ein Investor aus Heinsberg beim Versteigerungstermin für den Wulfener Markt geboten - die Stadt hat dieses Angebot am Freitag ausgeschlagen.

Dorsten, Wulfen-Barkenberg

, 30.11.2019, 04:45 Uhr / Lesedauer: 2 min

Ein Zwangsversteigerungsverfahren ist eine komplexe Angelegenheit. Auch wenn ein Bieter einen hohen Betrag nennt, muss der Gläubiger noch lange nicht einschlagen. Das ist beim Wulfener Markt der Fall.

Am Freitag versagte die Rechtspflegerin am Amtsgericht Dorsten, Frau Müller, auf Antrag der Hauptgläubigerin, der Entwicklungsgesellschaft Wulfen (eine Stadttochter), dem Bieter aus Heinsberg den Zuschlag. Mit Rechtskraft dieses Beschlusses wird das Zwangsversteigerungsverfahren Wulfener Markt einstweilen eingestellt. Es kann aber unter anderen Vorzeichen neu aufgelegt werden. Das kann unter Einhaltung aller gesetzlichen Fristen frühestens Ende des nächsten Jahres geschehen.

Für den Wulfener Markt hatte der Geschäftsführer der Firma BM Haus und Grundbesitz GmbH Heinsberg, Rajko Kokot, in einer spannenden Bietestunde am 25. Oktober im Amtsgericht Dorsten mit einer Million Euro das Höchstgebot genannt (DZ+). Nach Recherche in einschlägigen und seriösen Auskunftsdateien, wie Bundesanzeiger und Creditreform, ist die Entwicklungsgesellschaft Wulfen als Hauptgläubigerin zu dem Ergebnis gekommen, dass Aspekte vorliegen, die aus ihrer Sicht „Zweifel an der Zuverlässigkeit des Bieters“ und die Versagung des Zuschlags rechtfertigten.

Bundesanzeiger und Creditreform befragt

So hat die EW unter anderem Folgendes vor Gericht vorgetragen:

Aus dem Bundesanzeiger gehe nach der eingereichten Bilanz von 2017 eine „erhebliche bilanzielle Überschuldung“ des Heinsberger Unternehmens BM Haus und Grundbesitz GmbH hervor. Der Gemeinde Wegberg schulde der BM-Geschäftsführer Rajko Kokot die Begleichung von Bußgeldern. Die Gemeinde habe das öffentlich gemacht. Wegberg sah sich dazu gezwungen, weil die Bescheide dem Geschäftsführer postalisch nicht zugestellt werden konnten, obwohl er nachweislich eine Briefkastenfirma in Berlin unterhält (DZ+).

400.000 Euro Steuerschulden

Zudem schulde die Firma BM dem Finanzamt 400.000 Euro Steuern. Einen Antrag auf Stundung oder Ratenzahlung habe der Geschäftsführer beim Finanzamt nicht gestellt. Das hat die EW dem Gericht ebenfalls mitgeteilt.

Gleichwohl habe der Investor in Gesprächen mit der Stadt gesagt, dass er die Sanierung des Wulfener Marktes „ambitioniert und herausfordernd“ finde, auch wenn er die Sanierung der Ladenpassage und der Wohnungen selbst nicht finanzieren könne. Dazu wolle er eine Objektgesellschaft gründen, die er mit seiner Lebensgefährtin führen wolle.

Details wurden öffentlich verlesen

Diese und weitere Details gehen aus der schriftlichen Begründung der Entwicklungsgesellschaft Wulfen ans Gericht hervor. Die Rechtspflegerin hat die Begründung im Wortlaut öffentlich vorgetragen. So schreibt es das Zwangsversteigerungsgesetz vor.

Neben den von der EW vorgetragenen Versagungsgründen führt die Entwicklungsgesellschaft weitere schwerwiegende Argumente aus dem Erbaurechtsgesetz ins Feld - danach kann sie Veräußerungsbeschränkungen geltend machen. Von diesem Instrument hat die EW Gebrauch gemacht.

Da der Zuschlag an den Meistbietenden nur mit wirksamer Zustimmung der Gläubigerin erteilt werden kann, die EW diese aber ausdrücklich nicht erteilt hat, sah die Rechtspflegerin die gesetzlichen Vorgaben erfüllt und versagte den Zuschlag. Der Beschluss wird zwei Wochen nach der Zustellung rechtskräftig - falls niemand Beschwerde einlegt. Für die Redaktion war der Investor für eine Stellungnahme nicht zu erreichen. Eine Anfrage im Berliner Büro blieb unbeantwortet.

Zum Thema ein Kommentar der Autorin:

Es klang zu schön, um wahr zu sein: eine Million Euro als Höchstgebot für den heruntergekommenen Wulfener Markt. Doch die Million, die der Investor so lässig in den Raum warf, hat er gar nicht. Seriöses Geschäftsgebaren sieht anders aus.

Gut, dass die Stadttochter EW gründlich recherchiert hat, um die Solvenz des Bieters zu überprüfen. Mit ihrer Sorgfalt hat sie dem Ortsteil Wulfen-Barkenberg einen wirklich guten Dienst erwiesen, auch wenn die unendliche Geschichte des Wulfener Marktes nun fortgeschrieben wird.

Aber die EW hat ihre Trümpfe nicht aus der Hand gegeben. Sie kann das Zwangsversteigerungsverfahren wieder aufleben lassen, sie kann die Fühler nach anderen Investoren ausstrecken. Da war doch noch ein Bieter aus Herne mit im Rennen, der ernsthaft Interesse am Wulfener Markt gezeigt hat und beim Gebot von 999.999 Euro ausgestiegen ist. Vielleicht redet die EW mal mit ihm.

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