Zu viele Ungereimtheiten: Angeklagter wurde freigesprochen

Sexueller Missbrauch

Erst die Stieftochter, dann die Nichte: Jahrelang soll sich ein Mann aus Dorsten an zwei kleinen Mädchen vergangen haben. Zu beweisen war das jedoch nicht. Der 40-Jährige wurde am Freitag freigesprochen.

DORSTEN/ESSEN

von Von Jörn Hartwich

, 24.02.2012, 17:03 Uhr / Lesedauer: 1 min

Die Richterin am Essener Landgericht formulierte es am Ende so: „Wir haben nichts gefunden, um eindeutig sagen zu können: Der Angeklagte hat die Taten begangen.“ Es gebe zu viele Ungereimtheiten, zu große zeitliche Ungenauigkeiten. Außerdem hätten sich die Aussagen immer mehr verflüchtigt.

Die Stieftochter hatte den Angeklagten im Vorfeld des Prozesses zwar noch schwer belastet, vor Gericht jedoch keine Aussage mehr gemacht. Die Nichte des Dorsteners wollte sich nur noch auf zwei sexuelle Übergriffe festlegen, obwohl sie ursprünglich von sechs Taten gesprochen hatte. „Ich will nichts Falsches sagen“, hatte sie den Richtern erklärt."Ehrlich geschockt"

Der Angeklagte selbst hatte bis zuletzt seine Unschuld beteuert. „Warum soll ich ein Geständnis ablegen, wenn ich nichts gemacht habe?“, fragte er in die Runde. Die Vorwürfe seien falsch. „Ich bin ehrlich geschockt.“

Wer lügt? Wer sagt die Wahrheit? Die Staatsanwältin hatte der Nichte des Angeklagten zumindest in zwei Fällen geglaubt. Die geschilderten Missbrauchstaten seien zu detailliert, erklärte sie in ihrem Plädoyer. „Ich glaube nicht, dass sie das erfinden könnte.“Familie sei zerstritten Außerdem habe das Mädchen keinen Grund, Geschichten zu erzählen. Sie habe durch ihre Anzeige nur Nachteile erlitten. Die Familie sei zerstritten, das ganze Zusammenleben habe sich gewandelt. Früher habe sie ein gutes Verhältnis zu ihrem Onkel gehabt - das sei jetzt vorbei. Hätte sie ihm etwas richtig Böses gewollt, hätte sie sicher von viel mehr Taten sprechen können.

Auch eine Polizeibeamtin hatte sich nach der Vernehmung des Mädchens festgelegt: „Das war die Wahrheit – und das musste gesagt werden.“ Die Staatsanwältin hatte zweieinhalb Jahre Haft gefordert. Ob sie Revision gegen das Urteil einlegen wird, bleibt abzuwarten.

Der Angeklagte verließ den Gerichtssaal sichtlich erleichtert. Sein Verteidiger hatte zuvor erklärt: „Keiner weiß, was damals tatsächlich passiert ist.“

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