Flüchtlingsfamilien ziehen bald in die Dorstener Flüchtlingsunterkunft ein

dzZentrale Unterbringungseinrichtung

Die Zentrale Unterbringungseinrichtung für Flüchtlinge im ehemaligen Petrinum ist keine Luxusherberge, soll den Gästen ab Februar aber ein wohnliches Zuhause auf Zeit bieten.

Dorsten

, 23.01.2020, 18:30 Uhr / Lesedauer: 3 min

Der Name ist sperrig: „Zentrale Unterbringungseinrichtung für Flüchtlinge (ZUE)“. Umso menschlicher sind Inhalt und Bedeutung: Nach umfangreichen Umbauarbeiten sollen demnächst bis zu 250 Flüchtlinge im ehemaligen Petrinum an der Bochumer Straße ein vorübergehendes Zuhause finden, das diesen Namen auch verdient. Am Donnerstag stellte die Bezirksregierung die Einrichtung der Öffentlichkeit bei einem Tag der offenen Tür vor.

Ungewisse Wartezeit

Marion Müsgen vom ASB hat auch die städtische Notunterkunft geleitet, in der dreieinhalb Jahre lang teilweise bis zu 330 Menschen gelebt haben. Jetzt flitzt das Allroundtalent Marion Müsgen mit leuchtenden Augen durch die umgestaltete Einrichtung, die sie „genial“ findet. Sie weiß, was die Menschen brauchen, die nach ihrer Flucht und einigen Wochen in einer Erstaufnahmeeinrichtung bis zur Entscheidung über ihren Asylantrag warten. „Sie sollen diese ungewisse Wartezeit so gut wie möglich verbringen“.

Wohnraum für Familien und alleinstehende Frauen

Hauptsächlich Familien und alleinstehende Frauen und Mütter sollen an der Bochumer Straße untergebracht werden. Wenn sie dort ankommen, statten sie kurz dem Sanitätsdienst einen Besuch ab, bekommen Bettwäsche, ein Hygienepaket und ein Zimmer, in dessen größter Ausführung maximal acht Personen leben sollen und das zumindest ein Minimum an Privatsphäre gewährleisten soll. Die Willkommensmappe in ihrer Sprache enthält viele Tipps und Regeln - auch ungeschriebene wie das deutsche Rollenverständnis zwischen Mann und Frau oder die Mülltrennung.

Flüchtlingsfamilien ziehen bald in die Dorstener Flüchtlingsunterkunft ein

Noch stehen die Zimmer leer, aber Anfang Februar sollen Flüchtlingsfamilien es sich dort ein bisschen wohnlich machen können. © Petra Berkenbusch

Für die Kinder steht eine gemütliche Spielstube mit vielen Büchern und Spielen bereit. Dort arbeiten künftig zwei Erzieherinnen zu „kindergartenüblichen“ Zeiten. Die Kinder können dort abgegeben werden, wenn die Eltern mit Sprachkurs oder Behördenangelegenheiten beschäftigt sind, aber die Eltern dürfen sich dort auch mit ihren Kindern aufhalten. Marion Müsgen: „Viele Eltern kennen das aus ihrer Kultur nicht, dass man sein Kind allein in einer Einrichtung lässt. Da müssen wir erstmal Vertrauen aufbauen.“

Flüchtlingsfamilien ziehen bald in die Dorstener Flüchtlingsunterkunft ein

In der Kinderspielstube sollen die Kleinen sich wohlfühlen. © Petra Berkenbusch

Gemeinsame Mahlzeiten in der ehemaligen Turnhalle

Das Essen wird von einem Caterer angeliefert, die Bewohner essen dreimal täglich gemeinsam in der ehemaligen Petrinum-Turnhalle, in die eine neue Ausgabeküche eingebaut wurde. Dort ist noch nicht jedes Detail fertig, bis Februar sollen jedoch alle Arbeiten erledigt sein. Yvonne Pape, Leiterin des Dezernats Unterbringung für Flüchtlinge bei der Bezirksregierung, ist zuversichtlich, dass die ersten Flüchtlinge Anfang Februar in die ZUE ziehen.

Flüchtlingsfamilien ziehen bald in die Dorstener Flüchtlingsunterkunft ein

Marion Müsgen in der Ausgabeküche © Petra Berkenbusch

Die gemeinsamen Mahlzeiten sollen den Flüchtlingen ebenso ein heimeliges Gefühl vermitteln wie die vielen Freizeitangebote: Sprachkurse, Koch AG, Sport, Handarbeiten, Musik, für die das Klavier schon parat steht, und die ehemalige Schulaula bieten eine Menge Möglichkeiten.

Bürgermeister Stockhoff mahnt respektvollen Umgang miteinander an

Jeden Tag sind für die Formalitäten zwei Mitarbeiter der Bezirksregierung in der Einrichtung, die AWO sorgt für die Verfahrens- und Rückführungsberatung, eine Umfeldmanagerin kümmert sich um das gute Einvernehmen im Stadtteil. Das „gedeihliche Einvernehmen“ mit den Nachbarn sprach auch Bürgermeister Tobias Stockhoff in seiner Rede an.

Flüchtlingsfamilien ziehen bald in die Dorstener Flüchtlingsunterkunft ein

Bürgermeister Tobias Stockhoff begrüßte auch Nachbarn und Politiker zum Tag der offenen Tür. © Petra Berkenbusch

Er freute sich über die zahlreichen Besucher aus Politik und Nachbarschaft, die zum Tag der offenen Tür gekommen waren und sich davon überzeugen konnten, dass die Einrichtung zwar eine deutliche Verbesserung gegenüber der Notunterkunft darstelle, aber keineswegs Luxus biete. „Die Flüchtlinge finden hier gute, solide Bedingungen vor, nicht mehr und nicht weniger“, konstatierte Stockhoff und ermunterte zu respektvollem Verhalten.

Wachschutz ist rund um die Uhr vor Ort

Falls das nicht wie gewünscht funktioniert, ist das Wachschutzunternehmen Kötter rund um die Uhr vor Ort. Das Schulgelände ist eingezäunt, damit niemand unbefugt eindringen kann. Die Bewohner müssen sich an- und abmelden, wenn sie kommen und gehen. ASB-Mitarbeiter sind ebenfalls in drei Schichten Tag und Nacht vor Ort.

Trotz der guten Betreuungslage sind Ehrenamtliche an der Bochumer Straße sehr willkommen. Ob Kleiderkammer, Freizeit, Sprachübungen: Marion Müsgen hat eine Menge zu tun für Menschen, die ihren „Nachbarn auf Zeit“ beim Zurechtfinden in einem neuen Lebensabschnitt helfen wollen.

Maximal zwei Jahre, so Yvonne Pape, sollen Gäste in der Zentralen Unterbringung bleiben. Dann sollte ihr Asylverfahren endgültig entschieden sein und sie einer Kommune zugewiesen werden, sofern sie Deutschland nicht wieder verlassen müssen. Familien mit Kindern sollen schon nach sechs Monaten in Wohnungen vermittelt werden.

Mietvertrag mit der Stadt läuft fünf Jahre

Sobald die ersten Gäste einziehen, läuft die Uhr: Fünf Jahre will die Bezirksregierung die Unterkunft betreiben. Was dann aus dem Gebäude wird, steht noch nicht fest. Die Stadt arbeitet noch an der Entwicklung des Johannesquartiers im Stadtsfeld. Nach der ursprünglichen Planung hätte das ZUE schon im August 2019 fertig sein sollen. Die angespannte Lage im Baubereich sorgte jedoch für Verzögerungen. Gestiegene Sicherheitsstandards erforderten zusätzlich einen hohen baulichen Aufwand.

Jetzt kann die Bezirksregierung mit der sechsten ZUE im Regierungsbezirk ihren Anteil an der Flüchtlingsunterbringung im Land NRW endlich erfüllen. Das lässt sie sich rund zwei Millionen kosten.

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