Dorstener Schriftstellerin wird gewürdigt: Erinnerungstafel eingeweiht

dzStadtgeschichte

Damals als „Frauchen“ verunglimpft, würde sie in heutigen Zeiten als Bestseller-Autorin gelten: Maria Lenzen. Am Samstag (25.10.) wurde eine Erinnerungstafel an ihrem Geburtshaus eingeweiht.

von Sabine Bornemann

Dorsten

, 25.10.2020, 17:00 Uhr / Lesedauer: 2 min

Am Samstag wurde auf dem Marktplatz der erste „Standpunkt“ zur Erinnerung an herausragende Persönlichkeiten der Stadt Dorsten vorgestellt. Diese Gedenktafel ist der Schriftstellerin Maria Lenzen gewidmet und ist neben dem Eingang zur Targo-Bank angebracht. In diesem Haus wurde die später sehr erfolgreiche Autorin 1814 geboren.

Eigentümer wussten nicht, dass Lenzen in ihrem Haus geboren wurde

Die heutigen Eigentümer Gertrud und Rudolf Schmidt wussten nichts über die prominente Bewohnerin - bis der Vorsitzende des Vereins für Orts- und Heimatkunde Josef Ulfkotte sie um Erlaubnis fragte, hier eine Erinnerungstafel anzubringen. „Es sind noch viele weitere solcher ‚Standpunkte’ in Dorsten geplant, sozusagen ‚als kleine Brüder der großen Geschichtsstationen’“, erklärte Bürgermeister Tobias Stockhoff.

Die Gleichstellungsbeauftragte Vera Konieczka bietet schon seit 1995 frauengeschichtliche Stadtrundgänge an: „Das Geburtshaus von Maria Lenzen war immer eine Station, um versteckte Frauen sichtbar zu machen. Maria Lenzen war eine Ausnahmeerscheinung. Es gab noch andere Autorinnen im 19. Jahrhundert, aber sie veröffentlichten immer unter männlichem Pseudonym. Nicht so Maria Lenzen!“

25 Jahre nach Tod: Lenzen wird nie zur Erinnerungskultur gehören

Schon fünf Jahre lang hatte eine Gruppe um Layouter Peter Günther verschiedene Entwürfe, Materialien und Angebote für eine Gedenktafel diskutiert. Einer dieser früheren Prototypen, gefertigt auf einer Fliese, wurde nun als Dankeschön an Edelgard Moers überreicht: Sie hatte jahrelang in Archiven recherchiert und veröffentlichte 2019 ihren Roman „Die Schriftstellerin“, der das Leben von Maria Lenzen unter Einbezug von viel Zeitkolorit nachzeichnet.

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Edelgard Moers hielt eine bewegende Rede über die Dichterin und Erzählerin. Bei einer Feierstunde 1907, 25 Jahre nach dem Tod von Maria Lenzen, nannte der damalige Rektor des Petrinums Josef Wiedenhöfer die Autorin „ein wackeres Frauchen, das bestenfalls Gebrauchsliteratur fabriziert habe, und niemals Teil einer öffentlichen Erinnerungskultur sein könne.“ Wie hätte der Herr Doktor wohl reagiert, wenn man ihn öffentlich als „rühriges Männchen“ bezeichnet hätte? Aber solcher Chauvinismus entsprach damals dem Zeitgeist.

Edelgard Moers erzählte neben der neuen Gedenktafel am Geburtshaus der Schriftstellerin Maria Lenzen auf dem Dorstener Marktplatz von deren individueller Art des Protestes gegen die gesellschaftlichen Verhältnisse.

Edelgard Moers hat einen Roman über die Schriftstellerin Maria Lenzen geschrieben. © Sabine Bornemann

Mit 24 Jahren verfasste Maria Lenzen ihren ersten historischen Roman. 44 Bücher sollten es werden – eine „Bestsellerautorin“! Sie thematisierte Konflikte zwischen Mann und Frau, Armen und Reichen, Bauern und dem Adel. Darin drückte sich auch schon ein Protest gegen die bestehende Gesellschaftsordnung aus – aber leise und nur auf dem Papier. Vielleicht bringt die Gedenktafel den einen oder die andere auf die Idee, die Werke dieser Dorstener Dichterin mal zu erkunden.

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