Wohlbehütet im Klosterkeller: Doch für viele Schätze kommt der Umzug

dzTisa-Archiv

Im Keller-Atelier des Ursulinen-Klosters in Dorsten wird der künstlerische Nachlass von Tisa von der Schulenburg behütet. Jetzt wird neu sortiert. Denn für viele Werke steht ein Umzug an.

Dorsten

, 07.11.2020, 16:49 Uhr / Lesedauer: 3 min

Auf der Anrichte ein Sammelsurium an Handwerkzeugen. Dazu eine alte Waschschüssel, voll mit roten Wachsresten - Überbleibsel eines kreativen Arbeitsvorgangs, bei dem Tisa von der Schulenburg einst den Abdruck für eine ihrer eindrucksvollen Skulpturen erstellt hat. An der Wand ein Fotoporträt, daneben der Bergbau-Helm, den die Künstlerin stets unter Tage trug. Und auf der Kopfstütze des bequemen Sessels sind seit Jahr und Tag die selbst gehäkelten Baretts drapiert, die Dorstens Ehrenbürgerin so gerne als Kopfbedeckung trug.

Es ist, als wäre Schwester Paula, so der Ursulinen-Name der vor knapp 20 Jahren verstorbenen Künstlerin, nur mal kurz verschwunden und würde in ein paar Minuten zurückkehren - so originalgetreu sieht ihr altes Atelier im Keller des St.-Ursula-Gymnasiums noch immer aus.

In diesem Sessel hat Dorstens Ehrenbürgerin Schwester Paula gerne gesessen. Die Baretts. die sie als Kopfbedeckung trugt, sind noch auf ihrem Platz.

In diesem Sessel hat Dorstens Ehrenbürgerin Schwester Paula gerne gesessen. Die Baretts. die sie als Kopfbedeckung trugt, sind noch auf ihrem Platz. © Michael Klein

Wenn da nicht die gepackten Kisten im Vorraum wären, die großformatigen Mappen auf dem Tisch, die leeren Regale und Schubladen, in denen sich Kunstwerke aus der jahrzehntelangen Schaffensperiode von Tisa von der Schulenburg gestapelt haben.

„Fast 3000 Werke sortiert“

„Fast 3000 Werke habe ich in den vergangenen Wochen und Monaten sortiert“, sagt Schwester Barbara Austermann, die sich im Ursulinen-Kloster um den künstlerischen Nachlass kümmert. Skulpturen, Reliefarbeiten, Zeichnungen, Fotos: Gemeinsam mit dem Dorstener Hans-Josef Leiwen, Kunstfreund und Tisa-Bewunderer, hat sie all das gesichtet, was an Werken im „kreativen Untergrund“ gelagert und archiviert wurde, es verpackt und „umzugsfertig“ gemacht.

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Denn dieses künstlerische Vermächtnis von Dorstens Ehrenbürgerin wird - zumindest in großen Teilen - eine neue Heimat finden. Und zwar im neuen Tisa-Archiv, das derzeit mit erheblicher finanzieller Zuwendung des Bergbaus in einem RAG-Gebäude neben dem Förderturm auf dem ehemaligen Zechengelände eingerichtet wird - und mit Verzögerung seiner baldigen Eröffnung harrt.

Fast 3000 Zeichnungen, Reliefarbeiten, andere Kunstwerke und Dokumente sind inzwischen verpackt und einsortiert und werden an den Standort des neuen Tisa-Archivs auf das Zechengelände umziehen: Lambert Lütkenhorst, Vorsitzender der Tisa-Stiftung.

Fast 3000 Zeichnungen, Reliefarbeiten, andere Kunstwerke und Dokumente sind inzwischen verpackt und einsortiert und werden an den Standort des neuen Tisa-Archivs auf das Zechengelände umziehen. Im Bild: Lambert Lütkenhorst, Vorsitzender der Tisa-Stiftung. © Michael Klein

Die Ursprungsidee stammt von Bernd Tönjes, aus Dorsten stammender Vorstandsvorsitzender der RAG-Stiftung. Da Schwester Paula seit ihrer Zeit in England dem Bergbau verbunden war und sich immer den Belangen der Kumpel verpflichtet fühlte, sollte ihr Erbe auf dem Areal der Schachtanlage (für deren Erhalt sie lange demonstriert hatte) der Nachwelt erhalten bleiben.

Auch Ausstellungen vorgesehen

„Wir haben lange mit den Ursulinen-Schwestern darüber verhandelt“, erklärt Altbürgermeister Lambert Lütkenhorst, Vorsitzender der „Tisa-von-der-Schulenburg“-Stiftung. Die Stiftung (Geschäftsführerin ist Ingrid Sommer-Brinkamp) vergibt nicht nur alle drei Jahre den renommierten Tisa-Kunstpreis, sondern hat auch die Aufgabe, Werke Tisas zu sammeln und für Ausstellungen zur Verfügung zu stellen.

„Das soll nun auch im neuen Tisa-Archiv geschehen“, sagt Lütkenhorst. Doch vor allem sollen möglichst viele Werke gesichert werden. Darunter auch solche, die der Stadt gehören und in der VHS gelagert sind.

Bilder, Gemälde und andere Dokumente sind an einer Atelier-Wand ausgestellt.

Bilder, Gemälde und andere Dokumente sind an einer Atelier-Wand ausgestellt. © Michael Klein

Mit dem Ursulinen-Orden hat die Stiftung einen Vertrag abgeschlossen. „Dessen Werke bleiben im Besitz des Klosters, werden der Stiftung aber kostenlos als Dauerleihgabe zur Verfügung gestellt.“ Geregelt ist aber auch, dass Werke in Einzelfällen ans Kloster zurückgegeben werden. Beispielsweise, wenn sie als Geschenke für besondere Gäste vorgesehen seien.

Vor ein paar Jahren hat die RAG im Klosterkeller ein Inventar-Verzeichnis erstellen lassen, Grundlage für die Umzugsvorbereitungen von Schwester Barbara und Hans-Josef Leiwen.

Alte Filmaufnahmen

Auch sie wurden dabei als Protagonisten für einen gut 15-minütigen Videofilm interviewt, der künftig in „Dauerschleife“ im Tisa-Archiv zu sehen sein wird. Neben weiteren Bewegtbildern: Denn bei Aufräumarbeiten fanden sich auch alte Super-8-Filme und VHS-Kassetten, die nun digitalisiert werden und als Zeitdokumente bei Führungen und Ausstellungen zum Einsatz kommen.

Lambert Lütkenhorst und Schwester Barbara begutachten die Tisa-Werke im Kellerflur des Klosters.

Lambert Lütkenhorst und Schwester Barbara begutachten die Tisa-Werke im Kellerflur des Klosters. © Michael Klein

Bei den Gesprächen zwischen Ursulinen und Stiftung wurde aber nicht nur festgelegt, was alles auf das Zechengelände transportiert wird. Sondern auch, was in der früheren Werkstatt der Künstlerin im Kloster verbleibt. „Wir waren uns einig, dass hier unten möglichst viel erhalten bleibt, um eine authentische Erinnerung zu gewährleisten“, so Lütkenhorst.

Viele Anekdoten

Denn Schwester Barbara hat sich vorgenommen, bei vorheriger Anmeldung Gäste durch das Atelier zu führen. „Solange ich gesund bleibe, kann das hier offen sein“, sagt die 80-Jährige. Sie hat so viele gemeinsame Stunden mit Tisa im Atelier verlebt, kennt die Anekdoten aus ihrem Leben, weiß zu fast jedem Kunstwerk eine Geschichte zu erzählen.

Und zu den zahlreichen Fotos, die auf einer großen Leinwand angebracht sind und die viele wichtige Momente und Begegnungen der Dorstener Ehrenbürgerin abbilden: Tisa im Gespräch mit dem damaligen Bundespräsidenten Richard von Weizsäcker, mit Nachfolger Johannes Rau, mit bekannten Kirchenvertretern oder mit dem Künstler und Cafe-Besitzer Antonio Fillipin. Und mit Angela Merkel, die ihr damals als Bundesumweltministerin das Bundesverdienstkreuz überreicht hat.

Auch der letzte Malkasten der Künstlerin ist noch vorhanden.

Auch der letzte Malkasten der Künstlerin ist noch vorhanden. © Michael Klein

Auch so manches Kunstwerk bleibt im Atelier und an den Wänden, darunter zwei Werke aus den ersten Schaffens-Jahren: Skulpturen, die von den Dämonen und Depressionen künden, denen Tisa in den 1930er-Jahren anheim gefallen war. Und natürlich der Malkasten samt Pinseln, die sie zuletzt benutzt hatte. Als wäre sie nur mal kurz verschwunden und würde in ein paar Minuten zurückkehren und weitermalen wollen.

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