Wohnen am Wasser: Wie viel Luxus steckt wirklich im Caritas-Projekt?

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65 barrierefreie Wohnungen baut die Caritas am Wesel-Datteln-Kanal, die ersten werden bald vergeben. Das Projekt wurde schon als „Luxus-Ghetto“ kritisiert - berechtigt? Ein Faktencheck.

Dorsten

, 01.10.2020, 04:45 Uhr / Lesedauer: 3 min

Klaus Schrudde ist unter die Fremdenführer gegangen. Seit Wochen führt der Geschäftsführer des Dorstener Caritasverbandes beinahe täglich Interessenten durch die neue Wohnanlage auf der Hardt. „Das Interesse ist riesig“, freut sich Schrudde.

Die ersten drei von sieben Mehrfamilienhäusern auf dem alten Ölmühlen-Gelände sind fast fertig. Kritik hat es auch gegeben. „Zu teuer“, hieß es beispielsweise, seien die Wohnungen. Ein Wohlfahrtsverband habe andere Aufgaben. Klaus Schrudde ärgert das.

Schöne Aussichten: Manche Wohnungen gewähren einen Blick auf Kanal, Hafencafé und die neue Boccia-Bahn.

Schöne Aussichten: Manche Wohnungen gewähren einen Blick auf Kanal, Hafencafé und die neue Boccia-Bahn. © Stefan Diebäcker

Bevor sich im Oktober die ersten Interessenten eine Wohnung aussuchen dürfen, versucht er, die Bedenken zu zerstreuen. Keine Flachdächer, keine innenliegenden Entwässerungsleitungen, Klinker statt Wärmedämmputzsystem - „das hat nichts mit Luxus zu tun, das ist nachhaltig“, meint Schrudde. „Sonst müssen wir in einigen Jahren wieder Gerüste aufbauen und sanieren.“

Die Lage: Die sieben Häuser mit insgesamt 65 Wohnungen befinden sich unweit des Wesel-Datteln-Kanals und des beliebten Hafencafés. Einige Wohnungen erlauben einen direkten Blick aufs Wasser. Am anderen Ufer befindet sich der Bürgerpark Maria Lindenhof mit der „Oude Marie“. Zu Fuß ist man in wenigen Minuten in der Innenstadt. Das ist ohne Zweifel Top-Lage in Dorsten.

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Wohnen am Wasser in Dorsten

Die Investition: Auf 18 bis 20 Millionen Euro beziffert Klaus Schrudde die Kosten für das neue Wohngebiet, das wegen seiner kompletten Barrierefreiheit wohl einzigartig ist in Dorsten. 2002 hatte die Caritas die alte Ölmühle erworben, viele weitere Jahre dauerte es, bis alle Flurstücke nebenan gekauft und der verunreinigte Boden ausgehoben war. „Wir hätten das nicht machen müssen“, betont Schrudde. „Und dann? Gäbe es für 130 Menschen keine barrierefreien Wohnungen.“ Es sei natürlich traurig, dass sich nicht alle Menschen eine solche Wohnung leisten können, „aber das hat nichts mit der Caritas zu tun“.

Die Wohnungen: Die kleinen haben etwa 65 Quadratmeter Wohnfläche, die großen etwa 100 Quadratmeter. Es gibt 52 kleine und 13 große Wohnungen. Alle sind barrierefrei, in jeder Etage jedes Hauses befindet sich mindestens eine Rollstuhlfahrer-gerechte Wohnung. Alle Wohnungen und der Keller sind über einen Aufzug erreichbar, der so breit ist, dass auch ein Fahrrad oder aber im Notfall zwei Sanitäter mit einer Trage hineinpassen.

Die Ausstattung: Balkon oder Terrasse sind obligatorisch, ein Kellerraum auch. Alle Badezimmer haben ein Fenster, jede Wohnung hat - je nach Größe - zwei oder drei Wärmelufttauscher. „Man kann be- und entlüften, ohne ein Fenster zu öffnen“, so Schrudde. Das hält die Feuchtigkeit aus den Gebäuden. Die Rollstuhlfahrer-Wohnungen haben breitere Türen. Und: Alle Wohnungen haben einen Glasfaser-Anschluss.

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Rundgang durch eine Musterwohnung

Das Interesse: Der Caritasverband hatte ursprünglich 430 Interessenten, 130 hatten sich konkret beworben, jetzt stehen noch etwa 100 auf der Liste. „Wir gehen davon aus, dass die Wohnungen schon vergeben sind, bevor sie auf den Markt kämen“, gibt Schrudde zu. „Für die 13 großen Wohnungen haben wir ungefähr 60 Bewerber. Damit hatten wir nicht gerechnet.“ Für eine kleinere Wohnung kann man sich immer noch auf die Reserveliste setzen lassen.

Die Chancen: Es gibt keine Kriterien, aber „die meisten Leute, die sich hier bewerben, haben irgendwelche Einschränkungen“, sagt der Caritas-Chef. Der ehrenamtliche Vorstand legt fest, wer zum Zuge kommt. Die ersten 30 Interessenten bekommen im Oktober Bescheid. „Unter den Bewerbern sind auch jüngere Leute, aber eine Familie mit zwei Kindern hat sich nicht gemeldet.“

Die Energieversorgung: Im Haus 1 befindet sich die Heizungsanlage für das gesamte Gelände. „Wir haben uns für ein Nahwärme-Versorgungssystem entschieden“, erklärt Schrudde. „Das hat den Vorteil für künftige Mieter, dass die Folgekosten einer Heizungsanlage nicht durch zehn, sondern durch 65 Mieter geteilt werden.“ Auf jedem Dach befindet sich eine Solarthermieanlage, die die Heizung unterstützt und „dauerhaft zu günstigeren Heizkosten führt“. Die betragen nach Berechnungen eines Ingenieurbüros 25 Euro monatlich bei den kleinen und 40 Euro bei den großen Wohnungen.

Caritas-Wohnprojekt in Dorsten

Klinker statt Wärmeputz. Im Haus 1 befindet sich die Heizanlage für das gesamte Wohngebiet. © Stefan Diebäcker

Die Preise: 11,50 Euro pro Quadratmeter sind für Dorstener Verhältnisse an der oberen Grenze. Die kleinen Wohnungen werden mit Nebenkosten etwa 1000 Euro, die großen 1500 Euro monatlich kosten. Schrudde spricht dennoch von „günstig“, nicht nur, weil in Großstädten solche Wohnungen doppelt so teuer seien. Die sogenannte „zweite Miete“ sei wegen der baulichen Gegebenheiten besonders niedrig.

Der Park-Charakter: Das ganze Gelände soll im nächsten Jahr gärtnerisch ansprechend gestaltet werden, verspricht Schrudde. „Jeder Spaziergänger kann auch durch diesen Park gehen, aber die Privatsphäre für die Bewohner bleibt gewahrt. Niemand sitzt auf dem Präsentierteller.“ Altersgerechte Spiel- und Bewegungsgeräte für Kinder und Senioren sind auch vorgesehen.

Der Zeitplan: Haus eins bis drei (jeweils zehn Wohnungen) werden in den nächsten Wochen fertig, die nächsten drei (ebenfalls zehn Wohnungen) bis zum Frühjahr 2021. „Alle Häuser sind identisch, nur spiegelverkehrt“, erklärt Schrudde. Das letzte, nachträglich geplante Haus mit fünf Wohnungen soll bis August 2021 stehen.

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