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Kleine Kinder haben auch zum Thema Sex viele Fragen. Doch was sollen Eltern antworten und wie geht man mit dem kindlichen Entdecken des Körpers um? Dorstener Experten geben Tipps.

Dorsten

, 23.04.2019 / Lesedauer: 6 min

Mama, wie kommen eigentlich die Babys in den Bauch?“ Wer Kinder hat, der wird diese Frage zwangsläufig irgendwann beantworten müssen. Und auch an Doktorspielchen und Selbstbefriedigung werden die wenigsten vorbei kommen. Doch wie geht man mit der kindlichen Neugierde um? Was lässt man zu, wie spricht man über Sex, was ist normal, was nicht?

„Für viele Eltern ist Sexualität immer noch ein Tabuthema“, sagt Ria Burkhardt. Die 67-jährige Dorstenerin hat viele Jahre als Erzieherin, unter anderem in der Kita St. Johannes, gearbeitet und hält heute Vorträge zum Thema „Kindliche Sexualität“.

Vielen Eltern fällt es schwer, über das Thema Sex zu reden

Wenn sie bei ihren Vorträgen mit Eltern ins Gespräch kommt, merkt sie, dass es vielen schwerfällt, darüber zu reden. „Dabei ist es so wichtig für die ganzheitliche Entwicklung des Kindes. Die körperliche Sexualität ist eins der menschlichen und seelischen Grundbedürfnisse“, so Burkhardt.

Nur, wer seinen Körper kenne und wisse, was ihm gefalle und was nicht, könne eine gesunde Sexualität entwickeln. Daher ermutigt sie Eltern, auf Kinderfragen zwar kindgerecht, aber ehrlich zu antworten. „Wenn Kinder eine Frage stellen, können sie auch die Antwort verkraften“, sagt sie. In der Regel kämen die Fragen zur Sexualität mit vier beziehungsweise fünf Jahren.

Wie spricht man mit Kindern über Sex? Dorstener Experten klären auf.

Ria Burkhardt hat 33 Jahre lang als Erzieherin in Dorsten gearbeitet. Regelmäßig hält sie Vorträge zur Sexualerziehung von Kindern. © Manuela Hollstegge

So rät die Erzieherin, bei der berüchtigten Frage danach, wie die Babys in den Bauch kommen, von Liebe und Nähe zu reden, aber auch davon, dass der Penis vom Mann fest wird und er dann in die Scheide von der Frau geführt wird. Zu ungenau solle man laut Ria Burkhardt nicht sein: „Wenn ich nur sage, Mama und Papa kommen sich nah, können auch Ängste entstehen. Kommt in meinen Bauch auch ein Baby, wenn ich meinem Kita-Freund nah komme?“

In der Kita hat sich Burkhardt bei solchen Fragen immer zurückgehalten. „Die Aufklärung obliegt in diesem Alter meines Erachtens den Eltern“, sagt die 67-Jährige. Wenn solche Fragen kämen, würde sie den Eltern aber schon signalisieren, dass es sinnvoll wäre, darüber einmal mit dem Kind zu sprechen.

Nackige Kita-Kinder spielten Schwimmbad im Nebenraum

In ihren 33 Jahren als Erzieherin ist Burkhardt oft mit dem Thema kindliche Sexualität in Berührung gekommen - sei es durch Kinder, die „ständig die Finger in der Hose“ hatten, oder durch Doktorspielchen im Nebenraum. Einmal, so erzählt sie, sei sie in den Nebenraum gekommen, und alle Kinder seien nackt gewesen. „Die haben Schwimmbad gespielt. Wir haben sie gelassen und sie nur gebeten, sich anschließend wieder anzuziehen.“

Burkhardt hält es für sehr wichtig, Kinder diese Erfahrungen machen zu lassen. Wichtig sei dabei aber auch, jedem Kind zu signalisieren, dass es sich jederzeit aus diesem Spiel zurückziehen könne und auch sagen dürfe, wenn ihm etwas nicht gefalle. Auch sollte man erklären, dass die Haut in Scheide und After sehr empfindlich sei.

„Die Angst vor sexuellem Missbrauch ist besonders in letzter Zeit sehr groß geworden.“

Das sieht auch Meinhard Schreiber so. Der 58-jährige Sexualpädagoge arbeitet seit 1991 bei Pro Familia in Recklinghausen und berät Eltern, Erzieher und Lehrer -unter anderem auch in Dorsten - zum Umgang mit der kindlichen Sexualität.

„Ich werde oft als Feuerwehr geholt, wenn es zum Beispiel Doktorspiele in der Kita gab und keiner genau weiß, wie man damit umgeht“, erzählt Schreiber. Oft sei vor allem bei Eltern die Verunsicherung groß. „Besonders in der letzten Zeit ist die Angst vor sexuellem Missbrauch sehr groß geworden. Die Eltern wollen ihre Kinder schützen und Pädagogen haben Angst, zu spät zu handeln. Es wird oft viel zu früh zu viel hingeschaut“, sagt er. Da werde aus einem kleinen Übergriff schnell ein Missbrauch.

Wie spricht man mit Kindern über Sex? Dorstener Experten klären auf.

Meinhard Schreiber ist Sexualpädagoge und arbeitet bei Pro Familia in Recklinghausen. Er bietet unter anderem auch in Dorsten Gesprächsabende zum Thema kindliche Sexualität an. © Manuela Hollstegge

Das Thema Sexualität sei in unserer Gesellschaft immer noch stark geheihmnisbelastet, sei mit Fantasien aufgeladen und habe einen zwiespältigen Status. Daher würden Übergriffe, die auch nur im geringsten mit Sexualität zu tun hätten, wesentlich stärker geahndet und aufgebauscht als beispielsweise psychische Gewalt.

Schreiber bringt ein Beispiel: „Ein Kind sagt in der Kita zu einem anderen Kind, dass es nur mit in seiner Höhle spielen darf, wenn es seinen Penis zeigt. Das Kind zeigt seinen Penis, geht in die Höhle, fertig. Daran ist nichts Schlimmes. Fühlt sich das Kind jedoch unter Druck gesetzt und zeigt seinen Penis, obwohl es das nicht möchte, sieht die Sache dann wieder anders aus.“

Kinder dürfen plötzlich nicht mehr nackig im Kita-Garten spielen

Insgesamt würden Kinder heutzutage oft präventiv zu Opfern gemacht, findet Schreiber. Da dürften Kinder plötzlich nicht mehr nackig im Kita-Garten spielen, weil ein neues Haus in der Nähe gebaut wurde, von dem aus man den Garten einsehen könne. Oder männliche Erzieher dürften nicht wickeln, oder Väter trauten sich nicht mehr, mit ihren Kindern zu baden.

Wenn die Kinder Ohrenarzt spielen würden, wären Eltern lange nicht so alarmiert, wie wenn sie Frauenarzt spielten, „dabei kann man ziemlich viel kaputt machen, wenn man mit einem spitzen Gegenstand das Ohr untersucht“.

„Wir müssen dieses Schmuddelimage wegbekommen.“

„Wir müssen dieses Schmuddelimage vom Thema wegbekommen und lernen, unseren Blick dafür zu schärfen, ab wann es tatsächlich ein Übergriff oder problematisch ist“, so Meinhard Schreiber. Im Alter von zwei bis sechs Jahren werde die Sexualität eines Kindes geprägt. Habe das Kind in dieser Zeit keine Möglichkeit, sich selbst zu erforschen, sei es schwer, später ein gesundes Körpergefühl und Selbstbewusstsein zu entwickeln.

Wenn Kinder sich ständig selbst befriedigen, rät der 58-Jährige dazu, dem Kind generell zu zeigen, dass das in Ordnung ist. Man sollte ihm natürlich dennoch erklären, dass es in unserer Gesellschaft Regeln dafür gibt und man so etwas besser alleine beziehungsweise zu Hause machen sollte. „Das ist oft eine ganz normale Phase, die auch wieder vorbei geht. Irgendwann wird jedes Spiel langweilig“, so Schreiber.

Penis als ein Körperteil von vielen ansehen und auch so erklären

Wenn Eltern Probleme damit hätten, über Sexualität zu sprechen, sollten sie versuchen, die Aufladung aus dem Thema raus zu nehmen. Wer einen Penis als einen Körperteil von vielen ansehe, der könne das dem Kind auch ohne Scham vermitteln. „Und wenn ich lieber Muschi statt Scheide sage, ist das auch okay. Schließlich soll man ja authentisch bleiben und sich mit den Worten wohlfühlen.“

Melanie Frinken findet es okay, wenn ihre Schüler unterschiedliche Wörter für Penis und Co. kennen. Wenn die 47-jährige Konrektorin der Albert-Schweitzer-Schule in Hervest im zweiten Schuljahr mit der Sexualerziehung beginnt, lässt sie sich alle nennen und einigt sich mit den Kindern auf die gängigen Fachbegriffe. „Die Sachlichkeit macht es für sie einfacher, über das Thema zu reden“, sagt sie.

Spezielle Fragen im Unterricht werden an die Eltern verwiesen

Während in der zweiten Klasse noch selten Fragen zum Sex an sich kommen, passiert das im zweiten Block der Sexualerziehung im vierten Schuljahr schon häufiger. „Ich versuche, das Meiste zu beantworten, wenn es ganz speziell wird, verweise ich jedoch auf die Eltern“, erzählt Frinken.

In der vierten Klasse bespricht sie mit den Schülern, wie ein Kind entsteht, welche inneren Geschlechtsorgane es gibt, was die Pubertät bedeutet, welche Geschlechtskrankheiten es gibt und reißt natürlich auch den Geschlechtsverkehr an sich und das Thema Verhütung an. „Wir gehen da aber nicht so wahnsinnig ins Detail und packen auch keine Banane mit Kondom aus“, sagt sie.

Wie spricht man mit Kindern über Sex? Dorstener Experten klären auf.

Hady Pomorin spielt im Theaterstück „Mein Körper gehört mir“ einen Jugendlichen, der Eva Bock im Bus eine Hand über die Schulter legt. Die Schüler sollen dabei darauf achten, wann Eva Bock ein Nein-Gefühl entwickelt. © Berthold Fehmer (A)

In einer getrennten Stunde spricht sie mit den Mädchen über die Periode und mit den Jungs über Samenerguss und Stimmbruch. Immer steht eine Box im Klassenzimmer, in die die Kinder Zettel mit Fragen werfen können. Wer seinen Namen drauf schreibt, der möchte das Thema unter vier Augen mit der Lehrerin oder dem Lehrer besprechen, wer keinen drauf schreibt, der möchte das Thema im Unterricht aufgegriffen haben. Zusätzlich beschäftigen sich die Schüler der Albert-Schweitzer-Schule beim Theaterprogramm „Mein Körper gehört mir“ mit dem Thema Missbrauch.

Die Bandbreite dessen, was Grundschüler an Wissen über Sexualität mitbrächten, sei enorm groß, erzählt die Konrektorin. „Zum Teil sind die Kinder in der vierten Klasse noch nicht aufgeklärt und die Eltern möchten das auch eigentlich nicht. Anderen Eltern kommt die Aufklärung in der vierten Klasse viel zu spät.“

  • Kontakt zu Meinhard Schreiber gibt es bei Pro Familia unter Tel. (02361) 26 70 1 bzw. per Mail.
  • Den nächsten Gesprächsabend zum Thema „Kindliche Sexualität“ mit Ria Burkhardt gibt es am 27. Juni (Donnerstag) um 16 Uhr im DRK-Kindergarten Marl-Lenkerbeck, Händelstraße 3.
  • Mehr Infos zum Theaterprogramm „Mein Körper gehört mir“ gibt es hier.
  • Marion Pabst von der Dorstener Buchhandlung „schwarz auf weiß“ empfiehlt folgende Kinderbücher zum Thema Sexualerziehung/Aufklärung: „Mein Körper gehört mir“ von Dagmar Geisler (ab 5 Jahren); „Mein erstes Aufklärungsbuch“ von Dagmar Geisler (ab 5 Jahren; Sammelband); „Wachsen und erwachsen werden: Das Aufklärungsbuch für Kinder“ von Sabine Thor-Wiedemann (ab 8 Jahren); „Mama, Papa und ich. Wo kommen die kleinen Babys her?“ von Malcolm Doney, Meryl Doney, Nick Butterworth und Mick Inkpen (ab 5 Jahren); „Peter, Ida und Minimum. Familie Lindström bekommt ein Baby“ von Grethe Fagerström (ab sechs Jahren); „Vom Liebhaben und Kinderkriegen: Mein erstes Aufklärungsbuch“ von Sanderijn Van der Doef, Marian Latour und Regina Zwerger (ab 5 Jahren)
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