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Wie Dorstens Bürgermeister Schulkindern das Asylrecht erklärt

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Das Schicksal einer mongolischen Familie rührt viele Dorstener an. Der Bürgermeister erklärte den Klassenkameraden von Jarga (12) das Asylrecht – und dass es keine Hoffnung gibt.

Dorsten

, 08.12.2018 / Lesedauer: 3 min

Jarga hat sich in die hintere Sitzreihe im Großen Sitzungssaal verkrümelt. Er will augenscheinlich nicht im Mittelpunkt stehen, doch wegen ihm und seiner Familie sind sie ja hier: seine Klassenkameraden aus der 6c des Gymnasiums Petrinum, der Bürgermeister, der Mitarbeiter der Ausländerbehörde. Zwei Aktenordner hat er mitgebracht, aber das hat eher symbolischen Wert. Der Inhalt unterliegt dem Datenschutz, der Fall ist juristisch abgeschlossen, die Entscheidung ist verbindlich.

Wie Dorstens Bürgermeister Schulkindern das Asylrecht erklärt

Zwei Aktenordner füllt der Fall der mongolischen Familie. Am 11. Dezember soll der Vater die freiwillige Rückführung unterschreiben. © Stefan Diebäcker

Jarga, seine Eltern und Geschwister werden bald zurück in die Mongolei müssen. Nach vier Jahren in Deutschland. Das wollen viele Erwachsene schon nicht wahrhaben, denn die Eltern wollen ihren Kinder ja bessere Bildungschancen bieten. Aber wie erklärt man jungen Menschen in verständlichen Worten das komplizierte Asylrecht? Was ist Recht, was Gerechtigkeit?

„Ich finde das auch sehr bedauerlich“

Bürgermeister Tobias Stockhoff nimmt sich eine Stunde Zeit. Es ist eine Lehrstunde ohne erhobenen Zeigefinger, sondern mit viel Empathie. Irgendwann wird in seiner Powerpoint-Präsentation ein gebrochenes Herz in den Farben Schwarz, Rot und Gold auftauchen. „Ich finde es auch sehr bedauerlich, dass die Familie zurück in die Mongolei muss, weil sie in Dorsten gut integriert ist“, sagt er dann. „Aber es gibt auch Gesetze und einen Rechtsstaat.“ Andere Leute dürften bleiben, obwohl sie sich nicht integrieren ließen. „Das finde ich auch ungerecht.“

Ein Schiedsrichter muss sich in einem Fußballspiel an Regeln halten, obwohl es sie nicht gemacht ist. „Gesetze sind nichts anderes als Regeln“, erklärt der Bürgermeister. „Der Bundestag legt sie fest, andere Menschen müssen sie dann anwenden.“ Das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge prüft zum Beispiel, ob jemand einen Anspruch hat, in Deutschland Asyl zu bekommen oder nicht. „Wir müssen die Entscheidung dann anwenden. Da geht es nicht darum, ob die Familie nett ist oder der Klassenkamerad ein Freund.“

Politisch Verfolgte genießen Asylrecht

Auf der Leinwand taucht der Artikel 16a des Grundgesetzes auf: „Politisch Verfolgte genießen Asylrecht.“ Punkt. Mann oder Frau, alt oder jung, gebildet oder nicht - völlig egal. Jarga und seine Familie werden in der Mongolei nach allem, was man weiß, nicht verfolgt. Ist es dann gerecht, ihnen ein Bleiberecht einzuräumen und anderen nicht? Ist es gerecht, dass Schüler an ihrem Geburtstag keine Hausaufgaben machen müssen? Was ist, wenn jemand in den Ferien Geburtstag hat? Pech gehabt?

Nicht jede Regel deckt alle Fälle, gibt der Bürgermeister zu. In keiner Spielregel steht, was passiert, wenn ein Würfel auf den Boden fällt. „Aber die Alternative wäre Willkür, das will niemand.“ Über Jarga, seine Eltern und Geschwister haben ein Bundesamt und ein Verwaltungsgericht entschieden.

Wie Dorstens Bürgermeister Schulkindern das Asylrecht erklärt

Aufmerksam hörten die Sechsklässler dem Bürgermeister zu und stellten Fragen. © Stefan Diebäcker

„Was kann man noch machen?“, will Philipp wissen. Demonstrieren vielleicht, sagt der Bürgermeister, damit es irgendwann ein Einwanderungsgesetz gibt. „Ob das Jarga und seiner Familie noch hilft, weiß ich nicht.“

„Warum dürfen manche Menschen hierbleiben, obwohl sie eine schlimme Straftat begangen haben?“, fragt Luis. Weil ihnen in ihrem Heimatland der Tod drohen würde, erwidert der Bürgermeister. Die Würde des Menschen ist unantastbar, das Lebensrecht auch.

„Warum hat das vier Jahre bis zur Entscheidung gedauert?“, wundert sich Louis. Das ist sehr ärgerlich, gibt der Bürgermeister zu, aber es gab viel zu tun in den Ämtern. „Wo ziehen wir die Grenze - nach zwei, fünf oder zehn Jahren?“

Am Ende bleibt Schweigen.

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