In den allermeisten Fällen sind Frauen Opfer von häuslicher Gewalt. (Symbolbild) © dpa

Weniger Anzeigen wegen häuslicher Gewalt: Corona hindert am Hilfesuchen

In Dorsten wurden 2020 weniger Fälle von häuslicher Gewalt zur Anzeige gebracht als im Jahr davor. Eine Sonderauswertung des Landeskriminalamts zeigt aber, dass die Fallzahlen gestiegen sind.

In Dorsten sind wie im gesamten Zuständigkeitsbereich der Polizei Recklinghausen im vergangenen Jahr weniger Fälle von häuslicher Gewalt zur Anzeige gebracht worden als 2019. Die Zahl habe sich zwar nicht halbiert, heißt es von der Polizei, aber der Rückgang sei schon „markant“.

Diese Daten seien allerdings mit Vorsicht zu betrachten, sagte ein Polizeisprecher. „Das sind die Straftaten, von denen die Polizei erfährt, also das Hellfeld.“ Die sogenannte Eingangsstatistik, also die zur Anzeige gebrachten Fälle, ist auch nicht mit den Daten im kürzlich veröffentlichten Kriminalitätsbericht 2020 vergleichbar, die sich zum Teil aus anderen Quellen speisen.

Der Kriminalitätsbericht enthält keine Angaben zum konkreten Phänomen „häusliche Gewalt“. Er umfasst ausschließlich Delikte, die so auch im Strafgesetzbuch auftauchen, wie beispielsweise Körperverletzung, Vergewaltigung, Nötigung. Passieren diese Delikte in Partnerschaften oder häuslichen Gemeinschaften, spricht man von häuslicher Gewalt.

LKA-Sonderauswertung zeigt Zunahme in 2020

Für den landesweiten Kriminalitätsbericht hat das Landeskriminalamt NRW erstmals eine Sonderauswertung zum Bereich häusliche Gewalt für das Jahr 2020 und rückblickend auch für 2019 vorgelegt. Hintergrund war unter anderem die Vermutung, dass Gewalt im häuslichen Umfeld durch Corona angestiegen sein könnte.

Die Sonderauswertung bestätigt diese Vermutung: In NRW hat es 2020 im Vergleich zum Vorjahr 7,7 Prozent mehr Fälle von häuslicher Gewalt gegeben. Bei diesen Delikten handele es sich ganz überwiegend um Gewalt gegen Frauen, sagte NRW-Innenminister Herbert Reul. Das Dunkelfeld sei groß. In Brandenburg stiegen Fälle von häuslicher Gewalt im Jahr 2020 um 20 Prozent.

Hat die Pandemie Frauen am Hilfesuchen gehindert? Schon im normalen Alltag gehöre viel Mut dazu, eine Beratungsstelle oder ein Frauenhaus aufzusuchen, sagt Vera Konieczka, die als Gleichstellungsbeauftrage der Stadt Dorsten auch zum Thema häusliche Gewalt berät: „Im Corona-Alltag fällt die Entscheidung noch schwerer.“

Die Gleichstellungsbeauftragte der Stadt Dorsten, Vera Konieczka, berät auch zu häuslicher Gewalt.
Die Gleichstellungsbeauftragte der Stadt Dorsten, Vera Konieczka, berät auch zu häuslicher Gewalt. © Claudia Engel (A) © Claudia Engel (A)

Wohin kann ich gehen? Was erwartet mich im Frauenhaus? Wie groß ist dort die Ansteckungsgefahr? Das seien Fragen, die sich betroffene Frauen stellen, so Konieczka. Viele würden auch mit ihren Kindern flüchten: „Flucht bedeutet Stress, Homeschooling bedeutet Stress, lang geschlossene Kindertageseinrichtungen ebenfalls.“

Dorstener Frauenhaus bislang Corona-frei

Viele Frauen, so Konieczka, werden Entscheidungen auf die Zeit nach Corona verschoben habe. „Ohne zu ahnen, dass daraus mal ein Langzeitprojekt werden könnte.“ Der erste Lockdown traf Beratungsstellen genauso überraschend wie Verwaltungen und Unternehmen. Kontaktbeschränkungen mussten eingehalten und eine digitale Infrastruktur eingerichtet werden. „Jetzt sind Beratungsstellen wieder gut erreichbar“, so Konieczka. Und einen Coronafall hat es beispielsweise im Dorstener Frauenhaus bis heute nicht gegeben.

Gewalt gegen Frauen: Hier gibt es Hilfe

  • Frauen- und Kinderschutzhaus Dorsten, Tel. (02362) 410 55
  • Opferschutzbeauftragte der Polizei, Tel. (02361) 553 341
  • Gleichstellungsbeauftragte Stadt Dorsten, Tel. (02362) 663 420
  • Weißer Ring im Kreis Recklinghausen, Tel. (0151) 55 164 749
  • Beratungsstelle „Frauen helfen Frauen“ in Marl, Tel. (02365) 146 40
  • Bundesweites Hilfetelefon Gewalt gegen Frauen (vertrauliche, kostenlose Beratung in 17 verschiedenen Sprachen rund um die Uhr), Tel. (08000) 116 016, www.hilfetelefon.de
Über den Autor
Redakteur
Einst aus Sachsen nach Westfalen rübergemacht. Dort in Münster und Bielefeld studiert und nebenbei als Sport- und Gerichtsreporter gearbeitet. Jetzt im Ruhrpott gelandet. Seit 2016 bei Lensing Media.
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Robert Wojtasik