Franziska Erbe und Mia Hellmann (r.) haben wie ihre Mitschüler im Deutschkurs der EF-Stufe des Petrinum hörens- und lesenswerte Lyrik zum Coronajahr zu Papier gebracht. © Claudia Engel
Ein Jahr Corona

Virus lässt die Verse fließen: Schüler öffnen ihr lyrisches Ich

Corona setzt Ängste frei. Manchmal auch Zorn. Und die Sehnsucht, dass der Spuk bald vorbei ist. Petrinum-Schüler haben in Worte gefasst, was das Virus mit der Identität anstellt.

Seit Corona ist alles anders. Manchmal quälend anders. Die 16-jährige Mia Hellmann und die gleichaltrige Franziska Erbe, beide Schülerinnen der 11. Klasse des Gymnasiums Petrinum, haben mit 19 weiteren Deutsch-Kursteilnehmern zum Thema „Corona und Identität“ zu Papier gebracht, was Schüler in Corona-Zeiten innerlich bewegt.

Die Ergebnisse sind beachtlich, erstaunlich, anrührend, bewegend – viele Erwachsene würden bei der Lektüre dieser Schüler-Lyrik in Worte gekleidet finden, was sie so vielleicht selbst empfinden, aber auf diese Weise sicher nicht so poetisch preisgeben würden.

Die Petrinum-Schüler haben tief in ihr Seelenleben blicken lassen. Das würden sie bei der üblichen Teamarbeit in der Schule sonst wahrscheinlich zurückhalten oder sogar verbergen, denn der Gruppengedanke geht vor. Im häuslichen Distanzunterricht, in aller Einsamkeit vor dem Bildschirm, ist das anders.

Eine Zeit zwischen „Stress und Leere“

Dies sei für sie eine Zeit, die sie als endlos scheinende Spanne „zwischen Stress und Leere“ empfindet, so Franziska. „Dazwischen gibt es nicht viel“, sagt auch Mia. Man müsse sich morgens selbst motivieren, aufzustehen und den Tag in Angriff zu nehmen, ergänzt Franziska. Corona könne mut- und antriebslos machen.

Die Aufforderung zum Dichten empfanden die Schülerinnen und Schüler bei so viel Zeit zum Nachdenken nicht als beängstigend. Sie begriffen den Anstoß zum Dichten als Einladung, nicht nur zu funktionieren, sondern zu leben und zu zeigen, was in ihnen steckt.

Sehr leistungsstarker Deutschkurs am Petrinum

„Erstaunlich reif für diese Altersklasse“, findet Referendarin Anastasia Duong das. Aber sie sagt auch: „Das ist ein sehr leistungsstarker Deutschkurs.“ Freudig begrüßt sie, wie offen ihre Schüler ihren Vorschlag angenommen haben, ihr lyrisches Ich sprechen zu lassen. Anastasia Duong hat das Projekt nach einer „Blitzidee vor dem Schlafengehen“ entwickelt und viel Zustimmung bei den Deutschlehrern des Petrinums gefunden.

Die Pädagogin hat ihren Schülern alle Freiheiten beim Dichten gelassen. Beim Nachdenken über das Thema „Identität und Corona“ haben sie scheinbar mühelos zu ihren Zeilen gefunden.

„Schauen, welche Wörter zueinanderpassen“

Mia dazu: „Ich habe mich sofort gefragt: Wie fühlen sich andere unter dem Eindruck der Pandemie, wie geht es mir selbst?“, sagt die 16-Jährige. Und hat dann angefangen, Wörter zu suchen, in die sie ihre Gedanken kleiden konnte. „Geschaut habe ich, wie sie sich fügen und ob alles zusammenpasst.“ Ihr Ergebnis beurteilt sie als „authentisch“.

Erstaunlich rationale Betrachtungsweise

Franziska Erbe offenbart für eine 16-Jährige eine erstaunlich rationale Betrachtungsweise: „Wer bin ich, wer will ich sein?“ sind zwei zentrale Fragen, die die Jugendliche bewegen. Sie kommt zu dem Ergebnis: „Zwischen Stress und Langeweile / bleibt mir wirklich kaum noch Zeit? / Einmal raus aus dieser Eile /

zu müde für die Wirklichkeit“. Das aus der Feder einer 16-Jährigen, vor der sich die schönen Seiten des Lebens in einem Kaleidoskop ausbreiten sollten. Die lässt Corona aber im Keim ersticken.

Vielleicht erwächst daraus ein Poetry Slam

„Zu schade“ fände Janet Weißelberg, die zum Leitungsteam des Petrinums gehört, „wenn die Arbeiten der Schüler nicht weiter beachtet werden“. Sie selbst wird ihnen einen Platz auf der Homepage der Schule einräumen – „aber vielleicht wird es ja auch einen Poetry Slam geben, bei dem die, die es möchten, ihre Lyrik vortragen können?“ Wer weiß schon, wann das wieder der Fall sein wird. In unserem Medium findet die Schüler-Lyrik einen Platz.

Wer bin ich? (Franziska Erbe)

Wer bin ich? /

Wer will ich sein? /

Habe ich denn Zeit zu denken, /

immer vor des Bildschirms Schein? /

Bin ich fertig scheint es gut, /

doch mit der Zeit wird das normal. /

Kann es einmal nicht so sein? /

Es wär ein Schock, ein erstes Mal. /

Immer Druck von allen Seiten, /

jeder will es mir erklär’n. /

Ich weiß doch selbst nicht was ich will! /

In meinem Kopf dem Leben fern. /

Der Bildschirm sagt ich bin „verbunden“, /

doch abgeschnitten von der Welt. /

Wie soll ich jemals erfahren: /

Ist sie wofür man sie hält? /

Zwischen Stress und Langeweile, /

bleibt mir wirklich kaum noch Zeit? /

Einmal raus aus dieser Eile, /

zu müde für die Wirklichkeit. /

Immer unter Menschen, /

war ich damals doch allein. /

Wer jetzt noch wirklich bei mir ist, /

will auch wirklich bei mir sein. /

Wer bin ich? /

Wer will ich sein? /

Habe ich denn Zeit zu denken? /

Wenigstens nicht mehr allein. /

Über die Autorin
Redaktion Dorsten
Seit 20 Jahren als Lokalredakteurin in Dorsten tätig. Immer ein offenes Ohr für die Menschen in dieser Stadt, die nicht meine Geburtsstadt ist. Das ist Essen. Ehefrau, dreifache Mutter, zweifache Oma. Konfliktfähig und meinungsfreudig. Wichtige Kriterien für meine Arbeit als Lokalreporterin. Das kommt nicht immer gut an. Muss es auch nicht. Die Leser und ihre Anliegen sind mir wichtig.
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Claudia Engel

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