„Verrohung des Miteinanders“ - Verwaltungsmitarbeiter werden immer häufiger bedroht

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Verbale Attacken und Respektlosigkeiten nehmen auch in der Dorstener Stadtverwaltung zu. Die Intensität sei teilweise schockierend, berichten Mitarbeiter.

Dorsten

, 09.07.2019 / Lesedauer: 4 min

Messer-Angriff, Beiß-Attacke, Pfefferspray-Einsatz - nicht nur Polizisten und Rettungskräfte (DZ+) sind immer häufiger Opfer von Gewalt. Auch Beschäftigte in Jobcentern oder Sozialämtern machen solche Erfahrungen, wenngleich sie weniger körperlicher Gewalt als vielmehr Respektlosigkeiten und vor allem Beleidigungen und Drohungen ausgesetzt sind.

Die Gewerkschaften sind längst auf das Thema aufmerksam geworden. Die eingangs erwähnten Vorfälle sind im Rahmen der Kampagne „Gefahrenzone Öffentlicher Dienst“ der Deutschen Beamtenbund-Jugend NRW in einer fortlaufend aktualisierten Zeitleiste dokumentiert. Die Kampagne will Aufmerksamkeit schaffen für ein Thema, das immer noch schwer greifbar ist.

Viele Kommunen führen keine Statistik über Gewaltvorfälle

Ein bundesweites Lagebild zu Gewaltvorkommnissen in öffentlichen Verwaltungen existiert nicht. „Und auch die Kommunen und Städte selbst führen in der Regel keine Statistiken über die Vorkommnisse in ihrem Hause“, heißt es in der gerade veröffentlichten Studie „Übergriffe gegen Beschäftigte in Kommunalverwaltungen“ der komba Gewerkschaft NRW.

Auch die Dorstener Stadtverwaltung führt dazu keine Statistik, weshalb man das Thema nur „in Ausschnitten beleuchten“ könne, heißt es von der Pressestelle. Auf Anfrage hat die Pressestelle einige Fälle aus der jüngsten Vergangenheit zusammengetragen.

Demnach gab es 2018 im Jugendamt fünf Fälle von gravierender Beleidigung bzw. Bedrohung, für 2019 (Stand Juni) ist bislang ein Fall aktenkundig. „Momente, in denen der Ton rauer wird, kommen sicherlich häufiger vor, die aber von den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern als nicht so gravierend eingeschätzt werden, dass sie die Amtsleitung einschalten“, sagt Stadtsprecher Ludger Böhne.

Versuchter Diebstahl und Einbruch im Jobcenter

Im Jobcenter sieht es ähnlich aus. Sieben Vorfälle von verbaler Gewalt, in denen die Rechtsabteilung eingeschaltet wurde, sind fürs Vorjahr dokumentiert. „Darüber hinaus gab es einen Versuch eines Diebstahls sowie einen Einbruchdiebstahl“, so Böhne. „Auch hier dürfte die Zahl der von den betroffenen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern nicht weitergegebenen Anfeindungen und Beleidigungen höher liegen.“

Besonders hoch ist das Gefahrenpotenzial in der Ausländerbehörde. Die Mitarbeiter entscheiden etwa über die Rechtmäßigkeit eines Aufenthalts von Personen, leiten Ordnungswidrigkeits- oder Strafverfahren ein und führen im äußersten Fall unmittelbaren Zwang in Form von Rückführungen oder Festnahmen durch. „Dabei entstehen nahezu immer konfliktreiche Gespräche, die aber nur in den wenigsten Fällen entgleiten“, so Böhne. „Körperliche Angriffe sind glücklicherweise sehr selten.“ Fallzahlen nennt die Verwaltung hier nicht.

Personalrat beklagt „Verrohung des Miteinanders“

Mitarbeiter der Stadtverwaltung würden eine „zunehmende Verrohung des Miteinanders“ schildern, sagt auch Waltraud Hadick, die Personalratsvorsitzende der Dorstener Stadtverwaltung: „Einzelne Kolleginnen und Kollegen berichten, dass die Intensität der verbalen Attacken teilweise schockierend sei. Manchmal reichen selbst kurze Wartezeiten bereits aus, um verbal zu entgleisen.“

Von Gewalt betroffene Beschäftigte in Kommunalverwaltungen suchen laut der komba-Studie in erster Linie den Austausch mit ihren direkten Kollegen und wenden sich nur selten an Vorgesetzte, die Behördenleitung oder den Personalrat. Die Folge seien unterschiedliche Wahrnehmungswelten: „Trotz der Tatsache, dass sich längst nicht alle Beschäftigten ihren Vorgesetzten anvertrauen und nur einen geringen Teil an Vorfällen melden, sind hingegen viele Vorgesetzte davon überzeugt, einen guten Überblick über die Lage in ihrer Kommune zu haben und ihre Mitarbeiter ausreichend zu unterstützen bzw. zu schützen“, heißt es.

Diese Diskrepanz in der Problemwahrnehmung von Mitarbeitern und Führungskräften könne auch auf einen Mangel von innerbehördlicher Dokumentation zurückgeführt werden, heißt es in der Studie weiter. Keine der untersuchten nordrhein-westfälischen Kommunalverwaltungen registriere bislang das Ausmaß der Übergriffe auf Mitarbeiter systematisch. Viele Führungskräfte würden sich eine solche Dokumentation wünschen, es scheitere aber an mangelnden Ressourcen.

Arbeitsplätze in Dorstener Verwaltung nach Bedrohungspotenzial kategorisiert

In der Dorstener Stadtverwaltung werden nach Auskunft der Pressestelle sämtliche Arbeitsplätze in drei Kategorien eingeteilt: rot (hohes Bedrohungspotenzial), gelb (mittlere) und grün (geringe Gefährdung). Aus dieser Einteilung ergeben sich Maßnahmen wie beispielsweise Türspione oder Notfallknöpfe an roten Arbeitsplätzen oder Sichtschutze an Fenstern von Erdgeschossbüros. Außerdem werden Deeskalationsseminare angeboten. Präzise Terminabsprachen, gute Sitzmöglichkeiten in Wartezonen oder Kenntnisse in der Gesprächsführung würden ebenfalls helfen, dass sich sachliche Konflikte nicht hochschaukeln.

„Die Kolleginnen und Kollegen wünschen sich, dass sämtliche verbale Übergriffe im Hause zur Anzeige gebracht werden“, sagt Personalrätin Waltraud Hadick. „Des Weiteren wird gewünscht, dass im zukünftig neu gestalteten bzw. erbauten Rathausgebäude alle Büros mit ausreichenden Fluchtmöglichkeiten versehen, aber auch großzügige, helle und freundliche Wartebereiche geschaffen werden.“

Medien nach Meinung des Personalrats Teil des Problems

Nach Meinung des Personalrats sind auch die Medien Teil des Problems. Wenn beispielsweise die Mitarbeiter des Kommunalen Ordnungsdienstes, die in Dorsten seit geraumer Zeit in Uniformen auf Streife gehen, die denen der Polizei täuschend ähnlich sehen und auch in Dienstwagen fahren, die wie Streifenwagen foliert sind, als „Hilfspolizisten“ bezeichnet werden (DZ+), dann sei das „wenig hilfreich, in der Öffentlichkeit Wertschätzung und Akzeptanz zu erzeugen“, so Hadick.

Der Personalrat bedauere diese für die Mitarbeiter negative und insgesamt belastende Entwicklung, die laut Hadick „leider auch ein gesellschaftliches Problem widerspiegelt.“

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