Diese Website verwendet Cookies. Cookies gewährleisten den vollen Funktionsumfang unseres Angebots, ermöglichen die Personalisierung von Inhalten und können für die Ausspielung von Werbung oder zu Analysezwecken gesetzt werden. Lesen Sie auch unsere Datenschutz-Erklärung

Ein Mord an einer Dorstenerin ist bis heute ungesühnt. 14 Jahre nach dem Tötungsdelikt ist der Täter noch immer auf freiem Fuß. Die Polizei ist sich sicher: Der Mörder lebt mitten unter uns.

Dorsten

, 29.12.2018 / Lesedauer: 5 min

Als der damalige Kriminalhauptkommissar Jörg Czekalla, Mordermittler der Kreispolizeibehörde Recklinghausen, in den Ruhestand ging, hinterließ er seinem Kollegen Michael Arand einen ungelösten Fall: den Raubmord an einer Dorstener Spielhallenaufsicht, begangen am 2.12. 2004 auf der Freiheitsstraße in Holsterhausen, nachts um 2 Uhr.

SERIE: VERBRECHEN IN DORSTEN

In unregelmäßigen Abständen berichten wir hier über Verbrechen in Dorsten. Spektakuläre Gewalttaten, die über die Grenzen der Stadt Dorsten hinaus für Gesprächsstoff gesorgt haben. Wir beleuchten die Hintergründe und sprechen mit Beteiligten, die zur Aufklärung der Straftat beigetragen haben.

Trotz guter Spurenlage konnte der Mann nicht gefasst werden. Der Täter ist weiter auf freiem Fuß. Das lässt dem Ermittler Michael Arand keine Ruhe.

„Dieser Fall liegt uns allen besonders am Herzen“, sagt Michael Arand. Mit „uns allen“ meint er neben seinem Vorgänger Jörg Czekalla auch die Essener Staatsanwältin Elke Hinterberg. Sie sagte in einem früheren Interview mit der Dorstener Zeitung: „Früher oder später kriegen wir ihn. Mord verjährt nicht.“

14 Jahre nach der Bluttat ist auch Michael Arand fest davon überzeugt, dass „Kommissar Zufall“ den Täter überführen wird: „Ich gehe bis heute Hinweisen nach. Und lade Männer ins Präsidium vor, die wir zum Gentest auffordern.“

Die Polizei muss den Beweis antreten

Die Umstände seien recht kompliziert: „Wir haben am Tatort zwar gute Spuren sichern können und Hunderte Männer zwischen 16 und 42 Jahren zur Speichelprobe gebeten. Längst nicht alle haben aber teilgenommen, die Abgabe der Speichelprobe teilweise verweigert, denn dieser Test ist ja freiwillig.“

Arand muss deshalb die Gerichte bemühen, um noch ungetestete Männer dazu zu bewegen. „Ich muss dem Richter plausibel machen, warum der Speicheltest eines bestimmten Mannes notwendig ist“, sagt Arand. Ein zeitaufwändiger Einsatz. Der sich aber auszahlen wird, wie er meint: „Irgendwann ist er dabei. Hinter jedem Namen kann der Täter stehen.“

Die Sachlage war glasklar, die Spuren wasserdicht

Dass dieser Fall über Jahre ungelöst bleiben würde, davon ging die 20-köpfige Mordkommission im Dezember 2004 nicht aus. „Wir hatten eine glasklare Spurenlage, hervorragende Zeugenhinweise und DNA, die der Täter am Tatort hinterlassen hat“, so Arand.

Der Mörder einer Dorstenerin lebt mitten unter uns und ist noch nicht gefasst

Die Mordermittler bei der Arbeit am 2. Dezember 2004 am Tatort Freiheitsstraße. © Guido Bludau

Eine spezielle Dienststelle des Landeskriminalamtes Düsseldorf, die Abteilung für Fallanalyse, assistierte der Mordkommission in Recklinghausen damals bei den Untersuchungen. Die „Profiler“ konstruierten aus dem, was am Tatort oder im Tatortumfeld festgestellt wurde, ein Mosaikbild des Szenarios, in dem Opfer und Täter die Hauptrollen spielten. Ein Bild, das in sich schlüssig ist und viele Hinweise auf den Täter liefert.

Das gibt es zum Opfer zu sagen

Die 65-jährige Spielhallenaufsicht aus Wulfen war eine lebenslustige Frau. „Sie wollte unter Menschen sein, obwohl sie schon im Ruhestand war und verdiente sich deshalb ein paar Euro in der Spielhalle an der Freiheitsstraße dazu“, so Michael Arand. Die Frau sei sehr resolut gewesen. „Sie hat sich nichts gefallen lassen.“

Ihre Hartnäckigkeit, ihr Selbstbewusstsein und ihr Mut wurden ihr beim Tatgeschehen offensichtlich zum Verhängnis. Denn der Täter hatte mit der sehr energischen und lautstarken Gegenwehr seines Opfers beim Kampf um die Handtasche der 65-Jährigen nicht gerechnet. Wahrscheinlich zog er deshalb das Messer. Die Frau starb an den Folgen dieser schweren Verletzung.

Das gibt es zum Täter zu sagen

Es handelt sich um einen schlanken, sportlichen etwa 1,70 Meter großen Mann, damals vermutlich zwischen 16 und 42 Jahren alt. Am Tatort wurde neben der Mordwaffe, einem handelsüblichen Küchenmesser mit einer 20 Zentimeter langen Klinge, auch ein Haar vom ihm gefunden.

Es dürfte sich mutmaßlich um einen Mann aus dem südeuropäischen oder arabisch-türkischen Kulturkreis handeln. Das Haar wies Merkmale auf, die für einen Messer- und nicht für einen Scherenhaarschnitt sprechen - eine Technik, die damals noch nicht so verbreitet war wie heutzutage.

Die Polizei ist außerdem sehr sicher, dass es der bislang unbekannte Täter lediglich auf die Handtasche seines Opfers abgesehen hatte und der Raub aufgrund der unerwarteten Gegenwehr der Frau aus dem Ruder gelaufen ist. „Das hat ihn geschockt, keine Frage. Das war kein geplanter Mord, sondern ein Raubexzess“, sagt Michael Arand.

Täter verhält sich seitdem unauffällig

Wegen der Schwere seiner Schuld hat der Täter nach dem Mord an der 65-jährigen Wulfenerin wohl keine weiteren Straftaten mehr verübt. „Er war selbst über den Ausgang erschüttert“, meint Mordermittler Michael Arand. Seitdem lebe der Mann betont unauffällig weiter.

In Dorsten, mitten unter uns, mit der Erinnerung an eine Bluttat, bei der ein Leben ausgelöscht hat. Was macht Michael Arand so sicher, dass der Mann sich in Dorsten aufhält? „Das ist ein Bauchgefühl, das sagt mir meine Erfahrung als Ermittler.“

Das haben Zeugen beobachtet

Trotz der fortgeschrittenen Uhrzeit am 2. Dezember 2004, 2 Uhr nachts, haben zwei Zeugen beobachten können, welche Tragödie sich vor ihren Augen an den Parkbuchten auf der Freiheitsstraße gegenüber der Spielhalle abspielte. „Ein Zeuge stand auf dem Balkon und rauchte eine Zigarette, ein anderer Zeuge hörte die Hilfeschreie des Opfers und konnte uns ebenfalls sehr gute Hinweise geben“, sagt Michael Arand.

Trotz der Dunkelheit hätten die beiden beobachtet, wie der Täter sich nach dem Messerangriff auf sein Opfer über die Annettestraße und dann die Borkener Straße aus dem Staub machte.

Die Beute des Täters

„Für 15 bis 20 Euro Kleingeld“ wurde das Leben der 65-Jährigen mit einem Messerstich ausgelöscht. Der Täter entriss der Frau nach seinem Angriff an ihrem Auto die Handtasche. Darin befand sich ein Siemens Handy S35i. Es wurde nie gefunden. Vermutlich hat der Mann es bei seiner Flucht in den Blauen See geworfen.

„Es wurde nach der Tat nicht mehr benutzt, das haben wir überprüft“, sagt Michael Arand. Die Handtasche der 65-Jährigen wurde wenige Tage später im Hammbach entdeckt.

Der Fluchtweg des Täters

„Interessant ist zudem, dass wir den Fluchtweg des Täters relativ genau nachzeichnen können“ - demnach rannte der Mann in Richtung Borkener Straße und Blauer See. „Unsere Streifenbeamten sind dem Angreifer in der Nacht womöglich entgegengefahren, denn die Wache der Polizei befand sich seinerzeit ja noch an der Borkener Straße und war nur wenige Hunderte Meter vom Tatort entfernt“, sagt Polizeisprecherin Ramona Hörst.

Trotzdem konnten die Polizisten den Flüchtenden nicht festnehmen. Er entwischte ihnen.

Das persönliche Umfeld des Täters

Ramona Hörst geht davon aus, dass der Täter im Laufe der Jahre durch versehentliche Aussagen oder Bemerkungen in seinem persönlichen Umfeld seine Beteiligung an der schweren Straftat enthüllt hat.

„Das ist häufig der Fall, nur, dass Zeugen nicht unmittelbar einen Zusammenhang konstruieren“, meint Hörst. Vielleicht, so die Polizeisprecherin, melde sich ja noch jemand aus dem Bekanntenkreis des Täters, weil „er eine seltsame Bemerkung fallen gelassen hat“.

Nicht auszuschließen sei zudem, dass es noch weitere Zeugen gibt. „Erfahrungsgemäß schweigt selbst bei spektakulären Straftaten eine Vielzahl von Menschen, die das Geschehen beobachtet haben“, sagt Hörst.

Eine unerklärliche Gruppendynamik, die Ermittlern begegnet. Auf solche Zeugen, die weitere Details liefern können, sei die Polizei aber angewiesen.

Die Polizei nimmt nach wie vor Hinweise zu diesem ungeklärten Fall entgegen. Zu erreichen ist die Polizei in Recklinghausen an der telefonischen Hotline (0800) 2361 111.

„Wir wollen diesen Fall lösen, unbedingt“, sagt Michael Arand. Er putzt weiter Klinken. Spürt Kleinigkeiten nach. Und vernimmt Männer, die als Täter infragekommen könnten. Ungelöste Mordfälle werden nämlich nicht zu den Akten gelegt. Mord verjährt nicht.

Das Landeskriminalamt Düsseldorf hat 900 ungelöste Fälle im System. Die sogenannten „Cold Cases“ werden beim LKA seit April 2018 in einer zentralen Datenbank registriert.
  • Neben den Altfällen erfasst das Landeskriminalamt die aktuellen und als ungeklärt abgeschlossenen Tötungsdelikte.
  • Mordermittler und LKA-Profiler können hier mögliche Tatzusammenhänge recherchieren, Tatabläufe rekonstruieren und Motive herleiten. Lassen sich beispielsweise Mordmerkmale finden, ist das ein Ansatz, um die Ermittlungen und kriminaltechnischen Untersuchungen wieder aufzunehmen. Denn: Mord verjährt nicht – im Gegensatz zum Totschlag.
  • Die Mordermittler der Kreispolizeibehörden übertragen die Inhalte der Papierakten in elektronische Akten und übermitteln diese an das LKA NRW. Damit stellen sie sicher, dass auch Ermittler künftiger Generationen auf die fallbezogenen Daten zurückgreifen können.
  • Das System wird von den LKA-Profilern geführt. Nach Eingang der „Cold Cases“ entscheiden sie, welche Fälle bevorzugt bearbeitet und ob diese einer Operativen Fallanalyse unterzogen werden. Priorisiert werden Totschlagsdelikte, die in Kürze verjähren und Fälle, die neue Ermittlungsansätze erkennen lassen.
Lesen Sie jetzt