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Türken zu Ruhestörungen im Harsewinkel: „Mit uns kann man reden“

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Anwohner im Harsewinkel haben sich beschwert. Über Ruhestörungen. Über türkische Hochzeitskorsos und Schüsse in die Luft. Ein junger Türke sagt: „Mit uns kann man reden.“

Hervest

, 10.05.2019 / Lesedauer: 5 min

Ramazan Kesici (24) ist im Harsewinkel aufgewachsen. Freunde hat Kesici viele: „Ich bin Fußballer, außerdem war ich Schüler des Gymnasiums Petrinum und der Gesamtschule Wulfen.“ Der BP-Chemikant und Schichtdienstler arbeitet auf seine Meisterprüfung hin. Nach der Arbeit trifft sich der junge Mann mit Freunden. Vorzugsweise im Harsewinkel. An der „Stange“. An einem Verkehrsschild, das sich an der Ecke Burgsdorffstraße/Harsewinkel befindet.

Treffen heißt für die Teilnehmer: „Wir verabreden uns nicht telefonisch, sondern fahren mit unseren Autos durch Hervest. Wenn wir dann einen Kumpel sehen, steigen wir aus und rauchen eine zusammen“, erzählt Kesici.

Von den Treffen von Kesicis Gruppe und anderen Jugendgruppierungen sind einige Harsewinkel-Anwohner wohl genervt. Und auch von türkischen Hochzeitskorsos. Hervest ist der Ortsteil, in dem die meisten Türken in Dorsten wohnen. Wegen der Zeche sind viele von ihnen in Hervest heimisch geworden.

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Als störend, vor allem in den Nachmittags- und Abendstunden, wird das Palaver auf der Straße empfunden. Und laute Hochzeits-Autokorsos. Die Polizei rückte kürzlich nach Hervest aus und unterband das lärmende Treiben einer Hochzeitsgesellschaft.

Polizeisprecher Andreas Wilming-Weber sagte: „Wir wollen nicht der Spaßverderber sein. Die Hochzeit soll ein schöner Tag sein und das soll auch so bleiben. Unter der Voraussetzung, dass bestimmte Regeln und Gesetze eingehalten werden. Wenn jemand sich selbst und andere Verkehrsteilnehmer gefährdet, schreiten wir konsequent ein.“

„Wir haben in den letzten Monaten viele Hochzeiten gefeiert“

„Hochzeitskorsos hat es in Hervest immer schon gegeben. Ich kenne das gar nicht anders“, so Ramazan Kesici. Seine Generation sei jetzt im heiratsfähigen Alter. „Wir haben in den letzten Monaten viele Hochzeiten gefeiert. Und ein Korso und Schüsse in die Luft gehören für viele von uns dazu. Das ist so Brauch.“

Braut und Bräutigam würden aus ihren Elternhäusern mit dem Auto abgeholt. Die Hochzeitsgäste tanzten dann auf den Bürgersteigen vor den Häusern. Es habe Brautpaare und Brauteltern gegeben, die ausdrücklich darum gebeten hätten, die Freudenschüsse zu unterlassen. „Das ist dann auch gemacht worden“, so Kesici.

Wenn Nachbarn sich gestört gefühlt hätten, „haben wir immer sofort reagiert und das Schießen unterlassen Wir möchten doch auch nicht, dass die Polizei aus solchem Anlass kommen und hart durchgreifen muss.“ In letzter Zeit, das habe man registriert, häuften sich aber die Beschwerden. Kesici führt das auf das mediale Echo zurück und die Berichte über ausufernde Korsos auf Autobahnen und in Großstädten.

Schreckschusspistolen öffentlich abzufeuern, ist verboten

Der Einsatz von Schreckschusswaffen in der Öffentlichkeit ist für die Polizei kein Brauchtum, sondern schlichtweg verboten. „Eine Berechtigung zum Führen einer Waffe berechtigt noch lange nicht dazu, in der Öffentlichkeit zu schießen“ - Polizeisprecherin Ramona Hörst verweist darauf, dass das Schießen im öffentlichen Raum mindestens eine Ordnungswidrigkeit sei. „Es kann sogar eine Straftat nach dem Waffengesetz sein.“

Das Zentrum für Türkeistudien in Essen erteilt dem Einsatz von Schreckschusswaffen ebenfalls eine klare Absage: „Zu weit geht alles, was verboten ist: Straßen blockieren oder unerlaubt Schreckschusspistolen benutzen. Dies ist auch mit Kultur nicht zu rechtfertigen“, sagt Caner Aver auf Anfrage von uns und verweist auf ein bereits veröffentlichtes Interview mit ihm (WAZ Essen vom 2.Mai 2019). Er sagt aber auch: „Je sichtbarer Migranten im öffentlichen Raum werden, desto mehr steigen die Reibungsflächen und damit auch Konflikte.“

Ferit Kocatürk, Sprecher der muslimischen Ditib-Gemeinde am Bolzplatz in Hervest, hält von Schüssen und lärmenden Autokorsos gar nichts. „Oft sind das Besucher aus anderen Städten, die mit PS-starken Autos in den Autozügen Ärger machen“, sagt er. Dass es überhaupt zu Korsos kommt, erklärt er so: „Türkische Hochzeiten werden mit vielen hundert Personen gefeiert. Das können 300 bis 1000 Teilnehmer sein.“ Die Polizei sei auf die Moscheegemeinde zugekommen und habe darum gebeten, die Community darüber zu informieren, was geht und was nicht.

Türkische Hochzeiten würden wegen der großen Anzahl der Teilnehmer meist nicht in Dorsten gefeiert. „Dazu braucht man sehr große Veranstaltungsräume.“ Die Gesellschaften führen deshalb mit ihren Autos über die Halterner Straße aus Dorsten raus nach Marl, Gladbeck oder Bottrop.

Orientalische Hochzeiten sind für die Polizei ein Thema

Die orientalischen Hochzeiten sind „bei uns in der Behörde zurzeit ein großes, wichtiges Thema, weil es deswegen in den vergangenen Wochen vermehrt Einsätze gegeben hat“, sagt Andreas Wilming-Weber. Er rät: „Hinweise sollten rechtzeitig per 110 gegeben werden. Wir versuchen dann, mit mehreren Streifenwagen hinzufahren und vor Ort entsprechende Maßnahmen durchzuführen. Brautpaar und Gäste müssen sich im Klaren sein, dass das dazu führen kann, dass man zu spät am Ort der Hochzeitsfeier eintrifft. Das kann ja nicht im Sinne des Paares sein.“

Im Harsewinkel soll auf Wunsch von Bürgermeister Tobias Stockhoff die Polizei mehr Präsenz zeigen. Denn bei der Stadt hätten sich Anliegerbeschwerden über Ruhestörungen gehäuft. Ramazan Kesici hat davon aus der Dorstener Zeitung erfahren. Er findet es schade, dass sich die Anlieger an den Bürgermeister gewandt haben. „Der Harsewinkel ist ein Hotspot, aber kein gefährlicher Hotspot. Mit uns kann man doch reden“, sagt der 24-Jährige.

Junge Leute aus ganz Dorsten träfen sich im Harsewinkel und um die Ecke an der Halterner Straße. „Wir haben hier die Shishabar und Eightball an der Halterner Straße, außerdem die Locations auf dem Zechengelände. Hervest ist ein Hotspot für junge Menschen geworden“, hat Kesici beobachtet. Das sei vor allem an Wochenenden so.

Gelegentliche Raserei mit aufheulenden Motoren

In weiten Teilen stimmt ihm Geschäftsmann Michael Vospohl zu. Der Inhaber der Reiseagentur Vospohl im Harsewinkel beobachtet seit 20 Jahren das Treiben vor seinem Schaufenster im Harsewinkel. Als junger Mann hat Vospohl ehrenamtlich im Treffpunkt Altstadt gearbeitet. Für ihn sei es kein Problem, die jungen Leute anzusprechen, wenn sie nerven: „Die allermeisten sind wirklich gute Jungs, die auf eine freundliche Ansprache reagieren.“

Dass einige Anwohner die gelegentliche Ruhestörung auf der Straße als störend empfinden, kann Vospohl durchaus nachvollziehen. Schlimmer findet er die gelegentliche Raserei durch den Harsewinkel inklusive Aufheulen der Motoren ohne Sinn. „Das ist nicht nur besonders störend, sondern außerdem gefährlich“, meint er.

Streetworker im Harsewinkel wäre eine Lösung

Dass der Treffpunkt sich durch gelegentlich vorbeikommende Polizeibeamte auflösen lässt, bezweifelt Michael Vospohl. Eine mögliche Lösung sieht er darin, einen Streetworker im Harsewinkel einzusetzen. „Jemand, der junge Menschen direkt anspricht und hier regelmäßig auftaucht.“ Wünschenswert findet Michael Vospohl: „Dass gegenseitiger Respekt und Rücksichtnahme dazu führen, dass die Probleme gar nicht erst entstehen.“

Ramazan Kesici, der eine Zeitlang Vorsitzender des Jugendvorstands der Moscheegemeinde war, hat zusammen mit seinen Freunden Konsequenzen aus den Beschwerden gezogen: „Wir treffen uns jetzt auf dem Marktplatz in Hervest. Wir wollen niemanden belästigen.“ Gerne würde Kesici an Gesprächen am runden Tisch des Bürgermeisters zu der Problematik teilnehmen: „Ich habe aber noch keine Einladung bekommen“, sagt er.

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