Ein kleines Rehkitz im hohen Gras. Mit einer Wärmebildkamera an einer Drohne spüren Tierschützer Rehkitze auf, um sie davor zu bewahren, bei Mäharbeiten getötet zu werden. (Symbolbild) © picture alliance/dpa/Wildtierrettung

Tragödien im Wald: Rehkitz stirbt im Garten von „mitfühlenden“ Menschen

Menschen aus Dorsten haben ein Rehkitz mit nach Hause genommen. Das Kitz verendete einen Tag später im Garten. Die Leute dachten, dass es dort Gras fressen würde. Auch ein zweites Kitz starb.

Stephan Grümer und Hermann Wolff beobachten seit einiger Zeit, dass der Wald überbevölkert ist. „Gott und die Welt tummeln sich hier. Wegen der Corona-Pandemie ist nachvollziehbar, dass die Menschen einen Ausgleich in der Natur suchen. Unwissentlich beschwören sie aber durch ihr Fehlverhalten schlimme Folgen herauf“, sagen die beiden Männer, die im Vorstand des Hegerings Herrlichkeit Lembeck und Dorsten aktiv sind.

Drei Rehkitze seien in den vergangenen Tagen von Menschen und Hunden aufgestöbert worden. In zwei Fällen endete die Begegnung für die Rehkitze tödlich. Auch die Kreisjägerschaft ist alarmiert und appelliert an Waldbesucher, sich an die Regeln zu halten.

In Feld und Wald hat die Brut- und Setzzeit begonnen, informieren die Jäger, die den Nachwuchs der Wildtiere im Auge behalten und behüten. Wildtiere, so heißt es weiter, seien jetzt besonders schutzbedürftig. Hase, Reh und Wildvögel bringen in den Frühjahrsmonaten ihren Nachwuchs zur Welt und brauchen viel Ruhe. Viele Menschen wissen das nicht. Sie handeln vermeintlich aus Mitleid, wenn sie ein Rehkitz allein ohne seine Mutter antreffen. Der Hegering schildert drei aktuelle Beispiele vom Wochenende. Zwei gingen tödlich aus.

Ein Resultat menschlichen Fehlverhaltens: 2020 riss ein freilaufender Hund in Dorsten die Ricke. Sie verendete neben ihren beiden Kitzen. Auch sie starben.
Ein Resultat menschlichen Fehlverhaltens: 2020 riss ein freilaufender Hund in Dorsten die Ricke. Sie verendete neben ihren beiden Kitzen. Auch sie starben. © privat © privat

„Ein Rehkitz wurde in Dorsten von Menschen nach Hause mitgenommen. Das Kitz verendete einen Tag später im Garten der Leute, die angenommen hatten, dass es dort Gras fressen würde“, sagt Wolff.

Das zweite Rehkitz wurde von den Menschen, die es aufgestöbert haben, gestreichelt. „Für die Ricke ist der Geruch des Kitzes damit überdeckt. Sie akzeptiert es nicht mehr.“ Zwei tote Kitze in wenigen Tagen, dazu ein drittes, das die Begegnung mit einem Menschen und seinem Hund knapp überlebt hat, weil der Besucher erst einmal bei Hermann Wolff nachfragte, was zu tun sei.

Appelle von Jägern werden nicht gerne angenommen

Wolff ist sich bewusst, dass die Kritik, insbesondere aus Kreisen der Jägerschaft, nicht gerne angenommen wird. Die Jägerschaft werde vielfach auf die Jagdausübung reduziert. Dass die Hege der Natur ihnen aber eine besondere Verpflichtung ist, wissen viele Mitbürger nicht.

„Wir haben jetzt zum Beispiel eine Drohne angeschafft, mit der Jungtiere in Felder ausgemacht werden können. Bevor der Landwirt zum Mähen ansetzt, können die Jungen aus der Gefahrenzone in sichere Gebiete am Waldrand umgesiedelt werden. Wir tragen dabei Handschuhe und nehmen sie in ihrem Grasnest mit, damit sie von ihren Müttern wieder erkannt werden“, sagt er.

Ungewöhnlich stark gestiegene Fallwildzahlen

Trotz der Anstrengungen ist menschliches Fehlverhalten nicht auszurotten. Bedenklich seien die „ungewöhnlich stark gestiegenen Fallwildzahlen, aber auch die vermeidbaren Aktionen zur Jungtierrettung“. Viele Tiere landen in Aufzuchtstationen: „Die Aufzucht von Hand ist sehr mühselig und leider auch nicht immer erfolgreich“, sagt Stephan Grümer.

So hilflos, wie die Kitze aussehen, sind sie nicht. Der Nachwuchs würde gut getarnt und in den ersten Lebenswochen von den Müttern oft viele Stunden allein gelassen und nur zum Säugen aufgesucht – „das ist der beste Schutz vor Fressfeinden“. Dass sie an diesen entlegenen Stellen dann von Menschen aufgespürt werden, führt die Kreisjägerschaft darauf zurück, dass „Spaziergänger die vorgegebenen Wege verlassen und ihre Hunde unangeleint laufen lassen“.

2020 wurde in Dorsten eine Ricke von einem frei herumlaufenden Hund verletzt. Das Muttertier schleppte sich, tödlich verwundet, zu ihren beiden Kitzen. Alle drei verendeten.

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Redaktion Dorsten
Seit 20 Jahren als Lokalredakteurin in Dorsten tätig. Immer ein offenes Ohr für die Menschen in dieser Stadt, die nicht meine Geburtsstadt ist. Das ist Essen. Ehefrau, dreifache Mutter, zweifache Oma. Konfliktfähig und meinungsfreudig. Wichtige Kriterien für meine Arbeit als Lokalreporterin. Das kommt nicht immer gut an. Muss es auch nicht. Die Leser und ihre Anliegen sind mir wichtig.
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Claudia Engel

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