Ein 76-jähriger Autofahrer hatte im Februar 2018 auf dem Zebrastreifen eines Supermarkt-Parkplatzes in Dorsten eine Frau angefahren und überrollt. Am Mittwoch wurde ihm der Prozess gemacht.

Dorsten

, 15.08.2018, 17:06 Uhr / Lesedauer: 3 min

Noch Wochen später lagen an der Unfallstelle Blumen, Beileidsschreiben und Andenken an das Opfer. Selten hat ein Verkehrsunfall für so viel Anteilnahme in Dorsten gesorgt, wie das tragische Geschehen, das sich am 15. Februar dieses Jahres auf dem Parkplatz des REWE-Supermarktes an der Händelstraße ereignet hatte: Eine 57-jährige Schermbeckerin war beim Überqueren eines Zebrastreifens vom Wagen eines 76-jährigen Dorsteners angefahren und überrollt worden und Stunden später an den Folgen ihrer schweren Verletzungen verstorben.

Tödlicher Unfall auf Rewe-Parkplatz in Dorsten: Urteil gefällt

Kerzen und Blumen erinnerten an den Unfall. © Guido Bludau


Auf den Tag genau ein halbes Jahr später beschäftigte sich am Mittwoch das Dorstener Schöffengericht mit der juristischen Aufarbeitung des fürchterlichen Vorfalls. Der Unfallfahrer, ein Rentner, musste sich dabei wegen fahrlässiger Tötung verantworten: Nach Ansicht der Staatsanwaltschaft habe er die Frau bemerken und rechtzeitig bremsen müssen.

„Ich durchlebe den Unfall jeden Tag“, sagte der Angeklagte. „Und ich kann mir bis heute nicht erklären, wie es dazu kommen konnte.“ Nie habe er bis dahin ein Knöllchen bekommen, nie einen Unfall gehabt. „Als ich losgefahren bin, habe ich mich ganz normal gefühlt“, erklärte der rüstige Dorstener, der sich nach eigenen Angaben regelmäßig auch auf seine Fahrtüchtigkeit hin ärztlich durchchecken lässt.

Videokameras zeichneten Unfall auf

Doch an diesem Tag passierte ihm das, was der Albtraum eines jeden Autofahrers ist: Dass er wegen einer Unachtsamkeit das Leben eines Menschen auf dem Gewissen hat. Zwei Aufnahmekameras auf dem Gelände des Nahversorgungszentrums hatten den Unfall aus unterschiedlichen Perspektiven lückenlos dokumentiert, beide Videos wurden im Gerichtssaal gezeigt. Auf dem Parkplatz herrscht die Straßenverkehrsordnung, darauf weist ein Schild an der Einfahrt hin. Kurz vor dem Unfall hatte es geregnet, die Straße war nass, doch zum Unfallzeitpukt herrschte klare Sicht.

Tödlicher Unfall auf Rewe-Parkplatz in Dorsten: Urteil gefällt

Auf dem Parkplatz herrscht die Straßenverkehrsordnung, darauf weist ein Schild an der Einfahrt hin. © Guido Bludau

Auf den Videobildern ist zu sehen, wie der Angeklagte mit seinem Mercedes von der Händelstraße kommend an der ersten Parkplatz-Ausfahrt einem von rechts kommenden anderen Autofahrer die Vorfahrt überließ. Anschließend rollte er in ganz langsamem Schritttempo auf den Zebrastreifen zu. „Ich habe mich dann einen Sekunde lang mit den Augen nach rechts orientiert, weil die Parkplätze auf der rechten Seite sind“, erzählte er. „Und habe dabei nicht bemerkt, dass die Frau mit dem Einkaufswagen von links kommend über den Zebrastreifen ging.“

Nach rechts geschaut

Die Kameras fingen deutlich ein, wie der Rentner seinen Kopf nach rechts wendete, als er die Frau mit ganz geringer Geschwindigkeit frontal erfasste. „Ich habe aber von dem Aufprall überhaupt nichts mitbekommen“, sagte er aus. „Vielleicht, weil ich so langsam fuhr.“ Er habe nur das Schreien von Augenzeugen gehört. „Und mich deswegen total erschrocken.“ Auf dem Video war zu sehen, dass er ganz kurz anhielt. „Wären Sie mal stehen geblieben, dann hätte das Opfer womöglich nur Prellungen oder Hautabschürfungen erlitten“, kommentierte Richterin Lisa Hinkers die Bilder.

Opfer wurde mitgeschleift

Doch der Rentner fuhr weiter. „Vielleicht habe ich in dem Moment Bremse und Gas verwechselt, ich weiß es wirklich nicht“, sagte er aus. Er überrollte die vor seinem Auto liegende Frau, zunächst mit der Vorder-, dann mit der Hinterachse, schleifte sie ein paar Meter mit. „Ich dachte, ich hätte einen Gegenstand überfahren“, sagte er. Doch als er beim Aussteigen bemerkte, was er angerichtet hatte, schlug er voller Entsetzen seine Hände vor das Gesicht.

Ärztin war zufällig vor Ort

Was anschließend passierte, schilderte der 62-jährige Ehemann des Unfallopfers. Er hatte den schlimmen Vorfall selbst nicht mitbekommen. „Ich habe noch an der Kasse bezahlt, meine Frau war schon vorgegangen.“ Draußen sah er dann seine schwer verletzte Ehefrau auf der Straße liegen. „Eine zufällig anwesende Ärztin kümmerte sich um sie“, erklärte er. „Es sah schlimm aus, die Knochen waren durch die Kleidung gekommen.“ Mit mehreren schwersten Knochenbrüchen wurde das Opfer, das noch kurz mit dem Ehemann reden konnte, mit dem Rettungswagen ins Bergmannheil nach Buer gebracht, wo die Ärzte vergebens versuchten, die Patientin mittels einer Notoperation zu stabilisieren. Am Abend verstarb die Schermbeckerin auf der Intensivstation an Multiorganversagen.

Fahrer gab Führerschein ab

Bevor der Ehemann zur Ehefrau, mit der er 37 Jahre lang verheiratet war, ins Krankenhaus fahren konnte, musste er zunächst erstmal sein Handy-Akku im Friseurladen des Nahversorgungszentrums aufladen. „Ich wollte ja meine Töchter anrufen und ihnen die schreckliche Nachricht übermitteln.“ Anschließend fuhr er sogar noch den Unfallverursacher nach Hause. „Er war ja total betroffen und hat sehr viel Anteil genommen“, so der Ehemann. „Später hat er mehrfach angerufen, sich nach dem Zustand meiner Frau erkundigt und uns später auch schriftlich kondoliert.“ Nur ein paar Tage nach der Tragödie erschien der Unfallfahrer zudem auf der Polizeiwache und gab freiwillig seinen Führerschein ab.

Urteil: Ein Jahr auf Bewährung

„Mein Mandant ist durch das, was er getan hat, für sein Leben genug gestraft“, erklärte der Anwalt des Angeklagten. Er forderte deshalb, das Verfahren einzustellen. Doch bei der Staatsanwältin biss er dabei auf Granit. Sie forderte eine einjährige Haftstrafe auf Bewährung. Dem gab das Schöffengericht statt, darüberhinaus muss der Angeklagte eine Geldbuße an zwei gemeinnützige Organisationen zahlen. Unter Tränen erklärte der 76-Jährige, wie schrecklich er sich fühle und dass es ihm unendlich leid täte, was er der Frau und ihrer Familie angetan habe.

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