Tobias Stockhoff: „Die Zwillingsschwester der Freiheit ist die Verantwortung“

Meinung

Lensing Media feiert in diesem Jahr 150-jähriges Bestehen. Im Mittelpunkt des Jubiläumsjahres steht der Begriff „Freiheit“. In einem Gastbeitrag erläutert Dorstens Bürgermeister seine Sichtweise.

Dorsten

von Dorstener Zeitung

, 27.10.2020, 20:15 Uhr / Lesedauer: 3 min
Tobias Stockhoff hat auf Wunsch der Dorstener Zeitung einen Gastbeitrag zum Thema "Freiheit" verfasst. Es ist der zentrale Begriff im Jubläumsjahr von LensingMedia.

Tobias Stockhoff hat auf Wunsch der Dorstener Zeitung einen Gastbeitrag zum Thema "Freiheit" verfasst. Es ist der zentrale Begriff im Jubläumsjahr von LensingMedia. © privat

Freiheit ist ein großes Wort: Amerika war – als in Europa noch absolutistische Fürsten herrschten – das „Land of the free“. Freiheit, Brüderlichkeit und Gleichheit war der Kampfruf der französischen Revolution. Freiheit spielt eine mächtige Rolle in Philosophie und Theologie, in Kunst und Kultur. Natürlich auch im Recht: Unsere Verfassung schützt die Freiheit der Gesellschaft und jedes Einzelnen mit aller Macht. Zugleich ist der Freiheitsentzug – also „der Knast“ – die schärfste Strafe, die unsere Demokratie kennt.

Freiheit ist ein Leben ohne Zwang

Wikipedia definiert Freiheit als „die Möglichkeit, ohne Zwang zwischen unterschiedlichen Möglichkeiten auswählen zu können“. Dieser Satz ist von grandioser Schlichtheit und zugleich von so gewaltiger Bedeutung, dass wir ihn uns immer und immer wieder vergegenwärtigen sollten:

Freiheit ist ein Leben ohne Zwang. Freiheit ist ein Leben, in dem wir eine Wahl haben. Frei wählen zu dürfen, ist der Kern unserer Demokratie. Deshalb sind freie, geheime und persönliche Wahlen – gerade hatten wir in NRW Kommunalwahlen – das Herzstück unseres Miteinanders. In vielen Ländern ist das nicht selbstverständlich. Das wird leider häufig vergessen.

Der Wortstamm füllt im Duden von „frei (Abk. fr.)“ bis „Freizügigkeit, die“ volle drei Spalten. Wir lesen hier vom freien Fall und vom freien Willen, von Freibeutern und Freidenkern. Wir freuen uns über Freikarten, Freibier, Freizeit und Freigiebigkeit. Freiheitsentzug und Freiheitskriege braucht hingegen kein Mensch. Die Freiheitsstatue ist eine der bekanntesten Ikonen der Neuzeit. Freiburg und Freiberg sind einfach nur Städte und stehen auf einem anderen Blatt. Schon diese Fülle an Zusammensetzungen und Deutungen in unserer Sprache zeigt, wie sehr frei und Freiheit zu unserer Sprache, unserer Gesellschaft, zu unserem Menschenleben gehören.

„Wir haben das große Glück, in einem Land leben zu dürfen, das größtmögliche Freiheit bietet.“
Tobias Stockhoff

Wir haben das große Glück, in einem Land leben zu dürfen, das größtmögliche Freiheit bietet. Meinen Beruf, meine(n) Lebenspartner(in), meinen Lebensstil, meine politische Richtung, meine religiöse Überzeugung darf ich und muss ich frei wählen.

Aber diese Freiheit ist nicht grenzenlos. Denn Freiheit kann auch dumm sein und selbstverliebt. Freiheit kann verwechselt werden mit der Erlaubnis zum Egoismus. Doch Freiheit ist kein Freibrief für alles. Darum gibt es eine Zwillingsschwester der Freiheit: Die Verantwortung.

Meine Freiheit darf andere Menschen und Gruppen nicht unfrei machen. Ich bin nicht frei darin, mein Wollen ohne Rücksicht durchzusetzen.

  • Ob wir Steuern zahlen: Darin sind wir nicht frei, sondern das ist ein Beitrag zum Gemeinwohl.
  • Ob wir uns an die Verkehrsregeln halten: Das ist keine freie Entscheidung, sondern ein Gebot der Rücksichtnahme und des Respekts anderen gegenüber.
  • Ob wir betrügen, belügen und stehlen: Darauf steht – mit gutem Grund – Freiheitsentzug als Strafe.

Die Freiheit des Einzelnen in unserer Gesellschaft, in Deutschland, im Rahmen des wunderbaren Grundgesetzes der Bundesrepublik ist so groß und umfassend, wie in kaum einem anderen Land. Diese Freiheit umfasst aber auch Rücksicht und Vorsicht, Nächstenliebe und Mitgefühl, Verfassungs- und Gesetzestreue.

In der gesellschaftlichen Generaldebatte über den Umgang mit der Corona-Pandemie ist „Freiheit“ ein Schlüsselbegriff. Wenige fühlen sich in ihrer Freiheit eingeschränkt, weil sie beim Einkaufen eine Maske tragen sollen. Weil sie im Restaurant ihren Namen und eine Telefonnummer in eine Liste eintragen sollen.

Frei sein von der Ansteckungsgefahr

Diese Menschen missbrauchen dabei nicht selten das Wort Freiheit. Sie verwechseln die rücksichtslose Durchsetzung des eigenen Empfindens mit Freiheit. Und sie vergessen dabei, dass ihre Mitbürgerinnen und Mitbürger möglichst frei sein wollen von der Gefahr, mit dem Corona-Virus angesteckt zu werden. Diese Freiheit aber geht weiter. Diese Freiheit ist ein Gemeininteresse. Diese Freiheit sollte ein solidarisches Anliegen aller Menschen sein.

Niemand von uns hat die finale und absolute Definition von Freiheit. Und auch der Übergang vom demokratischen Einsatz für die Freiheitsrechte zum rücksichtlosen Kampf für das eigene Ego ist manchmal fließend.

Die aktuelle Corona-Pandemie zeigt uns dennoch einmal mehr: Freiheit also ist Verantwortung. Verantwortung des Einzelnen für das Gesamtwohl, für den Nächsten und auch für sich selbst.

Wenn das Medienhaus Lensing sein 150-jähriges Bestehen feiert, ist das gleichsam ein eindrucksvolles Statement zur Presse- und Meinungsfreiheit. Ohne eine freie Presse wären diese Freiheiten nicht mehr erkennbar. Und auch hier tragen die Zeitungsmacherinnen und Zeitungsmacher eine große Verantwortung – jeden Tag.

Wie also leben wir unsere Freiheit und mithin unsere Verantwortung? Dafür braucht es nicht viel. Wer in freier Entscheidung Verantwortung für sein eigenes Leben übernimmt, wer für seinen Unterhalt sorgt, seinen Pflichten als Staatsbürger, als Nachbar, als Familienmitglied nachkommt: Der tut schon viel für unsere Freiheit – er wird damit auch zum „Freiheitsermöglicher“ für seine Mitmenschen und für sich selbst.

Freiheit leben und zugleich Verantwortung übernehmen: Das ist der untrennbare Zweiklang unseres Gemeinwesens. Das ist gleichsam der Schlüssel zu unserer Verfassung – unserem Grundgesetz, welches uns stets zu Freiheit in Verantwortung aufruft.

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