Taxifahrer verweigern Fahrten mit Flüchtlingen

Aus Furcht vor Ansteckung

Einige Dorstener Taxifahrer sind besorgt: Sie fürchten, sich bei den täglichen Fahrten von Flüchtlingen aus den drei Notunterkünften in der Stadt zu den medizinischen Erstuntersuchungen mit schweren Krankheiten anzustecken. Es gibt Fahrer, die solche Fahrten verweigern. Das hat ein Informant unserer Zeitung mitgeteilt.

Dorsten

, 27.11.2015, 18:15 Uhr / Lesedauer: 2 min
Die Radiologieassistentin Hilde Knüfermann (l) bereitet  im Berliner Tuberkulose-Zentrum die Röntgenaufnahme einer Frau vor. Die steigende Zahl an Flüchtlingen in Berlin führt bei der medizinischen Vorsorge zu Engpässen. Das für ganz Berlin zuständige Tuberkulose-Zentrum in Lichtenberg arbeitet nach eigenen Angaben "am Anschlag".

Die Radiologieassistentin Hilde Knüfermann (l) bereitet im Berliner Tuberkulose-Zentrum die Röntgenaufnahme einer Frau vor. Die steigende Zahl an Flüchtlingen in Berlin führt bei der medizinischen Vorsorge zu Engpässen. Das für ganz Berlin zuständige Tuberkulose-Zentrum in Lichtenberg arbeitet nach eigenen Angaben "am Anschlag".

Aktuell liegt im Dorstener Krankenhaus ein Flüchtling auf der Isolierstation. Die Diagnose ist noch unklar. Bei ihm wurde in dieser Woche beim routinemäßigen Röntgen seiner Lunge anlässlich seiner Erstuntersuchung im St.-Elisabeth-Krankenhaus Dorsten Auffälligkeiten festgestellt.

„Wir können aber noch nicht sagen, ob der Patient Tuberkulose hat oder ob eine andere Lungenerkrankung Ursache für den Lungenbefund ist“, sagt Kreispressesprecher Jochem Manz auf Anfrage unserer Zeitung. Dem Kreisgesundheitsamt, so Manz, wurde der Fall jedenfalls gemeldet. Der Patient werde nun so lange im Krankenhaus und getrennt von anderen Menschen untergebracht, bis seine Diagnose feststehe.

„Ich lehne es ab, die Flüchtlinge zu ihren Erstuntersuchungen zu fahren, weil ich Angst um meine Gesundheit und die meiner Familie und Freunde habe.“ Das sagt ein Chauffeur eines der Dorstener Unternehmen, die die Aufträge für die drei Notunterkünfte in Dorsten (zwei in Lembeck, eine in der Feldmark) zusätzlich zum Alltagsgeschäft abwickeln. „Es gibt noch einige andere Kollegen, die sich ebenfalls weigern, diese Fahrten zu übernehmen“, behauptet dieser Fahrer (Name ist der Redaktion bekannt). „Aber auch andere, die zähneknirschend fahren, weil sie als Aushilfen beschäftigt sind und Angst um ihren Job haben.“

Keine größere Gefahr

Das Robert-Koch-Institut, die zentrale Einrichtung für Krankheitsüberwachung und -prävention des Bundes in Deutschland, hat auf seiner Homepage veröffentlicht, dass „durch Flüchtlinge kein erhöhtes Gesundheitsrisiko für die Bevölkerung bestehe. „Die Ansteckung mit schweren Krankheiten erfolgt nur bei engem Körperkontakt“, heißt es dort. Auch im Dorstener Krankenhaus sieht man ein höheres Ansteckungspotenzial der Bevölkerung durch die zunehmende Zahl der Flüchtlinge aus fernen Ländern nicht: „Das Gefährdungspotenzial ist gering“, meint einer der Chefärzte der Lugenabteilung, Dr. Norbert Holtbecker.

Kontaktpersonen informieren

„Sollte sich herausstellen, dass der Patient unter Tuberkulose leidet, werden alle Kontaktpersonen informiert“, meinte Jochem Manz weiter. Die Lembecker Hausleitung habe die Daten aller Menschen erfasst, die mit dem Erkrankten zusammen waren. „Frühestens in drei Monaten, so lange dauert es, bis eine Ansteckung mit Tuberkulose nachgewiesen werden kann, würden diese Personen dann zu einer Untersuchung eingeladen. Aber auch nur, falls sich der Verdacht erhärten sollte.“

Zwickmühle der Fahrer

Die Taxi-Fahrer stecken wegen ihrer Sorge um ihre eigene Gesundheit auf der einen Seite und der Verpflichtung ihren Arbeitgebern gegenüber auf der anderen Seite in einer Zwickmühle. Ihre Unternehmen sind naturgemäß froh über die zusätzlichen Aufträge, die ihnen die Fahrten von den Notunterkünften (zwei sind es im Lembeck, eine in der Feldmark) zu den Ärzten und Krankenhäusern bescheren. „Vier bis fünf am Tag sind es mindestens“, meint unser Informant. „7000 Rechnungen, davon einige auch von Taxiunternehmen, aus ganz Nordrhein-Westfalen bekommen wir täglich auf den Tisch“, macht Pressesprecher Benjamin Hahn für die Bezirksregierung Arnsberg die aus Sicht der Unternehmen erfreulichen Dimensionen der Auftragslage deutlich.

Willkommenes Geschäft

Gabi Krewerth, Taxiunternehmerin aus Wulfen, ist denn auch glücklich über die gute Konjunktur. Zwar hat sie selbst noch nicht mit einem potenziell ansteckenden Fall zu tun gehabt. Sie aber begrüßt die zusätzlichen Aufträge, die sie aus Lembecker Notunterkunft in der Jugendherberge „Im Schöning“ und an der Schulstraße bezieht. „Auch wir fahren regelmäßig im Auftrag der Organisationen“, erzählt sie. Das kann Taxiunternehmerin Marlies Huxel aus Rhade nur bestätigen: „Ein schönes Zusatzgeschäft“, kommentiert sie. Sie habe ihre Fahrer auf eigene Kosten gegen ansteckende Leberentzündung (Hepatitis) impfen lassen, „Sorgen machen wir uns nicht“, meint sie. „Die Fahrten verlaufen immer sehr nett.“

Sobald ein an Tuberkulose Erkrankter medizinisch behandelt werde, sei er nicht mehr ansteckend, führt Jochem Manz aus. Das vermag etwaige Kontaktpersonen freilich nicht zu trösten: „Die Vertretung, die in Dorsten gefahren ist, ist schon sehr besorgt“, erzählt der Taxifahrer. Ärgerlich findet er dabei, dass den Fahrern kein Ausweg aus der Klemme geboten werde. „Das Kreisgesundheitsamt hat sogar unsere Beförderungspflicht angemahnt. Mir ist meine Gesundheit aber wichtiger“, sagt der Taxifahrer. 

 

Lesen Sie jetzt