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„Stadtkrone“-Erfinderin macht Schluss und spricht auch von einer Odyssee

dzMarion Taube

Die Arbeit von „Stadtkrone“-Kuratorin Marion Taube ist nach zwei Jahren beendet. Im Interview spricht sie von vielen positiven Erfahrungen, aber auch von „Raubbau an geistigem Eigentum“.

Dorsten

, 22.11.2018 / Lesedauer: 5 min

Die „Stadtkrone“ war das dritte Projekt, dem sich Marion Taube seit 2013 mit großer Hingabe gewidmet hat und das ihr viel Anerkennung eingebracht hat. Ob‘s ein viertes Mal gibt? Die Chancen sind derzeit wohl eher gering.

Mehr als zwei Jahre Arbeit stecken in der Vorbereitung und Umsetzung Ihrer Stadtkrone, Königsweg oder Odyssee?

Oh, die meiste Zeit ganz sicher Königsweg. Eine Idee zu haben, sie als Konzept entwickeln zu können und dann tatsächlich in die Umsetzung zu gehen, ist sehr beglückend, wenn so viele Menschen dann schlussendlich mitgehen und Du spürst, dass Liebe und Zuwendung fließen. Dann ist das ganz sicher königlich vom gemeinschaftlichen Gefühl her.

Aber natürlich sind Projekte, die Dich an neue Ufer führen, auch immer eine Art Odyssee. Es tauchen gefährliche Klippen auf, unerwartete Stürme bauen sich auf, vermeintliche „Verbündete“ verwandeln sich in tierische Wesen. Ich bin auch im Alter immer noch viel zu idealistisch, vielleicht auch zu blöd für diese Welt und von daher an der Stelle schlecht gewappnet. Männliche Sirenen in der Stadtverwaltung und an ein, zwei anderen Stellen zum Beispiel kannte ich bis dato gar nicht. Gut, dass Freunde und Familie mich vorausschauend fest vertäuten.

Heißt konkret?

Dass man als Taube auch Federn lässt. Ich werde hier ganz sicher nicht persönlich werden, aber der Raubbau an geistigem Eigentum beispielsweise ist auch eine Form von „MeToo“, den ja gerade Frauen gut kennen. So alt kann man offensichtlich gar nicht werden, dass eigenwillige Ideen zu Beginn abgetan werden, bei Erfolg aber plötzlich viele Väter und keine Mutter mehr haben.

Die Stadtkrone ist in diesem Jahr ein „Bürgerpark“ im besten Sinne gewesen. Was macht Sie zuversichtlich, dass diese Idee nicht wieder im Sande verläuft?
Nichts. Es gibt im Leben für nichts eine Garantie, keine Geschenke, man muss sich alles erarbeiten, manchmal hart, immer mit Liebe. Aber mein Glaube in die Dorstener Stadtgemeinschaft ist seit 2013 absolut unerschütterlich. Was ist hier alles schon gelungen, wo zuvor niemand einen Pfifferling drauf gegeben hätte!

Und im nächsten Jahr bekommt die „Stadtkrone“ tatsächlich eine Stadtkrone als Landmarke aufgesetzt. Wie kam es dazu?

Eine Landmarke auf der herrlich hohen Westspitze des Geländes als krönendes Zeichen und „BürgerTempel“ war von der ersten Sekunde an zentraler Bestandteil in meinem Konzept. Mein Traum war, um die gestalterische Qualität so hoch wie möglich zu halten: ein geladener Kunst- und Architekturwettbewerb mit fünf erstklassigen Teams. Nichts davon schien am Anfang möglich, aber darum habe ich voller Leidenschaft und mit viel Zuversicht gerungen. „Observatorium“ aus Rotterdam hat gewonnen und im nächsten Jahr trinken wir dort alle gemeinsam Tee und schauen ins weite Land zwischen Lippe und Kanal, wo die Sonne im Westen versinkt. Im Wettbewerb dabei waren, was mir wichtig ist zu erwähnen, die wunderbaren Teams um Holtkamp-Architekten aus Kirchhellen, Kurscheid und Partner aus Dorsten, Benjamin Bronni aus Stuttgart und Martin Kaltwasser aus Berlin. Was für eine Ausbeute an Kreativität für Dorsten!

„Stadtkrone“-Erfinderin macht Schluss und spricht auch von einer Odyssee

Die ehemalige Jugendverkehrsschule, der sogenannte „KunstKiosk“, wurde beim „Funkeln“ im Bürgerpark kunstvoll beleuchtet. © Michael Birkner

Die alte Jugendverkehrsschule haben Sie „KunstKiosk“ getauft, warum?

Der Ort ist fantastisch. Liebe auf den ersten Blick, schon im September 2016. Dem musste ich einen neuen Wert zugestehen, da ist ein provokanter Name manchmal sehr hilfreich, weil er die Wahrnehmung irritiert und schon ist Aufmerksamkeit da. Das KunstKiosk, das ja ganze Anfang 1979 tatsächlich eine Trinkhalle war, wurde vom schrömmeligen unbekannten Ort zum Treffpunkt der Menschen, zur Werkstatt der Künstler, zu einem Ort, der zukünftig noch viel mehr von alldem sein sollte: lebendiges Bürgerherz des Parks mit einem Kräuter- und Staudengarten drumherum und freier Sicht in den Park und bis zum Kanal. Der Herrenrunde um Hartmut Bettin sei Dank für ihre jahrzehntelange Bekümmerung des Ortes. Zum „Funkeln“-Finale am 17. November habe ich die alte Jugendverkehrsschule bewusst so ausleuchten lassen, dass endlich alle die ihr innewohnende bauliche Schönheit bewundern konnten.


Sie haben für das Gelände so manch neue Begriffe geprägt, „Baum-Piazza“ zum Beispiel.

Ich schaue mir Orte zuerst sehr genau an und lausche ihnen ihre Qualitäten ab. Der Eingangsbereich zwischen Diakonie und LWL-Wohnhaus mit seinen herrlichen alten Platanen hat mich sofort gefesselt. Der Begriff „Baum-Piazza“ war auch sofort da, alles war im Grunde schon da, nur eben verludert und menschenbefreit, wie so vieles damals in Maria Lindenhof. Niemand nahm die Qualität wahr, mit dem Begriff „Baum-Piazza“ bin ich dann hausieren gegangen und nun ist er der wunderbare Ort, der er sein kann: Bäume getrimmt, Boden hergerichtet, Bänke aufgestellt und schon wurden Aktivitäten von Slackline bis Boule ausgelöst. Oder man sitzt einfach nur da, schaut in die Sonne und schnackt.

„Stadtkrone“-Erfinderin macht Schluss und spricht auch von einer Odyssee

Bürgermeister Tobias Stockhoff erhielt von Marion Taube beim „Funkeln“-Finale in der „Stadtkrone“ eine kleine Krone – als „sinnliche Staffelübergabe“. © Michael Birkner

Anstiftung zur Stadtentdeckung, dann Lippe-Polder-Park, nun die Stadtkrone: Gibt es noch etwas in Dorsten, das Sie eines Tages gerne anpacken würden?

Nein. Ich bin durch mit Dorsten (lacht herzlich). Dreimal in sechs Jahren - 2013, 2015 und 2017 - etwas denken, umsetzen und erleben zu dürfen, was jenseits von Alltag und Kommerz so vielen Menschen so reiche Erfahrung beschert hat und mir selbst ja auch, da muss man dankbar sein und wieder still. Drei ist zudem meine magische Zahl. Und wie sagte Picasso so schön: Ich suche nicht, ich finde...

Zum „Funkeln“-Finale am vergangenen Samstag überreichten Sie dem Bürgermeister eine goldene Krone am blauen Bande. Was hatte es damit auf sich?
Das „Funkeln“-Finale am Samstag war für mich tatsächlich das Finale meiner Kuratorenschaft, die sinnliche Staffelstabübergabe an die Bürger. Der Bürgermeister als erster Bürger der Stadt, den ich gerne meinen „Meister-Bürger“ nenne und nennen darf, hat dazu stellvertretend für alle Dorstenerinnen und Dorstener symbolisch eine kleine funkelnde Krone von mir bekommen, die ihn immer daran erinnern soll, mutig vorauszugehen, eher zu wagen als zu verzagen und das offensiv in sein Haus zu tragen. Tobias Stockhoff muss nun den Takt im Park und für die Kultur dieser Stadt mitsamt all ihrer Stadtteile hoch und pulsierend halten, administrativ, menschlich, aber auch ästhetisch: hochkarätig weiterfunkeln eben.

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