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So bringt die abc-Gesellschaft aus Dorsten Bildung in die Welt

dzAlphabetisierung

Seit 35 Jahren baut die abc-Gesellschaft aus Dorsten Schulen in Asien, Südamerika und Afrika. Der Vereinsgründer ist auch mit 81 Jahren voller Elan. Weil es noch so viel zu tun gibt.

Dorsten

, 21.04.2019 / Lesedauer: 5 min

Franz-Josef Kuhn hat in Bolivien Kinder in Bergwerken schuften sehen. Er hat in Indien erlebt, wie Kinder Steine klopfen. Und in Afrika hat er Mädchen und Jungen getroffen, die unterernährt waren, „dann wird schnell klar, wie privilegiert wir leben“, sagt er.

Deshalb hat er 1984 die „abc-Gesellschaft zur Förderung des Lesen- und Schreibenlernens in der 3. Welt“ in Dorsten gegründet, deren Präsident er mit inzwischen 81 Jahren noch immer ist. Ist er ein Weltverbesserer? Nein, so etwas würde Franz-Josef Kuhn über sich selbst niemals sagen. „Wenn ich Leute nicht leiden kann, sage ich, ich mache das aus Geltungsdrang!“, sagt er mit einem Augenzwinkern. „Aber in Wirklichkeit glaube ich, dass wir an die, auf deren Kosten wir zum Teil leben, etwas zurückgeben müssen.“

„Wir müssen etwas zurückgeben an die, auf deren Kosten wir zum Teil leben.“
Franz-Josef Kuhn

Bildung vor allem. Denn damit kennt sich Franz-Josef Kuhn aus. 1971 gründet er in Dorsten den Spectra-Lehrmittelverlag, später den Verlag „Logo“. Der Ein-Mann-Betrieb, der in den Folgejahren stark expandiert, produziert Lehrmittel für Schüler der Klassen eins bis sechs und für Kindergärten, ist viele Jahre Marktführer für didaktische Lehrmittel. 1998 wird der Verlag an die Holzbrinck-Gruppe verkauft, später an den Westermann-Verlag.

So bringt die abc-Gesellschaft aus Dorsten Bildung in die Welt

Nicht nur den Bau von Schulen fördert die Dorstener abc-Gesellschaft. Sie kümmert sich auch um Lehrmaterialien. © privat

Kuhn bleibt bis 2006 als Geschäftsführer, berufstätig ist er aber bis Dezember 2018. Zunächst als Bevollmächtigter der Westermann-Verlagsgruppe, dann als Vorstandsmitglied des ältesten und größten Bildungsverlages in Russland und zuletzt als Aufsichtsrat einer großen Bildungsstiftung in Moskau. Jetzt widmet er sich ausschließlich seiner ehrenamtlichen Arbeit für die abc-Gesellschaft. Der Verein ist sein Lebenswerk. „Die Alphabetisierung ist der Weg, den Teufelskreis von Unwissenheit, Armut, Hunger, Krankheit und Kindersterblichkeit zu durchbrechen“, glaubt er.

Lehrer-Wander-Akademie in Südamerika

Franz-Josef Kuhn baut die erste Indianer-Universität in Südamerika, organisiert Alphabetisierungsprojekte für die Hochlandindianer in Bolivien, Ecuador und Peru. Sie lernen lesen und schreiben, gleichzeitig werden 32.000 Lehrer in der von ihm gegründeten „Lehrer-Wander-Akademie“ weitergebildet. Kuhn zieht selbst durchs Land, lernt Ausbilder an. Die Dorstener Gesellschaft baut ein Schulzentrum in Ecuador, dann die erste Universität für Hochland-Indianer in Südamerika.

Alphabetisierungsrate

750 Millionen Menschen können nicht lesen und schreiben

  • 750 Millionen Menschen weltweit können nicht lesen und schreiben. Etwa die Hälfte aller Analphabeten lebt in Südasien, 27 Prozent leben in Afrika südlich der Sahara. Nach Auskunft der Hilfsorganisation SOS-Kinderdörfer ist die Analphabetismus-Rate in Niger weltweit am höchsten. Dort könnten fast 80 Prozent der Erwachsenen nicht lesen und schreiben. Es folgen Burkina Faso (71 Prozent) und Sierra Leone (70 Prozent).
  • Zu den 750 Millionen Erwachsenen weltweit zählt die UNESCO alle Menschen ab 15 Jahren, die nicht lesen und schreiben können. Noch immer sind zwei Drittel davon Frauen. Dabei hat sich die Weltgemeinschaft mit der Globalen Nachhaltigkeitsagenda dazu verpflichtet, bis zum Jahr 2030 allen Menschen weltweit Lese- und Schreibkompetenzen zu vermitteln, so die Deutsche UNESCO-Kommission am 6. September 2018 anlässlich des Welttages der Alphabetisierung.

Weiter geht’s in Asien. In Nepal hilft die abc-Gesellschaft um die Jahrtausendwende beim Aufbau einer Schule für die Kinder leprakranker Eltern. „Die Schule in Katmandu nimmt auch die Eltern der Kinder auf“, erklärte der Präsident damals. „Hier lernen sie lesen und schreiben und werden handwerklich ausgebildet, zum Beispiel in der schuleigenen Töpferei.“

Dorsten unterstützte Hilfsprojekt in Sri Lanka

Nach dem verheerenden Tsunami auf Sri Lanka am zweiten Weihnachtstag 2004, bei dem auch drei Mitglieder einer fünfköpfigen Familie aus Dorsten ums Leben kommen, initiiert Franz-Josef Kuhn das Projekt „Dorsten hilft“. Mehrere 10.000 Euro sammelt die abc-Gesellschaft binnen kurzer Zeit für ein Schulzentrum und ein Lehrerfortbildungshaus im tamilischen Nordosten des Landes, mitten in der Bürgerkriegs-Region. „Viele Bürger und Unternehmer in Dorsten haben dafür gespendet.“ Der inzwischen verstorbene Dorstener Reeder Jürgen Salamon ermöglicht den Bau von 15 Fischerbooten für die Küstenregion.

So bringt die abc-Gesellschaft aus Dorsten Bildung in die Welt

Nach dem verheerenden Tsunami auf Sri Lanka baute Franz-Josef Kuhn ein Schulzentrum und ein Lehrerfortbildungshaus mitten in einer Bürgerkriegsregion. © privat

Zu Dorsten hat Franz-Josef Kuhn bis zum heutigen Tag eine enge Verbindung. Er hat zwar „immer in Essen gelebt“, aber die abc-Gesellschaft hat ihren Sitz in Dorsten behalten, seine Verlage hat er einst hier gegründet. Noch immer ist er im Kuratorium der Tisa-von-der Schulenburg-Stiftung, Dorstens verstorbener Ehrenbürgerin, war im Beirat und ist Mitglied im Verein für jüdische Geschichte und Religion. Auch da geht es ja um Bildung.

Zur Sache

Recht auf Bildung

  • Das Recht auf Bildung ist ein Menschenrecht gemäß Artikel 26 der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte der Vereinten Nationen vom 10. Dezember 1948. Es gilt als eigenständiges kulturelles Menschenrecht und ist ein zentrales Instrument, um die Verwirklichung anderer Menschenrechte zu fördern. Es thematisiert den menschlichen Anspruch auf freien Zugang zu Bildung, auf Chancengleichheit sowie das Schulrecht.
  • Bildung ist wichtig für die Fähigkeit des Menschen, sich für die eigenen Rechte einzusetzen und sich im solidarischen Einsatz für grundlegende Rechte anderer zu engagieren. Das gilt für alle gleichermaßen ohne Diskriminierung hinsichtlich der Rasse, der Hautfarbe, des Geschlechts, der Sprache, der Religion, der politischen oder sonstigen Anschauung, der nationalen oder sozialen Herkunft, des Vermögens, der Geburt oder des sonstigen Status‘.

Wie damals in Dorsten, so läuft es immer: Die abc-Gesellschaft ist auf Spenden angewiesen. Manchmal gibt es Zuschüsse vom Land NRW, oft unterstützen Schulen mit Aktionstagen die Arbeit. „Jeder Euro geht ohne Abzug von Werbe-, Reise- oder Verwaltungskosten in die Projekte“, betont Kuhn stets. „Jedes Projekt wird direkt und unmittelbar durchgeführt und kontrolliert.“

So bringt die abc-Gesellschaft aus Dorsten Bildung in die Welt

Mehr als 20 Schulen hat die abc-Gesellschaft inzwischen gebaut. Franz-Josef Kuhn überzeugt sich anschließend jedes Mal, wie der Unterricht „läuft". © privat

Wie auch die in Malawi. 2008 war Franz-Josef Kuhn zum ersten Mal in einem der ärmsten Länder der Welt im Südosten Afrikas. Ein Taxifahrer brachte ihn in den sehr armen Norden Malawis, nach Chikhosi. Die Dorfbewohner hatten dort versucht, eine Schule zu bauen - ohne Geld und fremde Hilfe. Kuhn erkannte sofort, dass der Rohbau die nächste Regenzeit nicht überstehen würde. Er versprach Hilfe, sammelte Geld und finanzierte die erste abc-Schule in Malawi. Der Anfang auch in diesem Entwicklungsland war gemacht.

„Die wirklich zu Ehrenden sind die, die unter größten Opfern ihre Kinder versorgen und schulisch voranbringen.“
Franz-Josef Kuhn

Im Januar dieses Jahres haben der malawische Außenminister Dr. Emmanuel Fabiano und der deutsche Botschafter Jürgen Borsch die abc-Primarschule in Ntonda im Süden von Malawi feierlich eingeweiht. Im Jubiläumsjahr 2019 sollen noch vier weitere Schulen hinzukommen, „Nach Übergabe im September haben wir dann insgesamt 26 Schulen gebaut, 17 davon in Malawi“, sagt Kuhn.

Die Dankbarkeit, die er jedes Mal erfährt, wenn eine Schule eröffnet wurde, bestärkt den 81-Jährigen in seiner Arbeit. Mal sind es E-Mails mit netten Worten und Fotos, die den Schulunterricht dokumentieren. Ein Video der Cosby-Band aus München entstand während der Eröffnungstage im abc-Schulzentrum in Mpemba. „Die Band hat auch die Solaranlage gestiftet“, freute sich der Präsident.

Ende Oktober 2018 hat ihn der Außenminister drei Tage in Deutschland besucht. „Wir haben zusammen mit dem malawischen Botschafter ein umfassendes, landesweites Aus- und Weiterbildungsprojekt vorbereitet“, so Kuhn. Die abc-Gesellschaft sei beauftragt worden, das Projekt zu entwickeln und den entsprechenden Antrag beim Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung einzureichen.

Persönliche Ehrungen sind ihm nicht so wichtig

Manchmal gibt es auch persönliche Auszeichnungen für Franz-Josef Kuhn, die ihm eigentlich „nicht so wichtig sind“, wie er sagt. Das Bundesverdienstkreuz hat er bekommen, Orden, Staatspreise und eine Ehrenbürgerschaft. In einem Interview hat er mal gesagt: „Die wirklich zu Ehrenden sind die, die in der sogenannten Dritten Welt unter schwierigsten Umständen ihre Familien mit Anstand und Würde durchbringen und unter größten Opfern ihre Kinder versorgen und schulisch voranbringen.“

Am 2. April ist der 81-Jährige zum 19. Mal nach Malawi gefahren. Zuerst zu einem Meeting mit dem Staatspräsidenten und vier Ministern für das landesweite Aus-und Weiterbildungsprojekt. Danach ging es zu den vier neuen Baustellen im Süden des Landes. Dort hat der gewaltige Orkan Idai gewütet und große Überschwemmungen ausgelöst. „Viele tausend Menschen sind obdachlos geworden. Manche schlafen mit ihren Kindern in den abc-Schulen“, sagt der Präsident. Er hatte Geld dabei, um Zement zu kaufen, damit die Häuschen und Hütten von Lehrern und Eltern wieder aufgebaut werden können. „Ein Sack kostet 10 Euro. Das ist sehr viel für Menschen, die nichts mehr besitzen.“

Die Hilfe der abc-Gesellschaft ist nur ein Tropfen auf den heißen Stein, mögen Kritiker einwerfen. „Aber viele Tropfen ergeben ein Meer“, pflegt Franz-Josef Kuhn dann zu erwidern.

Spendenkonto der abc-Gesellschaft: Sparkasse Vest in Dorsten, IBAN DE86 4265 0150 0070 0130 08. Es sind auch Stipendium-Patenschaften möglich. Nähere Infos auf der Homepage des Vereins: www.abc-gesellschaft.de
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