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Während einer feuchtfröhlichen Geburtstagsfeier in einem Dorstener Kanuten-Vereinsheim soll ein Dorstener eine Frau vergewaltigt haben. Doch was passierte wirklich in der Nacht?

Dorsten

, 08.05.2019 / Lesedauer: 3 min

Es war eine ganz normale Familienfeier. Mehr als 100 Gäste saßen vor gut einem Jahr an einem Februar-Abend im Dorstener Vereinsheim eines Kanu-Clubs beisammen, tanzten, der Alkohol floss in Strömen. Auch eine 32-jährige Kölnerin trank dort eine ganze Menge, Erinnerungen an die Party hat sie seitdem keine mehr. Sie weiß nur noch, dass sie am nächsten Morgen im Hause ihrer Eltern mit zahlreichen Kratzern, Prellungen, Wunden, blauen Flecken am ganzen Körper und dazu mit Verletzungen im Genitalbereich aufwachte.

Dorstener war angeklagt

Was war der jungen Frau in dieser Nacht passiert? Mit dieser Frage musste sich am Mittwoch das Dorstener Schöffengericht beschäftigen. Auf der Anklagebank saß ein 45-jähriger Dorstener aus dem Umfeld der Kanufreunde, auch er war damals zur Feier eingeladen - und soll die Frau dort laut Anklage der Staatsanwaltschaft vergewaltigt haben.

„Hatte einen Filmriss“

Die Kölnerin konnte nur wenig zur Aufklärung beitragen, „ich hatte einen Filmriss“, erklärte sie. Nicht einmal den Angeklagten erkannte sie im Gerichtssaal wieder. Nachdem sie sich am Tag nach der Dorstener Feier zu Hause im Spiegel betrachtete, ging sie zur Polizei. Sie konnte sich die Verletzungen nicht erklären, sagte sie aus, ihr sei aber klar gewesen, dass in der Nacht zuvor irgendetwas Schlimmes passiert sein muss, gegen das sie sich nicht habe wehren können.

In Verdacht geriet der Dorstener. Er war nämlich von drei schwer überraschten Gästen dabei beobachtet worden, wie er auf dem Dachboden des Clubhauses halb ausgezogen auf der Kölnerin lag. Weil er so betrunken war, der Dachboden zudem sehr ungemütlich und es dort sehr kalt und zugig gewesen sei, sei es aber nicht zum endgültigen Geschlechtsverkehr gekommen, sagt er aus.

„Sex ging von ihr aus“

Die sexuellen Handlungen seien von der Frau ausgegangen, betonte der 45-Jährige, der damals zehn Bier und mehrere Schnäpse intus hatte. Auch die Augenzeugen, darunter ein 85-jähriger Rentner und eine 22-jährige Studentin, sagten im Gericht aus, dass sie den Eindruck hatten, der Sex zwischen den beiden schien „einvernehmlich“ gewesen zu sein.

Sie und weitere Zeugen erzählten, die Kölnerin, die in einer Kölner Medienagentur als Projektkleiterin arbeitete, habe kurz vor den Geschehnissen an der Theke Ouzo für die Gäste ausgeschenkt und selbst am meisten davon getrunken. Irgendwann habe sie einem Thekengast Avancen gemacht, ihn zu küssen versucht und ihm ins Ohr gebissen, als dieser sich gegen ihre Annäherungsversuche wehrte.

Getorkelt und hingefallen

Der Angeklagte kam ins Spiel, weil er von anderen Gästen gebeten wurde, die Frau abzulenken. „Deshalb wollte ich ihr das Bootshaus nebenan zeigen“, so der Dorstener: „Dann hat sie mich angebaggert und wir sind übereinander hergefallen.“ Nachdem die drei Gäste, die auf der Suche nach den plötzlich Verschwundenen waren, die beiden in flagranti erwischt hatten, ging der Angeklagte mit der Kölnerin zum auf dem Kanuten-Gelände stehenden Wohnwagen seines Bruders. Dabei sei sie schwer getorkelt und mehrfach hingefallen.

Schließlich habe er seinen Bruder und den Onkel der Frau zu Hilfe gerufen. „Meine Nichte wollte nicht mit uns nach Hause, sondern klammerte sich an den Angeklagten und wollte bei ihm bleiben“, so der Onkel: „Wir mussten sie kräftig anfassen, um sie überhaupt ins Auto zu bekommen.“

„Moralisch fragwürdig“

Moralisch fragwürdig sei das Verhalten des Angeklagten gewesen, so Richterin Lisa Hinkers, aber nicht strafbar. Das sah auch die Anwältin der Kölnerin so, die als Nebenklägerin auftrat. „Er hat sich mies verhalten, er hat gesehen, dass die Frau schwer betrunken gewesen ist“, sagte sie. Sie, der Anwalt des Angeklagten und auch der Staatsanwalt („die Frau war zum Zeitpunkt des Geschehens nicht willenlos“) plädierten auf Freispruch. Dem gab das Gericht statt. „Und dennoch gibt es hier nur Verlierer“, so Richterin Hinkers. Denn die Kölnerin musste anschließend in Therapie, die Ehe des Angeklagten zerbrach nach dem Vorfall.

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