Schwer, aber lohnenswert

Vermittlung von Pflegekindern

„Ich war immer sicher, dass es gelingt.“ Vor 20 Jahren machte sich Hildegard Overfeld mit Helga Biermann selbstständig. Sie gründeten als Alternative zu den gesättigten Trägern die GmbH „Perspektive. Individuelle Erziehungshilfen“mit dem Ziel, Pflegekinder zu vermitteln und betreuen. Mittlerweile ist das Unternehmen gewachsen und gefragter denn je: „Wir können die vielen Anfragen gar nicht alle annehmen“, bedauert die Geschäftsführerin.

DORSTEN

, 03.08.2017, 16:20 Uhr / Lesedauer: 2 min
Hildegard Overfeld (sitzend) lässt auf ihrem Computer-Bildschirm die Fotos von früheren Aktionen und Festen der "Perspektive-Gemeinschaft" Revue passieren - sehr zum Vergnügen ihrer Mitarbeiterinnen Kirsten Heyer, Rita Lammersmann und Anke Schug (v.l.).

Hildegard Overfeld (sitzend) lässt auf ihrem Computer-Bildschirm die Fotos von früheren Aktionen und Festen der "Perspektive-Gemeinschaft" Revue passieren - sehr zum Vergnügen ihrer Mitarbeiterinnen Kirsten Heyer, Rita Lammersmann und Anke Schug (v.l.).

Hildegard Overfeld ist ausgebildete Sonderpädagogin, hat vier eigene Töchter und drei angenommene Söhne großgezogen und strotzt vor Tatkraft und Energie. Wer sie an ihrer Wirkungsstätte, dem PerspektiveHaus (An der Molkerei 24), erlebt, spürt die Leidenschaft, mit der sie „ihre Sache“ lebt. „Wir waren damals froh, dass wir dieses große Haus in Hervest kaufen und damit unser Angebot durch eine stationäre Jugendhilfe mit der Konzeption einer Mutter-Kind-Einrichtung sowie einer Babyschutzstelle erweitern konnten“, sagt Hildegard Overfeld – nach dem altersbedingten Ausscheidungen von Helga Biermann 2010 alleinige Geschäftsführerin der GmbH.PerspektiveHaus war schnell ausgebucht Am 1. Februar 2009 öffnete das PerspektiveHaus, zwei Monate darauf war es bereits ausgebucht. „Die erste Mutter, die hier einzog, brachte ihr Kind mit, das bei der Geburt nur 450 Gramm gewogen hatte und monatelang im Krankenhaus aufgepäppelt worden war“, freut sich Hildegard Overfeld, dass die Erstbewohner immer noch Kontakt zu ihr haben: „Mutter, Kind und Beziehung haben sich bestens entwickelt.“ Das 1000 qm große Haus bietet zehn „Mutter-und-Kind-Plätze“. Die damals in diesen Bereich integrierten vier Babyschutz-Plätze für die schnelle Unterbringung in Notsituationen sind mittlerweile auf eine eigene Etage ausgelagert und auf insgesamt sechs Plätze aufgestockt worden. Ein großer Garten mit Spielmöglichkeiten, freundlich eingerichtete Zimmer und ein professionell ausgebildetes Team von etwa 50 Mitarbeitern schaffen die Rahmenbedingungen dafür, dass sich die meist traumatisierten Mütter und Kinder an diesem Ort heimisch fühlen.Perspektiven entwickeln

„Wir geben den Müttern die Chance, nachzureifen, Perspektiven zu entwickeln, im Idealfall mit ihrem Kind“, propagiert die Geschäftsführerin einen wertschätzenden und respektvollen Umgang miteinander. Die zunehmende Anzahl von Anfragen der Jugendämter im weiten Umkreis – vor allem in der Bereitschaftspflege – macht Hildegard Overfeld schwer zu schaffen: „In der letzten Woche hatte ich alleine 17 Anfragen nach Vermittlungen“, muss sie immer mehr Absagen erteilen. Die Gründe für diesen Trend sind vielschichtig: „Zum einen stehen die Jugendämter durch die veröffentlichten Fälle von zu Tode misshandelten Kindern verstärkt unter Druck und greifen früher ein“, meint Hildegard Overfeld. Zum anderen litten die Mütter heute weitaus mehr an psychischen Erkrankungen: „Früher ging es in der Hauptsache um Vernachlässigung und Erziehungsunfähigkeit, heute machen Drogen, Alkohol, destabile Familiensysteme die Fälle weitaus komplexer und gravierender“, urteilt sie.Kinder sind oft traumatisiert Als Folge litten auch die Kinder oft an schwerwiegenden Traumata. Waren es früher meist Jungen in fortgeschrittenem Alter, werden die Kinder, die heutzutage in schützende Obhut gegeben werden müssen, immer jünger: „Das jüngste Kind, das wir aufgenommen haben, war gerade drei Tage alt“, sagt die Geschäftsführerin. Sie weiß, dass man bei der Betreuung dieser verhaltensauffälligen Kinder an seine Grenzen geraten kann. Deswegen gilt ihre hohe Wertschätzung auch den Pflegefamilien, die sich dieser verantwortungsvollen Aufgabe stellen. „Wir haben zurzeit 30 Pflegefamilien mit 40 Pflegekindern“, wünscht sich das Vermittler-Team um Hildegard Overfeld (Anke Schug, Rita Lammersmann, Kirsten Heyer und Sandra Vesper) weitere interessierte Familien, die die Voraussetzungen für die Aufnahme eines Pflegekindes mitbringen.  

Danke-Fest anlässlich des 20. Jubiläums

Ein Danke-Fest im eigenen Garten hat die Chefin anlässlich des 20. Geburtstages ihrer „Perspektive“ schon mit allen Mitarbeitern und Pflegefamilien gefeiert. „Es ist eine schwere, aber auch lohnenswerte Arbeit“, sagt die „Perspektive“-Gründerin. Doch momentan steht sie fassungslos vor dieser erschreckenden Entwicklung: „Wohin sich das kollabierende System der Jugendhilfe bewegen wird – ich weiß es nicht.“ Eins weiß die 62-Jährige allerdings ganz gewiss: „Ich mache weiter, so lange ich es kann.“ Auf die nächsten 20 Jahre!

Lesen Sie jetzt