Schülerfotos: Vertriebsleiter tritt die Flucht nach vorn an

Landgericht Bochum

Im Bestechungsprozess rund um Foto-Aufträge an Schulen in Dorsten, Lünen, Recklinghausen und vielen anderen Städten hofft nun auch der Vertriebsleiter auf eine Bewährungsstrafe.

Dorsten, Bochum

, 28.02.2020, 18:30 Uhr / Lesedauer: 2 min
Geständnis abgelegt: Der angeklagte Vertriebsleiter neben Verteidiger Wilhelm Krekeler.

Geständnis abgelegt: Der angeklagte Vertriebsleiter neben Verteidiger Wilhelm Krekeler. © Jörn Hartwich

„Mir war bewusst, dass ich Einfluss auf die Entscheidung der Schulleiter nehmen würde. Das habe ich in Kauf genommen. Dafür habe ich die Verantwortung zu tragen.“ Mit diesen Worten hat nun auch der Vertriebsleiter eines Gelsenkirchener Foto-Unternehmens die Flucht nach vorn angetreten.

Seit rund einer Woche muss sich der 45-Jährige gemeinsam mit dem ebenfalls angeklagten Firmenchef in Bochum vor Gericht verantworten. Es geht um massive Bestechungsvorwürfe bei der Akquise von Schulfoto-Aufträgen – unter anderem am Petrinum in Dorsten, an der Käthe-Kollwitz-Gesamtschule in Lünen, am Hittorf-Gymnasium in Recklinghausen und an der städtischen Realschule Datteln.

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„Habe die Zuwendungen freigegeben“

Der Vertriebsleiter hatte offenbar nur selten direkt Kontakt zu den Schulleitern. Das übernahmen in der Regel sogenannte „Kontakter“. Doch jede Zuwendung, die versprochen und gewährt wurde, ging über seinen Schreibtisch. „Mir wurden die Bescheinigungen vorgelegt und ich habe sie in der Regel zur Auszahlung freigegeben“, so der 45-Jährige. „Mir war dabei klar, dass es sich in der ganz überwiegenden Zahl um strafbewährte Handlungen gehandelt hat.“

Trotzdem sei längst nicht jeder Schule etwas versprochen worden. „Nach unseren Recherchen gab es in 80 Prozent der Fälle keine Zuwendungen.“ Die Kontakter seien sogar Provisionen in Höhe von 50 Cent pro Foto versprochen worden, wenn der Auftrag ohne Spende oder Gutschein-Versendung zustande komme. 2018 habe man sich dann entschlossen, überhaupt keine Zusatzleistungen mehr anzubieten.

Firmenchef fehlt der Überblick

Zu diesem Zeitpunkt liefen die Ermittlungen der Staatsanwaltschaft allerdings schon auf Hochtouren. In der Anklage ist davon die Rede, dass zwischen 2012 und 2018 zehn Prozent des Umsatzes in den Schulen verblieben seien. Das Gesamtvolumen von Bargeldzahlungen, Spenden und Gutscheinen für Schülerausweise oder Jahreskalender soll sich auf mindestens 350.000 Euro belaufen.

Dass das Geschäft trotzdem noch einträglich gewesen sein muss, lässt ein Blick auf die persönliche Situation des Firmenchefs erahnen. Als die Richter am Freitag seine finanziellen Verhältnisse abfragten, brauchten sie fast zwei Stunden. Es gab Aktiendepots, Lebensversicherungen, Bargeld-Reserven und überall Immobilien, die zum Großteil auch heute noch im Besitz des 63-Jährigen sind. Vier allein in den USA. „Ob er überhaupt noch einen Überblick habe“, wollten die Richter wissen. Die Antwort war kurz: „Nein.“ Beide Angeklagte hoffen auf Bewährungsstrafen.

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