Vor dem Gebäude der städtischen Windor an der Bismarckstraße ist entstanden, was den Bürgern in Barkenberg nicht gestattet ist: ein Steinbeet. Das Stadtklima leidet unter den Steinwüsten.

Dorsten

, 08.07.2018, 13:40 Uhr / Lesedauer: 5 min

Dorsten ist eine Flächenstadt mit hohem Grünanteil. „In der Stadt Dorsten sind 276 Hektar Gemeindeflächen als öffentliche Grünflächen ausgebaut. Diese Flächen können nur ihrem hohen Anspruch an Ästhetik, sowie ihrem ökologischen und sozialen Wert gerecht werden, wenn sie qualifiziert gepflegt und unterhalten werden“, heißt es auf der Homepage der Stadt Dorsten.

Diesen Standards entspricht die Fläche vor dem Gebäude der städtischen Wirtschaftsförderungsgesellschaft Windor an der Bismarckstraße nicht. Sie wurde im Zuge des Ausbaus der Kreisstraße umgestaltet. Aber wie Stadtsprecherin Lisa Bauckhorn auf unsere Anfrage sagte: „Ein Landschaftsgärtner hat im Auftrag der Windor das Konzept erarbeitet und umgesetzt.“ Das sieht dann so aus: Inmitten vom groben, grauen Gestein reckt spärlich gesetztes Immergrünes sich in die Höhe. Ansonsten nichts.

Grünkonzept für Barkenberg

Diese Bepflanzung entspricht nicht dem, was die Stadt ihren Bürgern in ihrem grünen Leitbild nahelegt. Insbesondere im Ortsteil Wulfen-Barkenberg erzeugt die Neugestaltung des städtischen Windor-Geländes Empörung. „Wofür gibt es bei uns ein Grünkonzept, wenn die Stadt sich selbst nicht daran hält“, sagten uns einige Bürger. In den von der Stadt formulierten Standards für eine Patenschaft für öffentliches Grün heißt es nämlich: „Grün bleibt Grün, keine Versiegelung, keine Abdeckung mit Kies, keine private Vereinnahmung öffentlicher Flächen durch Zäune oder Bebauung.“

Bei einem Ortsteilrundgang im Mai flanierte eine Gruppe von Barkenberger Bürgern durch die Siedlung am Hetkerbruch und stieß auf ein verbotenes Steinbeet. „Was grün ist, muss grün bleiben. Der Steingarten muss weg“, sagte ein Teilnehmer. Vielen Neubürgern müsse das Wissen um das Grünkonzept in Barkenberg erst vermittelt werden, damit solche Steingärten gar nicht erst angelegt werden, sagen alte Barkenberger,die am grünen Leitfaden festhalten.

In einer aktuellen Stellungnahme an unsere Redaktion schreibt der Dorstener Horst Kostrzewa, dass die städtische Windor mit ihrer Art der Flächengestaltung sogar gegen die Landesbauordnung, Paragraf 9, verstoßen habe. Darin heißt es: „Die nicht überbauten Flächen der bebauten Grundstücke sind wasseraufnahmefähig zu belassen oder herzustellen, zu begrünen und zu bepflanzen.“ Unser Leser fordert das Bauordnungsamt dazu auf, „sich dieser Ordnungswidrigkeit der Stadttochter anzunehmen“.

Das Griechenlandhaus

Wie die Stadt ihrerseits mutmaßliche Verstöße gegen ihr grünes Leitbild ahndet, hat zuletzt ein weiterer Neu-Barkenberger, Andreas Türpe, junger Hauseigentümer Am Gecksbach in Barkenberg, erfahren. Statt sich auf die vorgeschriebene standortgerechten heimischen Gehölze, Sträucher und Pflanzen zu beschränken, setzte sich Türpe mit der Anpflanzung von ortsunüblichen Palmen auf seinem Grundstück und teilweise auch auf Flächen der Gemeinde vor seiner Haustür in die Nesseln.

Palmen und Steinbeete unerwünscht

Sowohl Steinbeete als auch Palmen kollidieren mit den festgeschriebenen Gedanken der Gründerväter von Barkenberg, die das ursprüngliche Ökosystem trotz Besiedlung bewahren wollten und klare Pflanzempfehlungen und Verbote ausgesprochen haben.

Jetzt lesen

Für Andreas Türpe ging die Sache noch einmal gut aus: Bei einem Bürgervotum über sein „Griechenlandhaus“ im Ortsteil stimmte eine große Mehrheit der Barkenberger dafür, dass Ausnahmen geduldet werden, wenn Bürger im Gegenzug eine Patenschaft für Grünflächen vor ihrer Haustür übernehmen und für die Pflege sorgen.

Neue Stadt Wulfen ins Grün gepflanzt

Barkenberg ist als die Neue Stadt Wulfen vielen Architekten, Stadtplanern, Biologen und Ökologen ein Begriff. Seit seiner Gründung vor 50 Jahren ist der Dorstener Ortsteil Beispiel dafür, wie der Mensch Lebensraum erobern kann, ohne Tier- und Pflanzenwelt Schaden zuzufügen. Mitten auf die grüne Wiese im Norden der Stadt und vor den Toren der Hohen Mark wurde die Neue Stadt Wulfen-Barkenberg hochgezogen. Heute leben in Barkenberg 8.000 Menschen. Viele Ur-Barkenberger halten am Gedankengut der Schöpfer ihres Ortsteils eisern fest. Die Absicht der Gründerväter, ein intaktes Ökosystem zu schaffen, ist in ihrem Gedächtnis tief verwurzelt. Den Neubürgern muss das Wissen aber erst vermittelt werden. Denn einige haben bereits unwissentlich gegen den grünen Leitfaden verstoßen.

Vermutung: Geringer Pflegeaufwand

„Ich kann mir eigentlich nur vorstellen, dass die Windor die Fläche wegen des geringen Pflegeaufwandes so gestaltet hat“, sagt Annette Schulte Bochold. Die Biologin ist Wissenschaftliche Mitarbeiterin der Biologischen Station Lembeck. Der Personalmangel bei der Stadt sei ja schließlich bekannt. Die zunehmende Zahl von Schotterbeeten vor Einfamilienhäusern in Dorsten und nun auch bei der Stadt erfüllt die Biologin mit Sorge. Denn: „Für das Stadtklima ist dieser Trend total bedenklich. Steinbeete machen die Stadt noch wärmer, als sie ohnehin schon ist.“ Schulte Bochold sagt, dass ihr die Vorstellung von Steinen mit einem Pflanzen-Pinn in der Mitte nicht behagt. „Das ist kein Lebensraum für heimische Pflanzen und Insekten.“ Sie anerkennt aber auch, dass die Stadt mit Streuobstwiesen positive Akzente gesetzt hat. Bei der Windor sei mit der Anlage des Steinbeetes die Chance vertan worden, das Stadtklima zu verbessern.

Pflanzenparadies im Garten

Ein fürsorglicher Grünpate,der ein waches Auge auch auf die sein Grundstück umgehenden städtischen Flächen hat, ist Lothar Noe. Noe ist einer der ersten Siedler in Barkenberg. Er zog vor 42 Jahren mit seiner Frau Ingeborg in seinen Bungalow an der Dimker Allee. In seinem großzügigen Garten hat er sich ein artenreiches Pflanzenparadies geschaffen, das Insekten und Vögeln als Tummelplatz dient. „Wenn wir Besuch haben, dann sind alle von unserem Garten begeistert.“

Lothar Noe und Ehefrau Ingeborg pflegen seit neun Jahren 150 Quadratmeter öffentliche Grünfläche vor ihrer Haustür an der Dimker Allee.

Lothar Noe und Ehefrau Ingeborg pflegen seit neun Jahren 150 Quadratmeter öffentliche Grünfläche vor ihrer Haustür an der Dimker Allee. © Claudia Engel

Und auch vor seiner Haustür, an einem öffentlichen Weg an der Dimker Allee, pflegt er mit Billigung der Stadt seit neun Jahren städtisches Grün, weil die Stadt es „jahrzehntelang nach der Bepflanzung vernachlässigt hat“.

Keine Patenschaft besiegelt

Lothar Noe hat aber Abstand davon genommen, eine offizielle Grünpatenschaft mit der Stadt per Unterschrift zu besiegeln. Das wäre möglich gewesen, aber die Vorstellungen von Stadt und Noe, wie städtische Flächen von Bürgern gepflegt werden sollen, stimmen nicht überein. „Die Stadt kann sich auf meinen Mann verlassen, er kann sich aber nicht auf die Stadt verlassen“, sagt die Ehefrau.“ Sie nennt ein Beispiel: „Mein Mann ruft bei der Stadt an und erzählt, wie er das Beet bepflanzen möchte - der Stadt gehen seine Vorstellungen aber zu weit, obwohl er wirklich kompetent ist.“

Lothar Noe legt Wert darauf, dass sein schmuckes Einfamilienhaus von gepflegtem Grün umgeben ist.

Lothar Noe legt Wert darauf, dass sein schmuckes Einfamilienhaus von gepflegtem Grün umgeben ist. © Claudia Engel

Bürgermeister Tobias Stockhoff bescheinigte Lothar Noe bei einer kontroversen Diskussion auf einer Bürgerversammlung im Frühjahr in Barkenberg zum grünen Leitbild im Ortsteil zu hohe Ansprüche an die Spielräume, die eine Grünpatenschaft eröffnet.

Der städtische Vertrag für Grünpatenschaften mit den Bürgern sieht nämlich nur vor, dass „der Pate die Grünfläche regelmäßig besichtigt, einfache Pflegearbeiten und Säuberungen der Pflanz-, Rasen, Sitz- und Ruheflächen durchführt und Einrichtungen wie Bänke und Zäune hinsichtlich der Beschädigungen beobachtet“.

Auf gar keinen Fall ein Schotterbeet

Lothar Noes Engagement geht darüber hinaus. Das könnte ein Grund dafür sein, dass die Kommunikation mit der Stadt für ihn schwierig ist. Ein pflegeleichtes Schotterbeet möchte er vor seiner Haustür auf gar keinen Fall haben.

Auch echte Steingärten sind sinnhaft, wenngleich viele Menschen ihre einfallslosen Schotterbeete, die nichts anderes als Steinwüsten seien, wohl dafür halten. Negativbeispiele von „Gärten des Grauens“ gibt es viele; ein echter Steingarten hat laut Naturschutzbund (Nabu) Kultur und bietet „unter Verwendung von Kies, Steinen oder Splitt einen optimalen Standort für Pflanzen aus der Gebirgsflora oder für trockenheitsverträgliche Pflanzen“. Wie solche Steingärten aussehen, stellt der Naturschutzbund vor.

Standards stehen im Grünflächenkataster

Angeregt durch unsere Anfrage zu dem Windor-Steinbeet, das den Rathausmitarbeitern wegen der räumlichen Nähe zur Windor eigentlich nicht verborgen geblieben sein kann, erinnert die Stadt die Bürger noch einmal an städtische Standards. Sie stehen im Grünflächenkataster. Diese Standards will sie auch den Stadttöchtern in Erinnerung rufen. Darin heißt es unter anderem: „Der Gedanke der Ökologie und Naturnähe steht in Dorsten im Vordergrund: heimische Gehölze und Pflanzen werden bevorzugt, naturnahe Gestaltung und eine Vegetation, die sowohl heimische Insekten wie etwa Bienen Nahrung bietet und Früchte, die Vögeln als Futter dienen, stehen im Mittelpunkt.“

Dieser seltene Vogel, ein Steinschmätzer, fühlt sich in kargen, steinigen Landschaften zuhause.

Dieser seltene Vogel, ein Steinschmätzer, fühlt sich in kargen, steinigen Landschaften zuhause. © picture alliance / dpa

Eines der wenigen Lebewesen, das nach Ansicht der Biologin Annette Schulte Bochold in so einem steinigen, kargen Umfeld leben kann, ist übrigens der überaus seltene Steinschmätzer.

Das vom Aussterben bedrohte Vögelchen ist in den Alpen zuhause und sehr genügsam. Ob der jetzt einen neuen Lebensraum in Dorsten erkennt, weil es hier eine wachsende Zahl von Steinbeeten gibt? Die Biologin lacht. „Das ist eher unwahrscheinlich.“

Lesen Sie jetzt
„Volksentscheid“ in Dorsten über ein Grünkonzept
In dieser Woche startet die „Palmen-Wahl“ in Barkenberg

Zum ersten Mal gibt es in Dorsten eine Art Volksentscheid über die Grünpflege öffentlicher Flächen. Vor der am Freitag beginnenden Wahl kommen am Dienstag aber noch Befürworter und Gegner der Liberalisierung zu Wort. Von Stefan Diebäcker

Lesen Sie jetzt